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Aktien & BörseTeil 7 von 7

Bid, Ask, Spread und Markttiefe, was hinter den zwei Kursen steckt

Auf deinem Bildschirm steht selten ein Kurs, sondern meistens zwei. Einer, zu dem du verkaufen kannst, und einer, zu dem du kaufst. Dieser Teil zeigt, woher der Abstand dazwischen kommt, warum er eine echte Kost ist und wie viele Stücke hinter dem besten Preis überhaupt noch liegen.

Portora Redaktion10 Min Lesezeit

Grundlage

Warum in der Wechselstube zwei Zahlen hängen

Am Schalter einer Wechselstube stehen für dieselbe Währung immer zwei Kurse. Zu dem einen kauft die Stube dir Geld ab, zu dem anderen verkauft sie es dir. Der Unterschied ist ihr Verdienst dafür, dass sie jederzeit beide Seiten bedient.

An der Börse ist es dasselbe Bild, nur ohne Schalter. Auch dort steht für jedes Papier ein Preis, zu dem du sofort verkaufen kannst, und ein anderer, etwas höherer, zu dem du sofort kaufst. Dass ein Preis überhaupt aus zwei gegenläufigen Interessen entsteht, beschreibt der Artikel dazu, wie Preise wirklich entstehen.

Der angezeigte Kurs in einer Depotübersicht ist keine dieser beiden Zahlen. Er ist meist der zuletzt gehandelte Preis und liegt irgendwo dazwischen. Wer nur ihn kennt, unterschätzt regelmäßig, was der eigene Kauf kostet.

Kernkonzept

Geldkurs, Briefkurs und die Spanne dazwischen

Im Orderbuch stehen zwei Stapel. Auf der Kaufseite liegen alle Gebote, das höchste davon heißt Geldkurs, international Bid. Auf der Verkaufsseite liegen alle Forderungen, die niedrigste davon heißt Briefkurs, international Ask. Wie sich beide Seiten im Buch sortieren, zeigt der Teil zum Orderbuch und zur Kursentstehung.

Die beiden Wörter sind älter als die Bildschirme. Wer Geld bietet, will kaufen. Wer den Brief anbietet, also die Urkunde über die Aktie, will verkaufen. Deshalb ist der Geldkurs immer der niedrigere und der Briefkurs immer der höhere.

Der Abstand dazwischen heißt Geld-Brief-Spanne oder Spread. Die Deutsche Börse führt ihn in ihrem Börsenlexikon zur Geld-Brief-Spanne. Solange kein Käufer bereit ist, den Preis der Verkaufsseite zu nehmen, bleibt diese Lücke offen und es kommt kein Geschäft zustande.

Für dich heißt das eine einfache Regel. Du kaufst am Brief und verkaufst am Geld, also immer auf der für dich ungünstigeren Seite der Spanne.

Praxisbeispiel

Was Sina bei zwei verschiedenen Aktien zahlt

Sina, 41, will je 5.000 Euro in zwei Titel stecken. Der eine ist die Kavaro Interactive AG, ein erfundenes, viel gehandeltes Unternehmen mit rund 400.000 gehandelten Stück am Tag. Der andere ist die ebenfalls erfundene Norddeutsche Werkstoff AG, ein Nebenwert mit rund 20.000 Stück am Tag.

Bei Kavaro stehen Geld und Brief bei 39,98 und 40,02 Euro. Vier Cent Abstand auf einen Kurs von rund 40 Euro sind 0,10 Prozent. Kauft Sina für 5.000 Euro und verkauft im selben Moment wieder, kostet sie das 5 Euro.

Bei der Norddeutschen Werkstoff liegen Geld und Brief bei 12,42 und 12,60 Euro. Achtzehn Cent auf einen Kurs von rund 12,50 Euro sind 1,44 Prozent. Derselbe Vorgang mit denselben 5.000 Euro kostet sie dort rund 72 Euro.

Beide Male hat sich am Unternehmen nichts geändert, beide Male stand keine Gebühr auf der Abrechnung. Der Unterschied von 67 Euro entsteht allein daraus, wie viele Aufträge in den beiden Büchern liegen.

Momentaufnahme aus dem Beispiel-Orderbuch beider Titel.

Kavaro InteractiveNorddeutsche Werkstoff
Bester Geldkurs39,98 Euro12,42 Euro
Bester Briefkurs40,02 Euro12,60 Euro
Spanne in Euro0,040,18
Spanne in Prozent0,101,44
Stücke auf der besten Verkaufsstufe1.800250
Gehandelte Stück je Tagrund 400.000rund 20.000
Kosten der Spanne bei 5.000 Euro, hin und zurück5 Euro72 Euro
Prozentwerte auf den Mittelkurs gerechnet und gerundet.

Quelle: Schematisches Lehrbeispiel, fiktive Aktien. Kein realer Kurs.

Die zweite Kost

Warum du die Spanne zweimal bezahlst

Ordergebühren stehen auf der Abrechnung und lassen sich vergleichen. Wie sie ausgewiesen werden und welche Fragen dazu regelmäßig auftauchen, etwa bei einer Teilausführung, beantwortet die BaFin in ihren Hinweisen zu Wertpapiergeschäften. Die Spanne dagegen steht auf keiner Abrechnung. Sie ist trotzdem eine Kost, und bei kleinen Ordern in dünnen Titeln ist sie oft die größere von beiden.

Der Grund liegt im Hin- und Rückweg. Beim Kauf zahlst du den oberen Preis, beim späteren Verkauf bekommst du den unteren. Direkt nach dem Kauf steht deine Position deshalb im Minus, ohne dass sich am Markt irgendetwas bewegt hat. Bei Kavaro sind das 0,10 Prozent, bei der Norddeutschen Werkstoff 1,44.

Wer eine Position jahrelang hält, zahlt diesen Betrag einmal, und er fällt gegenüber der Wertentwicklung kaum ins Gewicht. Wer in einem Jahr zwanzig Mal hin und zurück handelt, zahlt bei einem Titel mit 1,44 Prozent Spanne allein dafür rund 1.440 Euro auf 5.000 Euro Einsatz, ohne eine einzige Ordergebühr.

Ob häufiges Handeln sinnvoll ist, steht hier nicht zur Debatte. Die Rechnung läuft in beiden Fällen mit, und sie taucht auf keiner Abrechnung auf.

Markttiefe

Was hinter dem besten Preis noch liegt

Der beste Briefkurs gilt nie unbegrenzt, sondern nur für die Stückzahl, die auf dieser Preisstufe liegt. Bei Kavaro sind das 1.800 Aktien zu 40,02 Euro. Wer mehr will, muss auf die nächste Stufe ausweichen, also 2.500 Stück zu 40,04, danach 3.500 zu 40,06 und so weiter.

Zählt man diese Stufen zusammen, entsteht die Markttiefe. Über fünf Stufen liegen auf der Verkaufsseite rund 18.000 Aktien und auf der Kaufseite rund 17.000. Die Grafik zeigt beide Seiten als Treppe, links die Kaufseite, rechts die Verkaufsseite, dazwischen die Lücke der Spanne.

Diese Treppe ist der eigentliche Unterschied zwischen einem großen und einem kleinen Wert. Bei der Norddeutschen Werkstoff liegen auf der besten Stufe 250 Stück, darüber nur wenige hundert je Stufe. Dieselbe Order trifft dort nach kurzer Zeit auf leere Stufen.

Wichtig ist der Zeitbezug. Ein Orderbuch-Ausschnitt gilt für einen Augenblick. Eine Sekunde später kann eine Stufe leer sein, weil jemand seinen Auftrag gestrichen hat.

Markttiefe als zweiseitige Treppe. Links steigt die Kaufseite von 1.500 Stück beim Geldkurs 39,98 auf rund 17.000 Stück bei 39,90, rechts steigt die Verkaufsseite von 1.800 Stück beim Briefkurs 40,02 auf rund 18.000 Stück bei 40,10. Dazwischen liegt die Spanne von 0,04 Euro.
Schematisches Beispiel, fiktive Aktie Kavaro Interactive AG. Kein realer Kurs.

Market Impact

Warum dieselbe Order zwei verschiedene Preise macht

Jetzt kommen die beiden Bücher zusammen. Eine Order über 10.000 Kavaro-Aktien ohne Preisgrenze nimmt zuerst die 1.800 Stück zu 40,02, dann 2.500 zu 40,04, dann 3.500 zu 40,06 und den Rest zu 40,08 Euro. Im Schnitt zahlt der Käufer rund 40,05 statt der angezeigten 40,02.

Das sind rund 0,08 Prozent Aufschlag gegenüber dem besten Preis. Bei einem Ordervolumen von gut 400.000 Euro sind es rund 320 Euro, und der zuletzt gehandelte Kurs steht danach bei 40,08 statt bei 40,02. Die Order hat den Kurs also selbst verschoben.

Bei der Norddeutschen Werkstoff reicht dafür ein Bruchteil davon. Eine Order über 1.000 Stück, also rund 12.600 Euro, räumt dort vier Preisstufen ab und landet im Schnitt bei rund 12,77 statt bei 12,60 Euro. Das sind 1,3 Prozent Aufschlag auf einen Betrag, der bei Kavaro spurlos durchgehen würde.

Der Fachbegriff dafür ist Market Impact. Er hängt nicht an der absoluten Größe deiner Order, sondern an ihrem Verhältnis zur Tiefe des Buches. Für die meisten Privatanleger ist er bei großen Werten kein Thema und bei kleinen Nebenwerten sehr wohl eines.

Angezeigt ist nicht gehandelt

Gehandelter Kurs, gestellter Kurs und Taxe

An dieser Stelle gehört eine Einschränkung nachgetragen. Im Teil zum Orderbuch steht, dass niemand den Kurs festlegt. Das stimmt für den gehandelten Kurs, also für den Preis eines tatsächlichen Abschlusses. Nicht jede Zahl, die dir angezeigt wird, ist aber ein Abschluss.

Der zweite Fall ist der gestellte Kurs, die Quote. Ein Market Maker verpflichtet sich, laufend Geld und Brief zu nennen, damit ein Papier auch dann handelbar ist, wenn gerade kein anderer Anleger auf der Gegenseite steht. Diese Zahlen hat jemand gesetzt, sie sind verbindlich, aber es hat noch niemand zu ihnen gehandelt.

Der dritte Fall ist die Taxe, auch taxierter Kurs genannt. Sie ist eine Schätzung dessen, wo ein Abschluss zustande käme, wenn jemand handeln wollte. Sie ist unverbindlich und in vielen Kursanzeigen mit einem T markiert. Bei sehr selten gehandelten Papieren ist sie über Stunden die einzige Zahl, die überhaupt zu sehen ist.

Der praktische Unterschied ist groß. Ein gehandelter Kurs sagt dir, dass jemand diesen Preis wirklich bezahlt hat. Eine Taxe sagt dir nur, wo jemand ihn vermutet. Wer bei einem dünnen Nebenwert eine Order ohne Preisgrenze auf eine Taxe setzt, kauft womöglich weit daneben.

Prüfe bei einem selten gehandelten Papier, wann der letzte Umsatz war. Steht dort gestern, ist die Zahl auf dem Bildschirm heute kein Preis, sondern eine Vermutung.

Wann es teurer wird

Vier Situationen, in denen die Spanne aufgeht

Die Spanne ist keine feste Eigenschaft eines Papiers. Sie ändert sich im Tagesverlauf, und zwar berechenbar. In den folgenden vier Lagen ist sie regelmäßig weiter als sonst.

Der Grund ist in allen vier Fällen derselbe. Wer eine Order ins Buch stellt, geht das Risiko ein, dass sich der Markt gegen ihn bewegt, bevor jemand zugreift. Steigt dieses Risiko, verlangt er dafür mehr Abstand.

Hier ist die Spanne verlässlich weiter:

  • In den Randzeiten. Vor 9 Uhr und nach 17:30 Uhr ist der Referenzmarkt zu, es liegen weniger Aufträge im Buch, und dieselbe Aktie kostet an einem abends geöffneten Platz spürbar mehr Abstand.
  • Rund um Nachrichten. Kurz vor einer Quartalszahl und in den Minuten danach zieht sich die Gegenseite zurück, weil niemand zum alten Preis stehen bleiben will.
  • Bei dünn gehandelten Titeln. Wenige Aufträge am Tag bedeuten dauerhaft weite Spannen, unabhängig von der Uhrzeit.
  • In unruhigen Phasen. Wenn die Kurse stark schwanken, wächst die Spanne mit. Woher solche Schwankungen kommen, zeigt der Teil zur Volatilität und ihren Ursachen.

Häufige Fehler

Was viele über die Spanne falsch verstehen

Die meisten Fehleinschätzungen entstehen daraus, dass die Spanne unsichtbar ist. Sie erscheint auf keiner Abrechnung und in keiner Kostenübersicht, obwohl sie in vielen Fällen mehr kostet als die Ordergebühr.

Diese Denkfehler kosten am ehesten Geld:

  • Nur die Ordergebühr vergleichen. Ein Anbieter mit 1 Euro Gebühr, der an einem Platz mit weiter Spanne ausführt, ist bei 5.000 Euro Ordervolumen leicht teurer als einer mit 10 Euro Gebühr am Referenzmarkt.
  • Den angezeigten Kurs für den eigenen Kaufpreis halten. Gekauft wird am Briefkurs darüber, verkauft am Geldkurs darunter.
  • Die Spanne für eine Prozentzahl halten, die für jede Ordergröße gilt. Sie gilt nur für die Stückzahl auf der besten Stufe, darüber wird es teurer.
  • Bei einem Nebenwert ohne Preisgrenze ordern. Genau dort räumt eine Order ohne Limit mehrere Stufen ab, und genau dort ist der Abstand zwischen den Stufen groß.
  • Eine Taxe für einen gehandelten Kurs halten. Bei selten gehandelten Papieren ist der angezeigte Wert oft eine Schätzung, zu der noch niemand ein Geschäft gemacht hat.
Die Spanne ist die Gebühr, die niemand ausweist.

Entscheidungshilfe

Wie du die Spanne vor einer Order prüfst

Der Aufwand dafür ist klein. In fast jeder Ordermaske stehen Geld- und Briefkurs nebeneinander, oft mit der jeweiligen Stückzahl daneben. Drei Blicke reichen, und sie dauern zusammen keine halbe Minute.

So gehst du vor:

  • Rechne die Spanne einmal in Prozent um, also Abstand geteilt durch den Kurs. Unter 0,2 Prozent ist bei einem großen Wert normal, über 1 Prozent ist ein Hinweis auf einen dünnen Markt.
  • Vergleiche deine Stückzahl mit der Menge auf der besten Stufe. Liegt deine Order darüber, wirst du mehrere Preisstufen bezahlen.
  • Wenn die Spanne weit ist, gib eine Preisgrenze statt einer Order ohne Limit. Damit wartest du unter Umständen länger, zahlst dafür aber nicht die dritte Preisstufe.
  • Wenn du außerhalb der Kernzeit handeln willst, schau dir die Spanne am dann geöffneten Platz an und entscheide danach, ob es bis zum Vormittag warten kann.
  • Wenn bei einem Papier seit Stunden kein Umsatz stattgefunden hat, behandle den angezeigten Wert als Schätzung und nicht als Preis.

Einordnung

Zwei Preise, eine Entscheidung

Du kennst jetzt die beiden Zahlen, die hinter jedem angezeigten Kurs stehen, den Abstand dazwischen und die Stückzahlen, die auf den Stufen dahinter liegen. Damit lässt sich abschätzen, was eine Order kostet, bevor sie aufgegeben ist.

Was daraus folgt, ist eine Entscheidung, die du bei jeder Order neu triffst. Nimmst du den Preis, den der Markt gerade bietet, und bist sofort im Geschäft. Oder nennst du deine eigene Grenze und wartest, ob der Markt zu dir kommt.

Diese beiden Wege heißen Market-Order und Limit-Order. Sie sind das Thema des nächsten Teils.

Häufige Fragen

Ist der Spread eine Gebühr, die mein Broker verlangt?
Nein. Die Spanne entsteht im Orderbuch zwischen dem höchsten Gebot und der niedrigsten Forderung. Sie fließt an die Gegenseite deiner Order, nicht an deinen Broker. Dessen Gebühr steht getrennt auf der Abrechnung.
Warum ist die Spanne bei ETF-Anteilen oft enger als bei Einzelaktien?
Weil bei einem breit gestreuten ETF laufend Anteile geschaffen und zurückgenommen werden können und mehrere Häuser gleichzeitig Kurse stellen. Wie dieser Mechanismus funktioniert, ist ein eigenes Thema in dieser Reihe.
Was bedeutet ein T neben dem Kurs?
Es kennzeichnet eine Taxe, also einen geschätzten Kurs ohne tatsächlichen Abschluss. Sie zeigt, wo ein Geschäft vermutlich zustande käme, ist aber unverbindlich und kann von einem echten Ausführungspreis abweichen.

Quellen & weiterführende Links

  1. Deutsche Börse, Börsenlexikon Geld-Brief-Spanne
  2. BaFin, Wertpapiergeschäfte für Verbraucher

Nächster Schritt

Die unsichtbaren Kosten sichtbar machen

Die Spanne taucht auf keiner Abrechnung auf, die Summe deiner Ein- und Auszahlungen dagegen schon. Portora führt deine Konten und Buchungen an einer Stelle zusammen und zeigt sie über frei wählbare Zeiträume, sodass du siehst, was in einem Jahr tatsächlich geflossen ist.

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