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Das Orderbuch, wie ein Aktienkurs wirklich entsteht
Der Kurs einer Aktie steht in keiner Liste, die jemand pflegt. Er entsteht laufend neu, sobald im Orderbuch ein Kaufauftrag auf einen Verkaufsauftrag trifft. Dieser Text zeigt Schritt für Schritt, wie aus vielen einzelnen Aufträgen ein Preis wird und was die Zahl auf deinem Bildschirm wirklich bedeutet.
Grundlage
Der Kurs ist kein Preisschild
Auf dem Wochenmarkt schreibt der Händler einen Preis an die Tafel, und der gilt, bis er ihn ändert. Ein Aktienkurs funktioniert anders. Ihn schreibt niemand an. Er entsteht in dem Augenblick, in dem sich ein Käufer und ein Verkäufer auf einen Preis einigen, und einen Augenblick später kann er schon ein anderer sein.
Der Ort, an dem diese Einigung zustande kommt, heißt Orderbuch. Dort sammeln sich alle Kaufaufträge und alle Verkaufsaufträge für eine Aktie, geordnet nach Preis. Was du auf deinem Depot oder bei einem Finanzportal als Kurs siehst, ist nur das Ergebnis des letzten Geschäfts, das aus diesem Buch zustande kam.
Was eine Aktie überhaupt ist, also ein Anteil am Unternehmen und keine Wette, klärt ein eigener Artikel. Und warum ein Preis grundsätzlich aus Angebot und Nachfrage entsteht, zeigt wie Preise wirklich entstehen. Hier geht es um die Stufe dahinter, also um die genaue Mechanik, mit der aus vielen Aufträgen an der Börse ein Preis wird.
Diese Erklärung beschreibt, wie gehandelt wird. Sie sagt nichts darüber, ob eine Aktie zu teuer oder zu billig ist. Das ist eine eigene Frage.
Kernkonzept
Was im Orderbuch steht
Ein Orderbuch hat zwei Seiten. Auf der einen stehen die Kaufaufträge, jeder mit dem höchsten Preis, den der Käufer noch zu zahlen bereit ist. Der beste davon, also der höchste Kaufpreis, heißt Geldkurs oder Bid. Auf der anderen Seite stehen die Verkaufsaufträge, jeder mit dem niedrigsten Preis, den der Verkäufer noch akzeptiert. Der beste davon, also der niedrigste Verkaufspreis, heißt Briefkurs oder Ask.
Zwischen dem besten Geld- und dem besten Briefkurs liegt eine Lücke, die Geld-Brief-Spanne. Solange der höchste Käufer weniger bietet, als der günstigste Verkäufer verlangt, passiert nichts. Ein Geschäft kommt erst zustande, wenn eine Seite bereit ist, den Preis der anderen zu nehmen.
Innerhalb einer Preisstufe gilt die Reihenfolge des Eingangs. Wer seinen Auftrag zuerst zu einem bestimmten Preis eingestellt hat, wird zuerst bedient. Diese doppelte Regel, erst nach dem besten Preis und dann nach der Zeit, heißt Preis-Zeit-Priorität und ist das Grundgesetz des fortlaufenden Handels an einer Börse wie Xetra.
Wie eng oder weit diese Spanne ist und wie viele Aufträge hinter dem besten Preis liegen, schauen wir uns im nächsten Teil dieser Reihe genauer an. Für den Moment reicht das Bild von zwei Stapeln, die sich gegenüberstehen.
Praxisbeispiel
Wie bei Kavaro aus zwei Aufträgen ein Kurs wird
Nehmen wir eine Beispielaktie, die Kavaro Interactive AG, ein erfundenes Unternehmen, an dem sich die Mechanik sauber zeigen lässt. Das Orderbuch sieht gerade so aus wie in der Grafik. In der Mitte steht der zuletzt gehandelte Kurs von 40,00 Euro. Direkt darunter beginnt die Kaufseite mit dem besten Geldkurs von 39,98 Euro über 1.500 Stück, danach 39,96 über 3.200 Stück und so weiter nach unten. Direkt darüber beginnt die Verkaufseite mit dem besten Briefkurs von 40,02 Euro über 1.800 Stück, danach 40,04 über 2.500 Stück und weiter nach oben.
Jetzt gibt Jonas einen Kaufauftrag über 100 Kavaro-Aktien als Market-Order auf, also ohne Preisgrenze, zum nächstmöglichen Kurs. Seine Order sucht sich die günstigste Verkaufsseite und nimmt sie. Das ist der Briefkurs von 40,02 Euro. Jonas bekommt seine 100 Stück für 40,02 Euro, zusammen 4.002 Euro, und von den 1.800 Stück auf dieser Stufe bleiben 1.700 liegen. Der neue angezeigte Kurs steht danach bei 40,02 Euro, weil das das letzte Geschäft war.
Kurz darauf verkauft Mara 100 Kavaro, ebenfalls als Market-Order. Ihre Order sucht sich die beste Kaufseite und trifft den Geldkurs von 39,98 Euro. Der angezeigte Kurs springt damit auf 39,98 Euro, obwohl sich am Unternehmen nichts geändert hat. Was sich geändert hat, ist nur, welche Seite zuletzt zugegriffen hat.
Genau daran erkennst du, was ein Kurs ist. Er ist kein Mittelwert und keine offizielle Bewertung, sondern schlicht der Preis des letzten Geschäfts.

Zwei Listen
Orderbuch und Umsatzliste sind nicht dasselbe
In vielen Handelsmasken siehst du zwei Listen nebeneinander, und sie werden leicht verwechselt. Das Orderbuch zeigt die offenen Aufträge, also was passieren könnte, solange niemand zugreift. Die Umsatzliste, oft Time and Sales genannt, zeigt die bereits abgeschlossenen Geschäfte, eines nach dem anderen mit Preis, Menge und Uhrzeit.
Beide gehören zusammen. Sobald im Orderbuch ein Auftrag ausgeführt wird, verschwindet er dort und taucht als neue Zeile in der Umsatzliste auf. Der angezeigte Kurs ist nichts anderes als der Preis der obersten, jüngsten Zeile dieser Liste. Das Orderbuch ist die Vorschau, die Umsatzliste das Protokoll.
Wie man aus dieser Liste und dem gehandelten Volumen abliest, wie belastbar ein Kurs ist, schauen wir uns in einem eigenen Teil an. Für den Moment reicht die Unterscheidung zwischen offenen Aufträgen und bereits ausgeführten Geschäften.
Warum es zappelt
Warum sich der Kurs ständig bewegt
Weil jeder Ausführungsmoment ein neuer ist, bewegt sich der Kurs fast pausenlos, auch an einem ruhigen Tag ohne jede Nachricht. Ständig kommen neue Aufträge ins Buch, andere werden gelöscht, und mal ist die Kaufseite aggressiver, mal die Verkaufseite. Jeder Abschluss setzt einen neuen letzten Kurs.
Das ist der Grund, warum bei einer viel gehandelten Aktie der Kurs im Sekundentakt andere Nachkommastellen zeigt. Es ist nicht Nervosität und kein Signal, sondern die normale Folge davon, dass laufend Aufträge aufeinandertreffen. Warum Kurse schwanken und wie sich das von echtem Risiko unterscheidet, ist ein Thema für sich.
Ein einzelner Orderbuch-Ausschnitt ist deshalb immer nur eine Momentaufnahme. Eine Sekunde später kann er anders aussehen, weil neue Aufträge eingetroffen sind. Der Kurs, den du eben gesehen hast, war bereits Vergangenheit, als er auf deinem Bildschirm ankam.
Abgrenzung
Der Kurs ist ein Preis, kein Wert
Aus der Mechanik folgt eine wichtige Trennung. Das Orderbuch liefert dir den Preis, zu dem gerade gehandelt wird. Es sagt nichts darüber, ob dieser Preis zum Unternehmen dahinter passt.
Der Preis ist das Ergebnis von Angebot und Nachfrage in diesem Augenblick. Er verdichtet, was die Handelnden zusammen erwarten, und ein Preis trägt damit Information über diese Erwartungen. Warum ein Börsenwert und die Substanz eines Unternehmens weit auseinanderliegen können, zeigt der Artikel zu Börsenwert und Substanz.
Für diesen Artikel heißt das, wir bleiben bei der Frage, wie der Preis mechanisch entsteht. Ob er hoch oder niedrig gerechtfertigt ist, gehört in die Bewertung und damit auf eine andere Ebene.
Große Orders
Was passiert, wenn eine große Order das Buch abräumt
Solange deine Order klein ist, findet sie auf der besten Preisstufe genug Gegenseite und bewegt den Kurs kaum. Bei einer großen Order sieht es anders aus. Sie kann eine Preisstufe komplett leerkaufen und muss den Rest von der nächsten, teureren Stufe nehmen.
Ein Beispiel mit Kavaro. Eine Market-Order über 10.000 Stück nimmt zuerst die 1.800 Stück zu 40,02 Euro, dann die 2.500 zu 40,04, dann die 3.500 zu 40,06 und den Rest zu 40,08 Euro. Im Schnitt zahlt der Käufer so rund 40,05 statt 40,02 Euro, und der zuletzt gehandelte Kurs steht danach bei 40,08. Die eigene Order hat den Kurs also selbst ein Stück nach oben geschoben.
Wie stark eine Order den Kurs bewegt, hängt davon ab, wie viele Stücke auf den nächsten Stufen liegen. Diese Tiefe des Buches ist bei einem viel gehandelten Wert groß und bei einem kleinen, selten gehandelten Wert dünn. Genau deshalb kann dieselbe Order in einem Papier fast spurlos durchgehen und in einem anderen den Kurs spürbar verschieben. Diesen Unterschied schauen wir uns im nächsten Teil im Detail an.
Häufige Fehler
Was die meisten über den Kurs falsch verstehen
Die meisten Missverständnisse rund um den Aktienkurs kommen daher, dass man ihn für eine feste Zahl hält, obwohl er das flüchtige Ergebnis eines Aushandelns ist. Vier davon tauchen besonders oft auf.
Diese Denkfehler kosten am ehesten Geld:
- Den zuletzt gehandelten Kurs für den Preis halten, den man selbst bekommt. Tatsächlich kauft man etwas über diesem Kurs und verkauft etwas darunter, dazwischen liegt die Geld-Brief-Spanne.
- Glauben, eine Aktie habe den einen Kurs. Dasselbe Papier läuft gleichzeitig auf mehreren Handelsplätzen mit leicht unterschiedlichen Kursen, je nachdem, wo gerade wer bietet.
- Eine Market-Order für den sicheren guten Preis halten. Sie sichert vor allem die schnelle Ausführung, im dünnen Buch räumt sie mehrere Stufen ab und wird teurer als der angezeigte Kurs.
- Denken, der Kurs bewege sich nur bei Nachrichten. Er bewegt sich schon, weil laufend neue Aufträge ins Buch kommen und andere verschwinden, auch ohne jede Neuigkeit.
Entscheidungshilfe
Was der angezeigte Kurs dir sagt und was nicht
Du musst kein Orderbuch im Detail lesen, um besser mit dem Kurs umzugehen. Es reicht, ihn richtig einzuordnen, bevor du eine Order aufgibst. Die folgenden Fragen helfen dir dabei.
So liest du einen Kurs, bevor du handelst:
- Wenn du nur wissen willst, wo die Aktie steht, achte neben dem letzten Kurs auch auf Geld- und Briefkurs daneben.
- Wenn du eine kleine Order gibst, reicht meist der beste Preis im Buch, deine Menge bewegt den Kurs kaum.
- Bei einer großen Order schau auf die Tiefe des Buches, also darauf, wie viele Stücke auf den nächsten Preisstufen liegen.
- Wenn dir der genaue Preis wichtiger ist als die sofortige Ausführung, nenne mit einer Limit-Order deine Grenze, statt den Markt nehmen zu lassen.
Einordnung
Wer den Kurs macht
Die häufige Frage, wer den Aktienkurs festlegt, hat also eine unangenehm einfache Antwort. Niemand. Es gibt keine Stelle, die ihn setzt, und keine Bank, die ihn morgens ausruft. Der Kurs ist das laufende Ergebnis aus den Aufträgen aller Handelnden zusammen, vom Privatanleger über Fonds bis zu Market Makern, die ständig Kauf- und Verkaufskurse stellen.
Für die Aufsicht über einen fairen und geordneten Ablauf dieses Handels sorgt in Deutschland die BaFin. Die technische Form, in der der Preis entsteht, also fortlaufender Handel plus mehrere Auktionen am Tag, beschreibt die Börse Frankfurt in ihrem Lexikon zum fortlaufenden Handel.
Wer im Orderbuch auf der anderen Seite deiner Order steht und warum diese Teilnehmer so unterschiedlich handeln, ist der nächste große Baustein. Das Orderbuch ist die Bühne. Wer darauf agiert, schauen wir uns als Nächstes an.
Häufige Fragen
- Wer legt den Aktienkurs fest?
- Niemand legt ihn fest. Der Kurs ist der Preis des letzten Geschäfts, das im Orderbuch zwischen einem Kauf- und einem Verkaufsauftrag zustande kam. Er ändert sich mit jedem neuen Abschluss.
- Warum ist der Kurs auf verschiedenen Plattformen unterschiedlich?
- Dieselbe Aktie wird gleichzeitig an mehreren Handelsplätzen gehandelt. Jeder Platz hat sein eigenes Orderbuch, deshalb weichen die Kurse leicht voneinander ab, je nachdem, wo gerade wer kauft und verkauft.
- Ist der angezeigte Kurs der Preis, den ich bezahle?
- Nicht unbedingt. Kaufen kannst du zum Briefkurs, verkaufen zum Geldkurs, und bei einer größeren Order zahlst du im Schnitt mehr, weil sie mehrere Preisstufen im Buch abräumt.
Quellen & weiterführende Links
Nächster Schritt
Deinen Depotwert gelassener lesen
Wenn du weißt, dass der angezeigte Kurs nur ein Ausführungsmoment ist, jagst du nicht jeder Nachkommastelle hinterher. Portora zeigt dir deinen Depot- und Vermögensverlauf an einer Stelle und macht die Entwicklung über Wochen und Monate sichtbar, statt den Kurs einer einzelnen Minute in den Vordergrund zu stellen.
Funktionen ansehenVom Wissen in die Anwendung
Wenn du die Einordnung auf deine eigene Lage anwenden willst, findest du in Portora den direkten Einstieg.
Wissen schafft Orientierung. Der nächste Schritt bleibt die Registrierung oder der Blick in die passende Produktseite.