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Aktien & BörseTeil 3 von 5

Primärmarkt und Sekundärmarkt, wohin dein Geld wirklich fließt

Fast jeder glaubt, sein Geld lande beim Unternehmen, wenn er dessen Aktie kauft. In den allermeisten Fällen stimmt das nicht. Ob dein Kauf das Unternehmen erreicht oder nur zu einem anderen Anleger wandert, hängt davon ab, auf welchem der beiden Märkte du gerade handelst. Dieser Teil zeigt den Unterschied und was er für dich bedeutet.

Portora Redaktion7 Min Lesezeit

Grundlage

Neuwagen oder Gebrauchtwagen

Stell dir zwei Autokäufe vor. Kaufst du einen Neuwagen beim Händler, fließt ein Teil deines Geldes am Ende zum Hersteller, der das Auto gebaut hat. Kaufst du denselben Wagen zwei Jahre später gebraucht von einer Privatperson, sieht der Hersteller keinen Cent, dein Geld geht allein an den Vorbesitzer.

Bei Aktien ist es genauso. Es gibt einen Primärmarkt, auf dem ein Unternehmen seine Aktien zum ersten Mal ausgibt, so wie der Neuwagen vom Hersteller kommt. Und es gibt einen Sekundärmarkt, auf dem Anleger diese Aktien anschließend untereinander weiterreichen, so wie der Gebrauchtwagen den Besitzer wechselt.

Der Unterschied klingt akademisch, hat aber eine handfeste Folge. Er entscheidet, ob dein Geld beim Unternehmen ankommt oder nur bei einem anderen Anleger. Und fast alles, was an der Börse Tag für Tag passiert, gehört zur zweiten Sorte.

Primärmarkt

Der Primärmarkt, wo das Geld ankommt

Am Primärmarkt gibt ein Unternehmen neue Aktien aus und bekommt dafür Geld. Der bekannteste Fall ist der Börsengang, das IPO. Vor dem Börsengang muss ein Unternehmen einen Wertpapierprospekt vorlegen, den die BaFin prüft. Als das fiktive Beispielunternehmen Kavaro an die Börse ging, gab es Aktien zu einem Ausgabepreis von 30 Euro aus, und das eingesammelte Geld floss an Kavaro, um damit zu wachsen. Wer bei einem IPO zeichnet, finanziert also das Unternehmen direkt.

Der zweite Fall ist die Kapitalerhöhung, wenn ein bereits börsennotiertes Unternehmen zusätzliche Aktien ausgibt. Kavaro platzierte später 10 Millionen neue Aktien zu 45 Euro und nahm damit rund 450 Millionen Euro ein. Auch das ist Primärmarkt, das Geld ging an das Unternehmen. Der Preis, den ein Käufer für eine Aktie zu zahlen bereit ist, hat hier eine ökonomische Funktion, denn Investieren heißt, Konsum aufzuschieben und dem Unternehmen Kapital zu überlassen.

Nicht nur Aktien werden am Primärmarkt ausgegeben. Auch wenn ein Unternehmen eine Anleihe begibt und sich damit Geld leiht, ist das eine Erstausgabe am Primärmarkt. In beiden Fällen ist das Prinzip dasselbe, das Papier entsteht neu und das Geld fließt an den Herausgeber.

Sekundärmarkt

Der Sekundärmarkt, wo Anleger untereinander handeln

Sobald eine Aktie einmal ausgegeben ist, lebt sie am Sekundärmarkt weiter. Hier kaufen und verkaufen Anleger die bereits bestehenden Aktien untereinander. Kaufst du heute an der Börse eine Kavaro-Aktie, bekommst du sie von einem anderen Anleger, der sie gerade abgibt. Dein Geld geht an ihn, nicht an Kavaro.

Genau hier spielt sich der normale Börsenhandel ab. Der Kurs, den du auf dem Bildschirm siehst, entsteht am Sekundärmarkt aus Angebot und Nachfrage zwischen Anlegern, im fortlaufenden Handel der Börse. Kavaro selbst ist an diesem täglichen Auf und Ab nicht beteiligt, das Unternehmen steht dabei außen vor.

Eine Aktie ist und bleibt ein Anteil am Unternehmen, egal wie oft sie gehandelt wird. Was sich am Sekundärmarkt ändert, ist nur, wer diesen Anteil gerade hält. Deshalb ist fast jeder Kauf, den ein Privatanleger je tätigt, ein Geschäft am Sekundärmarkt.

Praxisbeispiel

Wohin Sinas 2.000 Euro fließen

Nehmen wir Sina, 38, die 100 Kavaro-Aktien kaufen will. Der Kurs steht bei rund 20 Euro, ihr Kauf ist also etwa 2.000 Euro groß. Sie gibt an einem normalen Handelstag eine Kauforder auf. Auf der anderen Seite steht ein Anleger, der seine 100 Kavaro-Aktien verkauft. Sinas 2.000 Euro landen bei diesem Verkäufer. Kavaro sieht davon nichts.

Jetzt der Gegenfall. Hätte Sina dieselben 2.000 Euro seinerzeit bei der Kapitalerhöhung eingesetzt, als Kavaro neue Aktien zu 45 Euro ausgab, wäre ihr Geld an das Unternehmen geflossen. Sie hätte dann frisch geschaffene Aktien bekommen, und Kavaro hätte damit seine 450 Millionen Euro aufgefüllt.

Für Sina fühlt sich beides gleich an, in beiden Fällen hat sie am Ende Kavaro-Aktien im Depot. Der Unterschied liegt nur darin, wer ihr Geld bekommen hat. Am normalen Handelstag ein anderer Anleger, bei der Kapitalerhöhung das Unternehmen selbst.

Zusammenhang

Warum der Kurs dem Unternehmen trotzdem nicht egal ist

Aus alldem folgt ein verbreiteter Kurzschluss. Wenn ein steigender Kurs am Sekundärmarkt dem Unternehmen kein Geld bringt, warum kümmert sich die Führung dann überhaupt darum? Der Grund liegt in der Wirkung auf Umwegen. Der Kurs beeinflusst, wie teuer das Unternehmen an künftiges Kapital kommt.

Ein hoher Kurs macht künftiges Kapital billiger. Braucht Kavaro später erneut Geld, kann es bei hohem Kurs mit weniger neuen Aktien mehr einsammeln, die Verwässerung der Altaktionäre fällt kleiner aus. Der Kurs ist außerdem die Währung für Übernahmen und ein Teil der Vergütung von Mitarbeitern, die Aktien halten. Ob der Kurs den tatsächlichen Wert des Unternehmens trifft, ist eine eigene Frage, für die Finanzierungskosten zählt aber schon der Kurs allein.

Der Sekundärmarkt sieht also aus, als bringe er dem Unternehmen nichts, und ist trotzdem für den Primärmarkt unverzichtbar. Kein Anleger würde bei einem IPO Geld geben, wenn er die Aktie nie wieder verkaufen könnte. Erst die Aussicht, jederzeit am Sekundärmarkt aussteigen zu können, macht das Zeichnen am Primärmarkt überhaupt möglich.

Häufige Fehler

Was beim Geldfluss oft missverstanden wird

Rund um die Frage, wohin das Geld fließt, halten sich mehrere Denkfehler. Sie führen oft zu falschen Schlüssen darüber, was ein Aktienkauf bewirkt.

Diese Irrtümer sind besonders verbreitet:

  • Glauben, das Unternehmen bekomme dein Geld, wenn du seine Aktie kaufst. Am Sekundärmarkt geht es an den Verkäufer, das Unternehmen ist gar nicht dabei.
  • Denken, ein steigender Kurs spüle dem Unternehmen Geld in die Kasse. Er senkt nur die Kosten für künftiges Kapital, ein direkter Zufluss ist er nicht.
  • Ein IPO für die Gründung des Unternehmens halten. Das Unternehmen gab es vorher schon, beim IPO öffnet es sich nur für die Börse.
  • Den Sekundärmarkt für unwichtig halten, weil er dem Unternehmen nichts bringt. Ohne ihn gäbe es keinen Primärmarkt, denn niemand finanziert etwas, aus dem er nie wieder aussteigen kann.
Am Primärmarkt zahlst du an das Unternehmen, am Sekundärmarkt an einen anderen Anleger. Der Unterschied entscheidet, was dein Kauf bewegt.

Entscheidungshilfe

Wann dein Geld das Unternehmen erreicht

Für die meisten Käufe ist die Unterscheidung Hintergrundwissen. An zwei, drei Stellen wird sie aber praktisch, dann lohnt es sich, genauer hinzuschauen.

So ordnest du deinen eigenen Kauf ein:

  • Wenn du an einem normalen Handelstag über die Börse kaufst, fließt dein Geld an einen anderen Anleger, das ist der Regelfall.
  • Wenn du bei einem IPO zeichnest oder an einer Kapitalerhöhung teilnimmst, finanzierst du das Unternehmen direkt, das ist der Primärmarkt.
  • Achte bei einer Kapitalerhöhung auf die Verwässerung, denn neue Aktien verteilen den Unternehmenswert auf mehr Anteile.
  • Lass dich von der Formulierung nicht täuschen, auch beim Kauf einer neu emittierten Anleihe gibst du dem Herausgeber Geld, nicht einem Vorbesitzer.
Entscheidend ist der Anlass des Kaufs. Das Papier allein sagt nichts darüber, wohin dein Geld fließt.

Einordnung

Zwei Märkte, ein Orderbuch

Der Primärmarkt und der Sekundärmarkt sind also keine zwei Orte, sondern zwei Anlässe. Einmal entsteht ein Papier neu und finanziert das Unternehmen, danach wandert es zwischen Anlegern, ohne dass das Unternehmen noch beteiligt ist. Fast dein ganzes Börsenleben spielt sich auf der zweiten Seite ab.

Genau dort, am Sekundärmarkt, entsteht der Kurs, den du täglich siehst. Wie er im Orderbuch aus den Aufträgen der Anleger konkret zustande kommt, ist der Anker dieser Reihe und ein eigener Teil. Und warum er auch ohne jede Nachricht ständig zappelt, schauen wir uns danach an.

Vorerst reicht die eine Einsicht. Dein Kauf bewegt nur dann etwas beim Unternehmen, wenn du am Primärmarkt zeichnest. An jedem normalen Handelstag reichst du einen Anteil weiter, mehr nicht.

Häufige Fragen

Bekommt das Unternehmen mein Geld, wenn ich seine Aktie kaufe?
In der Regel nicht. An einem normalen Handelstag kaufst du am Sekundärmarkt von einem anderen Anleger, dein Geld geht an ihn. Zum Unternehmen fließt Geld nur am Primärmarkt, also beim Börsengang oder einer Kapitalerhöhung.
Was ist der Unterschied zwischen Primär- und Sekundärmarkt?
Am Primärmarkt gibt ein Unternehmen neue Aktien oder Anleihen aus und bekommt dafür Geld. Am Sekundärmarkt handeln Anleger diese bereits bestehenden Papiere untereinander, das Geld wechselt nur zwischen ihnen, nicht zum Unternehmen.
Warum ist einem Unternehmen sein Aktienkurs wichtig, wenn er kein Geld bringt?
Ein hoher Kurs senkt die Kosten für künftiges Kapital, weil eine Kapitalerhöhung dann mit weniger neuen Aktien mehr Geld bringt. Außerdem ist der Kurs eine Währung für Übernahmen und ein Teil der Mitarbeitervergütung.

Quellen & weiterführende Links

  1. BaFin, Wertpapiergeschäfte
  2. Börse Frankfurt, Lexikon fortlaufender Handel

Nächster Schritt

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