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Aktien & BörseTeil 33 von 40

Der Privatanleger im Orderbuch, was deine Order einzeln verrät und was alle zusammen

Deine Order über ein paar hundert Euro ist für die andere Seite ein vertrauter Auftrag. Sie verrät einzeln fast nichts über den Kurs der nächsten Minuten, und genau deshalb ist sie dort willkommen. Anders sieht es aus, wenn an einem Abend Tausende Privatanleger dasselbe kaufen.

Portora Redaktion11 Min Lesezeit

Das Bild

Die Wechselstube am Flughafen

Eine Wechselstube am Flughafen nennt jedem Reisenden zwei Kurse, einen zum Ankauf und einen zum Verkauf, und sie macht das gern. Wer dort 300 Euro in Dollar tauscht, weiß über den Dollar von morgen nicht mehr als sie. Er tauscht, weil er in den Urlaub fliegt.

Ein Devisenhändler, der mit zwei Millionen Euro an denselben Schalter käme, wäre ein anderer Kunde. Bei ihm müsste die Wechselstube fragen, warum er ausgerechnet heute tauscht und ob er etwas weiß, was sie nicht weiß. Ihm würde sie einen anderen Kurs nennen.

An der Börse ist deine Order der Reisende. Dieser Teil schaut auf die Rolle, die du selbst im Markt spielst, also darauf, wie eine private Order von der anderen Seite aussieht, warum sie dort willkommen ist und an welcher Stelle das bequeme Bild vom zufälligen Kleinanleger endet. Den technischen Weg vom Klick bis zum Handelsplatz beschreibt der Teil zu Broker, Order und Routing.

Die Rolle

Wie deine Order von der anderen Seite aussieht

Wer auf der anderen Seite steht, sieht deinen Namen nicht. Er sieht deinen Auftrag, und der hat Merkmale, die ihn von den Aufträgen großer Anleger unterscheiden. Die Gesamtheit aller Aufträge, die über eine Zeit an einem Platz ankommen, heißt Orderfluss, und der private Teil davon hat ein eigenes Profil.

Eine private Order ist klein, meist einige hundert bis einige tausend Euro. Sie kommt über einen Broker, und bei vielen Anbietern landet sie an einem Platz, an dem ein Market Maker den Preis stellt. Sie wird häufig ohne Preisgrenze aufgegeben, oft außerhalb der Kernzeit, und sie häuft sich an bestimmten Terminen, etwa an den Ausführungstagen der Sparpläne.

Eine große Order eines Fonds sieht anders aus. Sie wird in viele kleine Teile zerlegt, über den Tag verteilt und oft auf mehrere Plätze gestreut, damit sie im Buch nicht auffällt. Hinter ihr kann eine Analyse stehen oder ein großer Umschichtungsauftrag, also genau die Sorte Information, die ein Kurssteller fürchtet.

Zwei Arten von Aufträgen, wie sie bei der Gegenseite ankommen

Private OrderOrder eines großen Fonds
Größeeinige hundert bis einige tausend Eurooft Millionen, in viele Teile zerlegt
Wegüber einen Broker, oft an einen Platz mit Market Makeran die Börse oder über Programme auf mehrere Plätze verteilt
Zeitpunktabends, an Sparplan-Terminen, nach Nachrichtenüber den Tag verteilt, oft in der Kernzeit und in den Auktionen
Was sie über die nächsten Minuten verräteinzeln fast nichtsmitunter viel
Was viele davon zusammen verrateneine Richtung an Tagen, an denen ein Wert auffällthängt am einzelnen Auftrag
Typische Muster, keine festen Grenzen. Auch ein Privatanleger kann eine große Order geben, und auch ein Fonds handelt mal eine kleine.

Der Wert

Warum Kurssteller diesen Fluss gern nehmen

Ein Kurssteller verdient an der Spanne zwischen seinen beiden Kursen und verliert an Gegenparteien, die mehr wissen als er. Eine einzelne private Order gehört fast nie zu dieser zweiten Sorte. Sie folgt dem Urlaub, dem Sparplan oder dem Gehaltseingang, aber keiner Information, die der Markt noch nicht hat.

Für ihn ist das ein gutes Geschäft, und es war so gut, dass Market Maker den Brokern jahrelang Geld dafür gezahlt haben, diesen Fluss zu bekommen. Wie diese Rückvergütung funktioniert hat und warum sie in Deutschland seit dem 1. Juli 2026 verboten ist, rechnet der Teil zu Neobrokern und Payment for Order Flow vor.

Für dich hat derselbe Umstand eine angenehme Seite. Weil deine Order dem Kurssteller wenig Risiko bringt, bekommst du für kleine Beträge an solchen Plätzen oft einen engen Kurs, manchmal einen engeren als eine große Order je Stück bekäme. Das Wort uninformiert beschreibt dabei nur, dass deine Order nichts über die nächsten Minuten weiß. Über dein Können als Anleger sagt es nichts, denn wer langfristig und breit anlegt, braucht keinen Wissensvorsprung über die nächsten Minuten.

Uninformiert heißt hier, ohne Vorsprung beim Kurs der nächsten Minuten. Es ist kein Urteil über den, der die Order gibt.

Die Grenze

Einzeln Rauschen, zusammen eine Richtung

Das Bild vom zufälligen Kleinanleger hat eine Grenze, und sie liegt beim Wort zusammen. Eine einzelne Order verrät nichts. Viele private Orders kommen aber nicht zufällig verteilt an, sie ballen sich, und zwar auf denselben Werten zur selben Zeit.

Zwei Studien auf Basis von US-Handelsdaten zeigen das. Brad Barber und Terrance Odean fanden, dass Privatanleger an Tagen mit viel Aufmerksamkeit unterm Strich Käufer sind, also bei Aktien in den Nachrichten, bei Tagen mit ungewöhnlich hohem Umsatz und nach einer extremen Tagesbewegung. Der Grund steht in ihrer Arbeit von 2008 gleich mit. Beim Kaufen hat man tausende Aktien zur Auswahl und greift zu dem, was gerade auffällt, beim Verkaufen nur die eigenen.

Eine zweite Arbeit von Barber, Odean und Ning Zhu aus dem Jahr 2009 ging einen Schritt weiter. Private Aufträge laufen über Wochen in dieselbe Richtung, und ihre Summe bewegt den Preis. Aktien, die Privatanleger in einer Woche besonders stark kauften, entwickelten sich in der Folgewoche besser. Über das folgende Jahr lagen sie dagegen 4,4 Prozentpunkte hinter den Aktien, die Privatanleger besonders stark verkauft hatten.

Für das Orderbuch heißt das, dass der private Fluss an ruhigen Tagen Rauschen ist und an auffälligen Tagen ein Strom mit Richtung. Warum Menschen so kaufen, ist eine Frage der Psychologie und Thema der Serie Märkte und Menschen. Hier zählt nur, was dieser Strom im Buch anrichtet. Er trifft auf einen Kurssteller, der bei einseitigem Andrang weniger anbietet, wie der Teil zu Market Maker und Designated Sponsor zeigt.

Am Beispiel

Kavaro am ersten Handelstag

Die fiktive Kavaro Interactive AG dieser Serie geht im Jahr 0 an die Börse, der Ausgabepreis liegt bei 30 Euro. Nur knapp ein Drittel der Aktien ist frei handelbar, und viele Privatanleger, die bei der Zeichnung nicht zum Zug kamen, geben am Abend vor dem ersten Handelstag eine Kauforder auf, oft ohne Preisgrenze.

Einzeln ist jede dieser Orders klein. Zusammen kommen sie alle zur selben Minute an, nämlich zur ersten Auktion des Tages, und sie wollen alle dasselbe. Am Ende des ersten Handelstags steht die Aktie bei rund 42 Euro. Wie viel dieses Aufschlags auf private Käufer entfiel, kann von außen niemand sagen, denn die Daten zeigen Aufträge und keine Käufergruppen.

Sicher ist nur die Mechanik. Tausende kleine Kaufaufträge ohne Limit, die im selben Moment eintreffen, wirken im Buch nicht wie Rauschen. Sie wirken wie ein einziger großer Käufer, der auf jeden Preis zahlt.

Schematisches Beispiel, fiktive Aktie. Kein realer Kurs.

Praxisbeispiel

Leas zwei Orders im selben Monat

Lea, 33, hat einen Sparplan über 100 Euro im Monat auf den fiktiven Kuratos Meridian 40 UCITS ETF, ausgeführt am Ersten des Monats. Ihre Rate geht mit den Raten Tausender anderer in einen gemeinsamen Auftrag, den ihr Broker zu einer festen Uhrzeit ausführt, wie der Teil zu Sparplan und Teilaktien zeigt. Dieser Auftrag ist groß, er ist ein Kauf, und sein Termin steht fest. Für Lea spielt das keine Rolle, denn sie bekommt den Durchschnittskurs dieses Auftrags, und bei einem breiten Index bewegt ein solcher Sammelauftrag den Preis kaum.

Die zweite Order ist anders. An einem Dienstagabend sieht Lea einen Bericht über Kavaro und kauft um 21:15 Uhr 20 Aktien bei einem Kurs um 20 Euro. Xetra ist zu, an ihrem Handelsplatz stellt ein Market Maker Geld und Brief bei 19,97 und 20,03 Euro. Sie zahlt 400,60 Euro vor Gebühren, und die halbe Spanne kostet sie 60 Cent gegenüber der Mitte.

Die 60 Cent sind nicht das Thema. Das Thema ist, dass Lea an diesem Abend nicht allein ist. Denselben Bericht haben Tausende gesehen, und ein Teil von ihnen kauft zur selben Zeit. Der Kurs, den sie zahlt, enthält diese Nachfrage schon, und wenn der Andrang einseitig wird, rückt der Market Maker seine Kurse nach oben. Mit einem Limit hätte Lea festgelegt, wie viel von diesem Abendandrang sie mitbezahlt.

Schematisches Beispiel, fiktive Werte. Kein realer Kurs.

Häufige Fehler

Was Privatanleger über ihre eigene Rolle annehmen

Die meisten Irrtümer über die eigene Rolle entstehen, weil man die eigene Order einzeln betrachtet. An fünf Stellen führt das in die Irre.

Fünf Annahmen über die eigene Order

  • Meine kleine Order spielt keine Rolle. Einzeln stimmt das. Zusammen mit allen, die zur selben Zeit dasselbe kaufen, kann sie den Preis verschieben, den du dann selbst bezahlst.
  • Uninformiert heißt, Privatanleger sind das dumme Geld. Gemeint ist nur, dass eine Order nichts über die nächsten Minuten weiß. Für einen Sparplan über Jahre ist dieses Wissen gar nicht nötig.
  • Wer für meinen Orderfluss bezahlt, betrügt mich. Der Betrag stand im Kurs und nicht auf der Abrechnung, und das Problem war der Interessenkonflikt beim Broker, nicht die Zahlung an sich.
  • Der Market Maker handelt gegen mich. Er verdient an der Spanne und will am Abend möglichst keinen Bestand haben. Deine Order ist ihm willkommen, weil sie ihm wenig Risiko bringt.
  • Wenn der Kurs nach vielen Privatkäufen steigt, hatten die Käufer recht. Die Studien aus den USA zeigen genau das Gegenteil über längere Frist. Was in einer Woche vorn liegt, kann über ein Jahr zurückfallen.
Eine einzelne private Order verrät nichts. Tausende zur selben Minute verraten eine Richtung.

Entscheidungshilfe

Wann dich deine Rolle etwas kostet

Die Rolle als Teil des privaten Flusses kostet dich nur in wenigen Lagen Geld. Welche davon auf dich zutrifft, hängt daran, wann und wie du kaufst.

Je nach Lage

  • Wenn du einen Sparplan auf einen breiten Index laufen lässt, musst du nichts tun. Der Sammelauftrag ist für einen Index mit Dutzenden großer Werte eine kleine Menge, und du bekommst seinen Durchschnittskurs.
  • Wenn du eine Einzelaktie kaufst, weil sie gerade in den Nachrichten ist, bist du wahrscheinlich nicht allein. Setz ein Limit, dann bestimmst du, wie viel vom Andrang du mitbezahlst.
  • Wenn du abends oder früh morgens kaufst, stellt oft ein einzelner Market Maker den Preis, und die Spanne ist weiter. Für größere Beträge lohnt der Blick auf die Handelszeiten, bevor du orderst.
  • Wenn du zur ersten Minute nach einem Börsengang kaufen willst, kaufst du mit allen anderen zugleich. Eine Kauforder ohne Limit ist dort die teuerste Art, dabei zu sein.
Für die meisten Anleger bleibt die Rolle folgenlos. Sie wird erst teuer, wenn du kaufst, was alle gerade kaufen, und dabei keinen Preis nennst.

Tiefer

Was mit dem Rest passiert, wenn der Fluss abgesondert wird

Für erfahrene Leser steckt die interessantere Folge auf der anderen Seite. Wenn ein Platz den privaten Fluss gezielt anzieht, bleibt an der Hauptbörse ein Rest zurück, und dieser Rest ist im Durchschnitt besser informiert als vorher. Der Kurssteller dort verliert an ihm häufiger und muss seine Spanne entsprechend weiter stellen.

David Easley, Nicholas Kiefer und Maureen O'Hara haben das 1996 in einer Arbeit zum eingekauften Orderfluss an US-Daten geprüft. Sie verglichen die Aufträge an der New York Stock Exchange mit denen, die ein kleinerer Platz gegen Bezahlung von Brokern bezog, und fanden im eingekauften Fluss deutlich weniger Information. Das Muster heißt seitdem Absahnen, im Englischen Cream-Skimming.

Die Rechnung dahinter ist unbequem. Ein enger Kurs für kleine Privataufträge an einem Platz kann mit einer weiteren Spanne für alle anderen an der Hauptbörse einhergehen. Ob die Summe für die Anleger besser oder schlechter ist, hängt am Anteil des abgesonderten Flusses und ist bis heute umstritten. Genau an dieser Frage entzünden sich die Studien, die der Teil zu Payment for Order Flow nebeneinanderstellt.

Zum Schluss

Eine Order, die niemand bemerkt, und ein Abend, den alle bemerken

Als Privatanleger bist du für die andere Seite ein willkommener Kunde. Deine Order ist klein, sie weiß nichts über die nächsten Minuten, und sie bringt dem Kurssteller wenig Risiko. Deshalb bekommst du für kleine Beträge oft einen fairen Kurs, ohne dass du irgendetwas dafür tun musst.

Die Rolle hat aber eine zweite Hälfte, und die siehst du nur, wenn du nicht auf deine eigene Order schaust, sondern auf den Abend, an dem du sie gibst. Kaufst du, was gerade alle kaufen, bist du Teil eines Stroms mit Richtung, und den Preis dieses Stroms zahlst du mit.

Der nächste Teil dieser Reihe schaut auf einen Käufer, der ganz anders funktioniert. Ein Indexfonds kauft nach Regelwerk und Stichtag, und er fragt dabei überhaupt nicht nach dem Preis.

Häufige Fragen

Sieht der Market Maker, wer ich bin?
Nein. Er sieht deinen Auftrag mit Stückzahl, Richtung und gegebenenfalls Limit, dazu das Handelsplatz-Mitglied, über das er ankommt, also im Zweifel deinen Broker. Deinen Namen, dein Depot und deine übrigen Aufträge sieht er nicht.
Ist es schlecht, zur selben Zeit zu kaufen wie viele andere?
Für einen Sparplan auf einen breiten Index nicht, der Sammelauftrag ist dort klein im Verhältnis zum Handel in den Indexwerten. Bei einer Einzelaktie nach einer Nachricht zahlst du den Andrang der anderen mit. Ein Limit legt fest, bis zu welchem Preis du das in Kauf nimmst.
Wird mein Orderfluss heute noch bezahlt?
Seit dem 1. Juli 2026 dürfen Wertpapierfirmen in Deutschland keine Zahlungen mehr dafür annehmen, dass sie Kundenaufträge an einen bestimmten Platz leiten. Der Wert des privaten Flusses ist dadurch nicht verschwunden, er wird nur anders verdient, etwa über eigene Handelsphasen für Privatanleger oder über den Eigenhandel des Brokers.
Bewegen Privatanleger wirklich Kurse?
Einzeln nicht, in der Summe schon. Studien auf Basis von US-Handelsdaten zeigen, dass private Aufträge sich auf auffällige Werte ballen und über Wochen in dieselbe Richtung laufen. Am stärksten wirkt das bei wenig gehandelten Aktien und außerhalb der Kernzeit, wenn das Buch dünn ist.

Quellen & weiterführende Links

  1. Barber und Odean, All That Glitters, The Effect of Attention and News on the Buying Behavior of Individual and Institutional Investors, Review of Financial Studies 21 (2008)
  2. Barber, Odean und Zhu, Do Retail Trades Move Markets?, Review of Financial Studies 22 (2009)
  3. Easley, Kiefer und O'Hara, Cream-Skimming or Profit-Sharing? The Curious Role of Purchased Order Flow, Journal of Finance 51 (1996)
  4. BaFin, Aufsichtsmitteilung 05/2026 (WA), Inkrafttreten des PFOF-Verbots in Deutschland

Zur Entstehung dieses Artikels

Dieser Beitrag wurde auf Basis der oben verlinkten Quellen mit KI-Unterstützung erstellt und vor Veröffentlichung redaktionell geprüft.

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