Stand:

Aktien & BörseTeil 1 von 5

Warum es Börsen gibt, welches Problem ein Marktplatz löst

Aktien kannst du auch privat kaufen und verkaufen, ganz ohne Börse. Warum das trotzdem kaum jemand tut und was ein organisierter Marktplatz übernimmt, das sonst jeder Handelnde selbst regeln müsste, zeigt dieser erste Teil der Reihe. Er legt das Fundament, auf dem alles Weitere aufbaut, vom Orderbuch bis zur ersten eigenen Order.

Portora Redaktion8 Min LesezeitAktualisiert

Grundlage

Was wäre, wenn es keine Börse gäbe

Stell dir vor, du besitzt 100 Aktien der Kavaro Interactive AG, einem erfundenen Unternehmen, und willst sie verkaufen. Ohne Börse müsstest du selbst jemanden finden, der genau diese Aktien gerade haben will. Du müsstest dich mit ihm auf einen Preis einigen, den keiner von euch nachprüfen kann. Und du müsstest darauf vertrauen, dass der Fremde das Geld auch wirklich überweist, nachdem du die Aktien übertragen hast.

Genau diese drei Mühen nimmt dir eine Börse ab. Sie findet die Gegenseite, sie liefert einen Preis, den alle sehen, und sie sorgt dafür, dass Lieferung und Zahlung verlässlich ablaufen. Eine Aktie ist ein Anteil am Unternehmen, den du nicht einfach im Bekanntenkreis los wirst. Deshalb braucht ihr Handel einen organisierten Ort.

Eine Börse ist also kein Gebäude und kein Mythos, sondern ein System aus Regeln, Teilnehmern und Technik, das ein einziges Problem löst. Es bringt Menschen, die kaufen wollen, mit Menschen zusammen, die verkaufen wollen, verlässlich und zu einem nachvollziehbaren Preis. Wie dieses System im Einzelnen aufgebaut ist, schauen wir uns in einem eigenen Teil dieser Reihe an. Hier geht es zuerst um das Warum.

Kernkonzept

Fünf Aufgaben, die eine Börse übernimmt

Was eine Börse leistet, lässt sich auf fünf Aufgaben herunterbrechen. Jede davon müsstest du ohne sie selbst erledigen, mit entsprechendem Aufwand und Risiko.

Die erste ist die Zusammenführung. Die Börse bündelt an einem Ort alle, die dasselbe Papier kaufen oder verkaufen wollen, sodass dein Auftrag fast immer sofort eine Gegenseite findet. Die zweite ist die Preisbildung. Aus diesen vielen Aufträgen entsteht ein einziger Preis, den alle sehen und den keiner allein festlegt. Die dritte ist die Standardisierung, jede Kavaro-Aktie ist wie jede andere, du musst nicht klären, was genau du bekommst.

Die vierte Aufgabe ist die Abwicklung. Eine zentrale Stelle sorgt dafür, dass die Aktien geliefert und bezahlt werden, in Deutschland in der Regel zwei Handelstage nach dem Abschluss. Die fünfte sind Regeln und Aufsicht, die dafür sorgen, dass für alle dieselben Bedingungen gelten. Erst diese fünf Aufgaben zusammen machen aus dem Handel einen einzigen Auftrag. Die folgende Übersicht stellt beide Welten nebeneinander.

Was ein organisierter Marktplatz übernimmt, das sonst jeder Handelnde selbst regeln müsste.

Ohne organisierten MarktplatzAn der Börse
Gegenseite findenDu suchst selbst jemanden, der genau jetzt Kavaro-Aktien will.Das Orderbuch führt Käufer und Verkäufer laufend zusammen.
PreisIhr handelt einzeln aus, keiner kennt den üblichen Kurs.Ein sichtbarer, laufend aktualisierter Preis gilt für alle.
Was gehandelt wirdJedes Mal neu klären, welches Papier mit welchen Rechten.Ein standardisierter Anteil, eine Kavaro-Aktie zählt wie jede andere.
Lieferung und ZahlungDu vertraust dem Fremden, dass er liefert und bezahlt.Eine zentrale Stelle wickelt geregelt ab, in der Regel nach zwei Tagen.
RegelnWer zuerst zahlt oder am hartnäckigsten verhandelt.Feste Regeln und Aufsicht, gleiche Bedingungen für alle.
Unterm StrichViel Aufwand, viel Risiko, kein verlässlicher Preis.Ein Auftrag genügt, den Rest übernimmt der Marktplatz.

Quelle: Grundfunktionen einer Wertpapierbörse, nach Deutsche Börse und BaFin.

Praxisbeispiel

Wie Mara ihre Kavaro-Aktien verkauft

Nehmen wir Mara, 34, die 100 Kavaro-Aktien im Depot hat und sie verkaufen möchte. Der Kurs steht gerade bei rund 40 Euro, ihre Position ist also etwa 4.000 Euro wert. Ohne Börse beginnt für sie jetzt die Suche. Sie müsste im Bekanntenkreis oder über Aushänge jemanden finden, der ausgerechnet Kavaro-Aktien will, mit ihm über den Preis feilschen und hoffen, dass er nach der Übertragung tatsächlich zahlt. Das kann Tage dauern, und ob die 40 Euro fair sind, weiß am Ende keiner von beiden.

An der Börse gibt Mara stattdessen einen Verkaufsauftrag über ihre 100 Aktien auf. Im Orderbuch warten bereits Kaufaufträge, ihr Auftrag trifft in Sekunden auf eine Gegenseite, und der Verkauf kommt zum aktuellen Kurs zustande. Zwei Handelstage später ist das Geld auf ihrem Konto und die Aktien beim Käufer. Mara musste niemanden suchen, keinen Preis erfinden und niemandem vertrauen.

Der Unterschied ist nicht bloß Bequemlichkeit. Ohne den Marktplatz trägt Mara das volle Such-, Preis- und Ausfallrisiko allein. An der Börse zahlt sie eine kleine Gebühr und einen kleinen Preisaufschlag, und dafür verschwinden alle drei Probleme auf einmal. Genau deshalb handelt praktisch niemand Aktien privat unter der Hand.

Preisbildung

Ein Preis, den alle sehen

Die vielleicht unterschätzte Leistung einer Börse ist der Preis selbst. Weil alle Aufträge an einem Ort zusammenlaufen, entsteht laufend ein einziger Kurs, den jeder einsehen kann. Dieser öffentliche Preis ist eine Information, die es ohne den Marktplatz gar nicht gäbe. Er verdichtet, was tausende Käufer und Verkäufer zusammen über das Papier denken.

Warum aus Angebot und Nachfrage überhaupt ein Preis wird, zeigt der Artikel dazu, wie Preise wirklich entstehen. Und dass ein solcher Preis mehr transportiert als eine bloße Zahl, nämlich Information über Knappheit und Erwartungen, ist eine eigene Überlegung wert. An der Börse bekommt dieser Mechanismus nur seine schärfste Form, weil der Preis hier im Sekundentakt neu entsteht und für alle gilt.

Ein Börsenkurs sagt dir aber nur, zu welchem Preis gerade gehandelt wird. Ob dieser Preis zum Unternehmen dahinter passt, ob die Aktie also teuer oder billig ist, steht auf einem anderen Blatt. Warum Börsenwert und Substanz weit auseinanderliegen können, klärt ein eigener Artikel. Die Börse liefert den Preis, nicht das Urteil darüber.

Vertrauen

Warum du dem Fremden nicht vertrauen musst

Der unheimlichste Teil eines privaten Aktiengeschäfts ist der Moment der Übergabe. Wer liefert zuerst, und was passiert, wenn die andere Seite dann nicht zahlt? An der Börse stellt sich diese Frage nicht. Zwischen Käufer und Verkäufer steht eine Kette aus zentralen Stellen, die dafür sorgt, dass Lieferung gegen Zahlung Zug um Zug abläuft, in Deutschland üblicherweise zwei Handelstage nach dem Abschluss.

Dazu kommt die Standardisierung. Eine Kavaro-Aktie ist rechtlich wie jede andere Kavaro-Aktie, und dasselbe Prinzip ordnet auch andere Papiere, etwa Anleihen mit ihrem Zins und Risiko. Du musst also nicht prüfen, was genau du bekommst. Über allem wacht eine Aufsicht. In Deutschland überwacht die BaFin den fairen und geordneten Ablauf des Handels, und wie der Preis technisch ermittelt wird, beschreibt die Börse Frankfurt in ihrem Lexikon.

Diese Sicherheit ist an die geregelte Börse gebunden, sie ist nicht selbstverständlich. Wo eine zentrale Abwicklung und eine Aufsicht fehlen, trägst du das Vertrauens- und Ausfallrisiko wieder selbst. Genau deshalb ist der Handel an einer regulierten Börse etwas anderes als ein Geschäft auf gut Glück.

Häufige Fehler

Was die meisten über die Börse falsch verstehen

Rund um die Börse halten sich ein paar hartnäckige Vorstellungen, die mehr verwirren als erklären. Die meisten davon verwechseln den Ort des Handels mit dem, was dort passiert.

Diese Missverständnisse führen am ehesten in die Irre:

  • Die Börse lege den Kurs fest. Sie stellt nur den Ort und die Regeln, der Preis entsteht aus den Aufträgen der Teilnehmer.
  • An der Börse fließe das Geld an das Unternehmen. Beim laufenden Handel wechselt es nur zwischen Anlegern, das Unternehmen bekommt Geld allein beim Börsengang oder einer Kapitalerhöhung.
  • Die Börse sei ein Gebäude. Der Handel läuft heute elektronisch über Systeme wie Xetra, das historische Parkett ist Kulisse und kein Handelsort mehr.
  • Börse sei reines Glücksspiel. Ihre Grundfunktion ist nüchtern, sie bringt Kapital und Anleger zusammen und bildet einen Preis, was mit dem eigenen Verhalten daraus wird, ist eine andere Frage.
Die Börse stellt den Ort und die Regeln. Den Preis machen die Teilnehmer.

Entscheidungshilfe

Worauf du dich verlassen kannst und worauf nicht

Du musst die Technik einer Börse nicht kennen, um von ihr zu profitieren. Es hilft aber zu wissen, was sie dir garantiert und was nicht, bevor du eine Order aufgibst.

So ordnest du ein, was die Börse für dich tut:

  • Verlass dich darauf, dass ein viel gehandeltes Papier fast immer sofort eine Gegenseite findet und zum sichtbaren Kurs handelbar ist.
  • Verlass dich darauf, dass Lieferung und Zahlung geregelt ablaufen, du musst der anderen Seite nicht persönlich vertrauen.
  • Verlass dich nicht darauf, dass der Kurs auch fair im Sinne des Unternehmenswerts ist. Das klärt die Bewertung, eine andere Ebene als der reine Handel.
  • Rechne bei einem selten gehandelten Wert damit, dass die Gegenseite dünn ist, der Preisaufschlag größer und dein eigener Auftrag den Kurs bewegen kann.
Bei großen Werten ist ein enger, verlässlicher Markt der Normalfall. Bei einem selten gehandelten Papier sieht es anders aus.

Einordnung

Die Bühne steht, jetzt kommen die Auftritte

Warum es Börsen gibt, lässt sich am Ende in einem Satz sagen. Sie lösen das Problem, dass Käufer und Verkäufer sich sonst mühsam suchen, über den Preis im Dunkeln tappen und einander vertrauen müssten. Der Marktplatz nimmt ihnen alle drei Lasten ab und macht den Handel schnell, sichtbar und verlässlich.

Damit steht das Fundament für alles Weitere in dieser Reihe. Woraus eine Börse im Einzelnen besteht, wie am Primärmarkt Geld zum Unternehmen fließt und am Sekundärmarkt nur zwischen Anlegern, und wie im Orderbuch aus Aufträgen ein Kurs wird, sind die nächsten Bausteine. Sie alle sitzen auf der einen Einsicht auf, die dieser Teil gelegt hat.

Die Börse ist die Bühne. Wer darauf agiert und wie aus ihren Aufträgen der Preis entsteht, schauen wir uns als Nächstes an.

Häufige Fragen

Wozu gibt es überhaupt eine Börse?
Eine Börse bringt Käufer und Verkäufer eines Wertpapiers verlässlich zusammen, bildet aus ihren Aufträgen einen für alle sichtbaren Preis und sorgt über zentrale Stellen dafür, dass Lieferung und Zahlung geregelt ablaufen. Sie nimmt dem Einzelnen die Suche, die Preisunsicherheit und das Ausfallrisiko ab.
Kann man Aktien auch ohne Börse kaufen?
Grundsätzlich ja, zwei Parteien können Aktien auch direkt untereinander übertragen. In der Praxis macht das kaum jemand, weil man selbst eine Gegenseite finden, den Preis aushandeln und der anderen Seite vertrauen müsste. Die Börse erledigt genau das schneller und sicherer.
Bekommt das Unternehmen Geld, wenn ich seine Aktie an der Börse kaufe?
Beim normalen Handel nicht. Da wechselt dein Geld nur zu einem anderen Anleger, der die Aktie verkauft. Geld fließt dem Unternehmen nur beim Börsengang oder einer Kapitalerhöhung zu, also am Primärmarkt.

Quellen & weiterführende Links

  1. BaFin, Wertpapiergeschäfte
  2. Börse Frankfurt, Lexikon fortlaufender Handel

Nächster Schritt

Deinen Depotwert im Zusammenhang sehen

Eine Börse liefert dir zu jedem Moment einen Preis. Was daraus über Wochen und Monate wird, zeigt sich erst im Verlauf. Portora führt deinen Depot- und Vermögensverlauf an einer Stelle zusammen und macht die Entwicklung sichtbar, statt den Kurs einer einzelnen Minute in den Vordergrund zu stellen.

Funktionen ansehen

Vom Wissen in die Anwendung

Wenn du die Einordnung auf deine eigene Lage anwenden willst, findest du in Portora den direkten Einstieg.

Wissen schafft Orientierung. Der nächste Schritt bleibt die Registrierung oder der Blick in die passende Produktseite.