Der Informationshändler und die Überraschung in jeder Nachricht
Eine Firma kann ein Umsatzplus von 22 Prozent melden, und ihr Kurs kann am selben Morgen trotzdem fallen. Das sieht widersinnig aus und folgt doch einer einfachen Regel. Was alle schon erwartet haben, stand längst im Preis, bewegt wird er nur noch von dem Teil der Nachricht, mit dem niemand gerechnet hat.
Das Bild
Das Haus mit dem alten Dach
Zwei Häuser in derselben Straße, gleich groß, gleich alt. Beim einen ist das Dach 40 Jahre alt, und das weiß jeder, der es besichtigt. Deshalb kostet es 30.000 Euro weniger als das Nachbarhaus. Bestätigt ein Gutachter später, dass das Dach in ein paar Jahren neu muss, ändert sich am Preis nichts. Das war bekannt und ist längst abgezogen.
Findet der Gutachter dagegen Schwamm im Dachstuhl, der sofort saniert werden muss, fällt der Preis. Und zwar nicht um die ganze Sanierung, sondern um den Teil, mit dem noch niemand gerechnet hatte. Der Preis reagiert nicht auf den Befund, er reagiert auf die Überraschung im Befund.
Ein Aktienkurs funktioniert genauso, nur schneller und mit viel mehr Käufern. In ihm steckt, was die Händler über Umsatz, Gewinn und Aussichten einer Firma erwarten. Eine Nachricht, die genau das bestätigt, bewegt ihn kaum. Bewegt wird er von der Differenz zwischen dem, was kommt, und dem, was erwartet war.
Die Rolle
Wer eine Nachricht als Erster in eine Order verwandelt
Im Überblick über die Teilnehmer an der Börse ist diese Gruppe die, die tatsächlich eine Meinung zum Preis hat. Eine Untergruppe davon lebt davon, Nachrichten schneller oder besser einzuordnen als der Rest. In der Fachsprache heißen sie Informationshändler. Dazu gehören Analysten bei Fonds und Banken, die jede neue Zahl sofort gegen ihr eigenes Modell halten, Hedgefonds, die sich auf Quartalszahlen spezialisieren, und Programme, die Unternehmensmeldungen maschinell lesen und in Millisekunden eine Order daraus machen.
Ihr Vorsprung ist nicht, dass sie etwas früher erfahren. Eine Firma, deren Aktie an einer Börse in der EU gehandelt wird, muss eine Nachricht, die den Kurs erheblich bewegen könnte, unverzüglich veröffentlichen, als sogenannte Ad-hoc-Mitteilung. Nach Paragraf 26 des Wertpapierhandelsgesetzes erfahren vorher nur die Geschäftsführungen der Handelsplätze davon, damit sie den Handel notfalls aussetzen können, die BaFin unverzüglich danach. Alle anderen bekommen die Meldung im selben Moment. Der Vorsprung liegt darin, was man in den ersten Sekunden damit anfängt.
Wer dagegen eine Nachricht kennt, bevor sie veröffentlicht ist, und darauf handelt, ist kein Informationshändler, sondern Insider, und das ist verboten. Wie die Aufsicht solche Fälle findet, gehört in das Modul über Verwahrung, Abwicklung und Aufsicht.
Am Beispiel
Die Gewinnwarnung, von 58 auf 34 Euro
Kavaro Interactive AG, die fiktive Aktie dieser Serie, schließt an einem Mittwoch im ersten Jahr nach dem Börsengang bei 58,00 Euro. In diesem Preis steckt eine Erwartung. Analysten rechnen für das laufende Quartal mit rund 120 Millionen Euro Umsatz und einem bereinigten operativen Gewinn von rund 20 Millionen Euro, und die Firma hat ihre Jahresprognose bisher nicht angetastet.
Am späten Abend kommt die Ad-hoc-Mitteilung. Die Buchungen liegen rund 35 Prozent unter dem, was Analysten erwartet hatten, und die Prognose für das Jahr wird gesenkt. In der Nacht rechnen die Informationshändler neu, und am Donnerstagmorgen liegen ihre Aufträge in der Eröffnungsauktion. Die stellt einen Preis von 34,00 Euro fest, wie im Teil zu den Börsen-Auktionen Stufe für Stufe nachgerechnet. Zwischen 58 und 34 Euro findet kein einziges Geschäft statt.
Gut 41 Prozent Kursverlust an einem Morgen sind nicht die Bewertung eines Quartals. Ein schwaches Quartal allein hätte die Firma nicht um zwei Fünftel weniger wert gemacht. Was fällt, ist die Erwartung für die Jahre danach, die in den 58 Euro steckte und mit der gesenkten Prognose nicht mehr zu halten ist. Wie ein Preis im Orderbuch aus Kauf- und Verkaufsaufträgen entsteht, steht im Teil zu Orderbuch und Kursentstehung. Neu ist hier nur, warum die Aufträge an diesem Morgen alle auf einmal eine andere Grenze tragen.
Die Mechanik
Gute Zahl, fallender Kurs, und umgekehrt
Dieselbe Rechnung erklärt Fälle, die auf den ersten Blick widersinnig aussehen. Entscheidend ist jedes Mal, was vorher erwartet war, nicht wie gut oder schlecht die Zahl für sich genommen ist.
Die Erwartung, an der gemessen wird, ist allerdings nicht immer die veröffentlichte Analystenschätzung. Steigt ein Kurs schon in den Tagen vor einem Bericht, liegt die Latte höher als der Durchschnitt der Analysten, und eine Zahl über dieser Schätzung kann trotzdem enttäuschen. Wie das an einem einzigen Abend bei drei großen Konzernen aussah, zeigt die Analyse zu Quartalszahlen, die die Erwartung übertrafen.
Vier Kavaro-Meldungen und was der Kurs daraus macht
| Was erwartet war | Was kam | Kurs | |
|---|---|---|---|
| Gewinnwarnung, Jahr 1 | rund 120 Mio Euro Quartalsumsatz, Prognose bestätigt | Buchungen 35 Prozent unter der Schätzung, Prognose gesenkt | 58,00 auf 34,00 Euro |
| Quartalszahlen, Jahr 2 | ein Verlust von rund 14 Mio Euro | ein Verlust von 6 Mio Euro | 18,00 auf 19,60 Euro |
| Quartalszahlen, Jahr 4 | Umsatz plus 28 Prozent | Umsatz plus 22 Prozent | 20,00 auf 18,80 Euro |
| Erste Dividende, Jahr 4 | 0,20 Euro je Aktie | 0,20 Euro je Aktie | kaum Bewegung |
Praxisbeispiel
Sophie liest eine gute Nachricht und kauft zu spät
Sophie, 34, bekommt an einem Donnerstag um 7:20 Uhr eine Push-Nachricht ihrer Finanz-App. Kavaro steigert den Quartalsumsatz um 22 Prozent. Das klingt nach einem guten Moment, und noch vor dem Frühstück gibt sie eine Kauforder über 50 Aktien ohne Grenze auf. Am Vorabend hatte die Aktie bei 20,00 Euro geschlossen.
Die Zahlen standen um 7:00 Uhr im Netz. Zwanzig Minuten später, als die Push-Nachricht kam, hatten die Informationshändler sie längst mit der Erwartung von 28 Prozent verglichen, und ihre Aufträge lagen für die Eröffnungsauktion bereit. Um 9:00 Uhr stellt Xetra einen Preis von 18,80 Euro fest. Sophie zahlt 940 Euro für ihre 50 Aktien und dazu 1 Euro Gebühr.
Verloren hat sie dabei nichts, sie hat zum neuen Preis gekauft und nicht zum alten. Ihr Irrtum lag woanders. Sie glaubte, früh dran zu sein und eine gute Nachricht zu kaufen. Tatsächlich war sie eine der Letzten, und die Nachricht war für den Kurs eine Enttäuschung. Wer auf eine Schlagzeile hin handelt, handelt fast immer auf einen Preis, der die Schlagzeile schon enthält.
Grenzen
Wann der Kurs nicht sofort alles verarbeitet
Die Regel, dass eine Nachricht in Sekunden im Kurs ist, gilt für große, viel gehandelte Werte und für Nachrichten, deren Bedeutung sich schnell beziffern lässt. Bei einem Nebenwert, den nur wenige Analysten verfolgen, oder bei einer Meldung, deren Folgen erst nach Wochen klar werden, kann die Einordnung Tage dauern. Ein Teil der Reaktion kommt dann erst später.
Auch der Kurssteller weiß, dass um eine Nachricht herum gut informierte Händler unterwegs sind. Steht eine Veröffentlichung an, zieht er seine Spanne auseinander und stellt weniger Stücke, weil er sonst genau an die verkauft, die mehr wissen als er. Warum das sein Geschäft ist, steht im Teil über Market Maker und Designated Sponsor. Für dich heißt das, rund um Quartalszahlen ist das Handeln teurer als an einem gewöhnlichen Tag.
Und nicht jede Bewegung ist eine Reaktion auf eine Nachricht. Kurse zappeln auch an Tagen ohne Meldung, weil Aufträge ungleichmäßig ankommen, darum geht es im Teil über Volatilität. Wer hinter jedem Ausschlag eine Information vermutet, findet meistens eine, die es nicht gibt.
Einordnung
Ein Preis, der weiß, was keiner allein weiß
Keiner der Händler kennt alle Gründe, aus denen Kavaro am Mittwochabend 58 Euro kostet, und keiner braucht sie zu kennen. Der eine hat die Nutzerzahlen gezählt, der zweite mit Spieleentwicklern gesprochen, der dritte die Ausgaben für Werbung durchgerechnet. Jeder bringt sein Stück Wissen über seine Order in den Preis, und der Preis fasst es zusammen. Das ist der Gedanke von Preisen als Information, und an einem Tag mit einer Ad-hoc-Mitteilung sieht man ihn in wenigen Stunden ablaufen.
Das funktioniert nur, weil sich das Einordnen lohnt. Wer eine Nachricht schneller und besser versteht, verdient daran, und genau dieser Verdienst ist der Grund, warum es überhaupt jemand tut. Eine Regel, die den Handel nach jeder Nachricht für Stunden anhielte, würde den Preis nicht schützen. Sie würde nur dafür sorgen, dass er das neue Wissen später aufnimmt.
Häufige Fehler
Was beim Lesen von Nachrichten schiefgeht
Die meisten Fehler entstehen, weil man die Nachricht für sich liest und nicht neben das, was vorher erwartet war.
Diese Verwechslungen kosten am meisten:
- Eine Wachstumszahl ohne Erwartung lesen. Plus 22 Prozent ist eine Enttäuschung, wenn plus 28 Prozent im Kurs stand.
- Auf eine Push-Nachricht hin kaufen oder verkaufen, um früh dran zu sein. Wenn die Meldung auf dem Handy ankommt, ist sie meist seit Minuten im Kurs.
- Den Kurssturz nach einer Gewinnwarnung für die Bewertung eines Quartals halten. Gefallen ist die Erwartung für die folgenden Jahre.
- Jede Bewegung einer Nachricht zuordnen. Viele Ausschläge entstehen aus ungleichmäßig ankommenden Aufträgen, ganz ohne neue Information.
- Rund um Quartalszahlen eine Order ohne Grenze aufgeben. Die Spanne ist dann weiter und der Eröffnungspreis kann weit vom Vorabend entfernt liegen.
Entscheidungshilfe
Was Nachrichten für deine Anlage bedeuten
Wie viel dich das angeht, hängt davon ab, wie du anlegst. Für die meisten Leser ist die ehrliche Antwort, dass sie Nachrichten zu einzelnen Firmen für ihre Anlage kaum brauchen.
So ordnest du eine Meldung ein:
- Wenn du per Sparplan in einen breiten ETF anlegst, kannst du Unternehmensnachrichten für deine Anlage ignorieren. Der Kurs hat sie aufgenommen, bevor du sie liest, und deine Rate kauft ohnehin zum Preis des Ausführungstags.
- Wenn du Einzelaktien hältst und eine Meldung liest, frag zuerst, was vorher erwartet war. Die Schätzung der Analysten steht in vielen Berichten direkt neben der gemeldeten Zahl, und wie der Kurs in den Tagen davor gelaufen ist, gehört dazu.
- Wenn du nach einer Nachricht handeln willst, gib eine Grenze mit. Am Morgen nach einer großen Meldung entscheidet die Eröffnungsauktion, und eine Order ohne Grenze nimmt jeden Preis, den sie feststellt.
- Wenn du nach der Ursache eines Kurssprungs suchst, lies die Ad-hoc-Mitteilung der Firma selbst und nicht nur die Schlagzeile darüber. Dort steht, was wirklich neu ist.
Tiefer
Warum ein Kurs nie alles wissen kann
Wenn der Kurs jede Nachricht sofort vollständig enthielte, könnte niemand mehr daran verdienen, Nachrichten einzuordnen. Dann würde es aber auch niemand mehr tun, und der Kurs könnte nichts mehr enthalten. Sanford Grossman und Joseph Stiglitz haben aus diesem Widerspruch 1980 in On the Impossibility of Informationally Efficient Markets eine der bekanntesten Thesen der Finanzforschung gemacht. Ein Markt, in dem Information Geld kostet, kann nicht vollkommen effizient sein. Er bleibt gerade so weit ungenau, dass die Arbeit der Informationshändler sich noch lohnt.
Wie viel Ungenauigkeit das im Alltag ist, haben Stefano DellaVigna und Joshua Pollet an Quartalszahlen in den USA gemessen. In ihrer Arbeit Investor Inattention, Firm Reaction, and Friday Earnings Announcements vergleichen sie Berichte, die an einem Freitag erscheinen, mit denen an anderen Wochentagen. Bei Freitagsmeldungen kommen 60 Prozent der gesamten Kursreaktion erst in den Wochen danach, an anderen Tagen 40 Prozent. Das Wochenende lenkt ab, und der Kurs holt nach, was er am Freitag liegen ließ.
Die Firmen wissen das offenbar. Nach derselben Arbeit ist bei Freitagsmeldungen die Wahrscheinlichkeit einer negativen Überraschung um 45 Prozent höher als an anderen Tagen. Wer schlechte Zahlen hat, legt sie gern dorthin, wo weniger Leute hinschauen.
Zum Schluss
Die Nachricht ist nicht der Preis
Ein Kurs ist eine Erwartung, die viele Händler gemeinsam aufgeschrieben haben. Eine Nachricht verschiebt sie nur um den Teil, mit dem niemand gerechnet hat, und die Informationshändler bringen diesen Teil in den Preis, bevor er bei den meisten Lesern ankommt.
Damit ist das Modul über die Akteure vollständig, vom Spekulanten über den Privatanleger, den Indexfonds, den Arbitrageur und den Hedger bis zum Händler, der zuerst versteht, was eine Nachricht bedeutet. Das nächste Modul schaut hinter die Kulissen, darauf, wo deine Aktien eigentlich liegen und was zwischen Kauf und Eigentum passiert.
Häufige Fragen
- Warum fällt eine Aktie trotz guter Zahlen?
- Weil der Kurs vorher schon mehr enthielt. Haben Händler mit einem Umsatzplus von 28 Prozent gerechnet, ist ein Plus von 22 Prozent eine Enttäuschung, und der Kurs fällt um den Teil der Erwartung, der nicht eingetreten ist.
- Was ist eine Ad-hoc-Mitteilung?
- Die Pflichtmeldung einer börsennotierten Firma zu einer Information, die den Kurs erheblich bewegen könnte, etwa eine Gewinnwarnung oder eine Übernahme. Sie muss unverzüglich und für alle gleichzeitig veröffentlicht werden. Vorher erfahren nur die Handelsplätze davon, damit sie den Handel notfalls aussetzen können.
- Ist es Insiderhandel, wenn jemand schneller auf eine Meldung reagiert?
- Nein. Wer eine veröffentlichte Meldung schneller liest und einordnet, nutzt öffentliche Information. Insiderhandel ist es, wenn jemand auf eine Information handelt, die noch nicht veröffentlicht ist.
- Woher weiß ich, was erwartet war?
- Viele Finanzportale und Berichte nennen neben der gemeldeten Zahl die durchschnittliche Analystenschätzung. Sie ist ein Anhaltspunkt, mehr nicht. Wie der Kurs in den Tagen vor der Meldung gelaufen ist, verrät oft zusätzlich, ob mehr erwartet wurde als der Durchschnitt.
Quellen & weiterführende Links
- Paragraf 26 Wertpapierhandelsgesetz, Übermittlung von Insiderinformationen an Handelsplätze und BaFin
- Grossman und Stiglitz, On the Impossibility of Informationally Efficient Markets, American Economic Review 70 (1980)
- DellaVigna und Pollet, Investor Inattention, Firm Reaction, and Friday Earnings Announcements, NBER Working Paper 11683 (2005)
Zur Entstehung dieses Artikels
Dieser Beitrag wurde auf Basis der oben verlinkten Quellen mit KI-Unterstützung erstellt und vor Veröffentlichung redaktionell geprüft.
Nächster Schritt
Die eigene Erwartung neben das Ergebnis legen
Ein Kurs bewegt sich um den Abstand zwischen Erwartung und Ergebnis, und auf dem eigenen Konto ist es nicht anders. Die Buchungen eines Kontos lassen sich in Portora als CSV oder Excel exportieren. So legst du in einer Tabelle neben das, was du für einen Monat eingeplant hattest, was wirklich abgebucht wurde, und siehst, wo die Überraschung saß.
Funktionen ansehenVom Wissen in die Anwendung
Wenn du die Einordnung auf deine eigene Lage anwenden willst, findest du in Portora den direkten Einstieg.
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