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Wirtschaft & Märkte

Ist die offizielle Inflation gelogen? Gefühlte und gemessene Inflation

Die gefühlte Inflation lässt sich messen, und sie liegt im Durchschnitt über der amtlichen Zahl. Der Grund ist meist kein Rechentrick der Statistik, sondern die Auswahl dessen, was du siehst. Lebensmittel kaufst du jede Woche, deine Miete und deinen Telefonvertrag zahlst du per Dauerauftrag, und diese Posten sind seit 2020 sehr unterschiedlich teurer geworden.

Portora Redaktion8 Min Lesezeit

Die Frage

Warum fühlt sich die Inflation höher an, als sie gemessen wird?

Die gefühlte Inflation ist keine Einbildung, sie wird regelmäßig erhoben. Die Europäische Zentralbank fragt jeden Monat rund 19.000 Erwachsene in elf Euro-Ländern, wie stark die Preise in den vergangenen zwölf Monaten aus ihrer Sicht gestiegen sind. Befragte in Deutschland nannten im August 2026 im Durchschnitt 4,6 Prozent. Das Statistische Bundesamt hat für denselben Monat 2,9 Prozent gemessen.

Hinter dem Durchschnitt steht eine schiefe Verteilung. Die Hälfte der Befragten nannte 3,0 Prozent oder weniger, also fast den amtlichen Wert. Nach oben gezogen wird der Durchschnitt von einem Teil, der sehr hohe Zahlen nennt. Ein Jahr zuvor war der Abstand größer, im August 2025 standen 4,6 Prozent im Durchschnitt und 2,9 Prozent in der Mitte der Befragten gegen gemessene 2,2 Prozent. Nach Angaben der EZB schätzen außerdem Haushalte mit kleinem Einkommen die Inflation höher ein als Haushalte mit großem.

Die Frage ist also weniger, ob die gefühlte Inflation über der gemessenen liegt, als warum. Wie die amtliche Zahl entsteht, mit Warenkorb, Gewichten und dem Vergleich zum Vorjahresmonat, erklärt der Artikel über Inflation, Deflation und Kaufkraft. Hier geht es um die Lücke zwischen dieser Zahl und dem, was im Kopf ankommt.

Der Warenkorb

Wofür ein Durchschnittshaushalt sein Geld ausgibt

Der Verbraucherpreisindex ist ein gewichteter Durchschnitt aus mehreren hundert Güterarten, zusammengefasst in zwölf Gruppen. Jede Gruppe zählt so viel, wie die Haushalte im Durchschnitt dafür ausgeben. Wohnen samt Wasser und Energie macht mit 25,9 Prozent gut ein Viertel aus, Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke mit 11,9 Prozent etwa ein Achtel. Der Supermarkt ist also ein kleinerer Teil des Korbs, als es sich an der Kasse anfühlt.

Im Wohnen steckt auch ein Posten, den niemand überweist, die unterstellte Miete für Menschen im eigenen Haus oder in der eigenen Wohnung. Sie wiegt 10,4 Prozent und damit mehr als alle tatsächlich gezahlten Mieten zusammen mit 7,6 Prozent. Wie sich die zwölf Gruppen seit 2020 im Preis entwickelt haben, zeigt die Tabelle.

Die zwölf Gruppen des Verbraucherpreisindex, sortiert nach Gewicht

Gewicht im WarenkorbPreise im August 2026 gegenüber 2020
Wohnung, Wasser, Strom, Gas und andere Brennstoffe25,9 %+19,6 %
Verkehr13,8 %+38,1 %
Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke11,9 %+36,7 %
Freizeit, Unterhaltung und Kultur10,4 %+22,4 %
Andere Waren und Dienstleistungen9,9 %+32,9 %
Möbel, Leuchten, Geräte und Haushaltszubehör6,8 %+18,3 %
Gesundheit5,5 %+16,7 %
Gaststätten und Beherbergung4,7 %+36,6 %
Bekleidung und Schuhe4,2 %+7,2 %
Alkoholische Getränke und Tabakwaren3,5 %+32,0 %
Post und Telekommunikation2,3 %−0,8 %
Bildungswesen0,9 %+25,2 %
Warenkorb insgesamt100 %+25,8 %
Die Veränderung vergleicht den Indexstand im August 2026 mit dem Durchschnitt des Jahres 2020.

Quelle: Statistisches Bundesamt, Wägungsschema 2020 und Verbraucherpreisindex nach Abteilungen, 2020 = 100

Die Wahrnehmung

Was du jede Woche siehst und was nicht

Im Kopf zählt ein Preis nach Häufigkeit und nicht nach Gewicht. Den Wocheneinkauf, die Tankstelle und den Kaffee unterwegs bezahlst du jede Woche, oft mit dem Kassenzettel in der Hand. Miete, Versicherung und Telefonvertrag laufen als Dauerauftrag, und ein neues Sofa kaufst du alle paar Jahre.

Genau diese Gruppen sind seit 2020 verschieden schnell gelaufen. Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke kosteten im August 2026 36,7 Prozent mehr als im Durchschnitt des Jahres 2020, Restaurants und Hotels 36,6 Prozent. Wohnen samt Energie lag 19,6 Prozent darüber, Bekleidung 7,2 Prozent. Post und Telekommunikation waren sogar 0,8 Prozent billiger als 2020.

Dazu kommt, dass eine Preiserhöhung stärker hängen bleibt als eine Preissenkung. Ein teureres Brot fällt auf, ein billigerer Datentarif kaum. Das passt zu dem gut belegten Muster, nach dem Verluste schwerer wiegen als Gewinne derselben Größe.

Außerdem hinkt die Wahrnehmung hinterher. Ende 2022 lag die gemessene Rate bei 8,1 Prozent und die gefühlte in der Mitte der Befragten bei 9,1 Prozent, also nah dran. Als die gemessene Rate 2025 auf 2,2 Prozent im Jahresschnitt sank, blieb die gefühlte in der Mitte der Befragten fast das ganze Jahr bei 2,9 Prozent stehen. Das Gedächtnis für schnell steigende Preise hält länger als der Anstieg selbst.

Praxisbeispiel

Was Jana an der Kasse sieht, und was ihr ganzer Haushalt zahlt

Nehmen wir Jana, 38 Jahre alt, zwei Kinder. Ihr Wocheneinkauf hat 2020 im Schnitt 80 Euro gekostet. Sind ihre Einkäufe so teurer geworden wie Nahrungsmittel insgesamt, zahlt sie im August 2026 für dieselbe Liste rund 109 Euro. Das sind 29 Euro mehr pro Woche, rund 127 Euro im Monat, und sie sieht es jeden Samstag auf dem Kassenzettel.

Janas Haushalt gibt aber viel mehr aus als den Wocheneinkauf. Verteilen sich ihre Ausgaben so wie im amtlichen Warenkorb, kostet alles, wofür sie 2020 im Monat 2.000 Euro ausgegeben hat, heute rund 2.516 Euro. Das sind 25,8 Prozent mehr und keine 36,7 Prozent.

Selbst wenn bei ihr ein Fünftel des Geldes in Lebensmittel geht statt ein Achtel, steigt ihre persönliche Rate seit 2020 nur um einen Prozentpunkt, von 25,8 auf 26,8 Prozent. Der Abstand zwischen dem, was Jana fühlt, und dem, was sie zahlt, entsteht vor allem dadurch, worauf sie schaut.

Gerechnet mit den zwölf Gruppen des Warenkorbs und ihren amtlichen Gewichten. Wer seine eigenen Anteile genauer kennt, setzt sie im persönlichen Inflationsrechner des Statistischen Bundesamts ein.

Der Rechen-Check

Wie du eine gefühlte Zahl in zwei Minuten prüfst

Eine hohe gefühlte Zahl lässt sich mit einer einfachen Rechnung prüfen. Steigen die Preise zehn Jahre lang um 15 Prozent im Jahr, kostet ein Einkauf, der am Anfang 100 Euro gekostet hat, am Ende rund 405 Euro. Bei 20 Prozent im Jahr sind es rund 619 Euro. Nach dem Verbraucherpreisindex kostete derselbe Durchschnittseinkauf 2025 rund 129 Euro, 29 Prozent mehr als 2015.

Auch die Gruppe mit dem stärksten Anstieg seit 2020, der Verkehr mit Autos, Kraftstoff und Fahrkarten, liegt bei 38,1 Prozent. Das ist viel, aber es ist ein Anstieg über gut sechs Jahre und nicht über eines. Wer eine Zahl über mehrere Jahre mit einer Jahresrate vergleicht, landet schnell beim Mehrfachen.

Der schnellste Test liegt in deinen eigenen Unterlagen. Such einen Kassenzettel, eine Rechnung oder einen Kontoauszug von vor fünf Jahren heraus, für etwas, das du heute noch genauso kaufst, und vergleich den Betrag. Für den ganzen Haushalt rechnet der persönliche Inflationsrechner des Statistischen Bundesamts mit deinen eigenen Anteilen.

Wo die Kritik trifft

Wo die Kritik an der Messung berechtigt ist

Ganz ohne Grund ist das Misstrauen nicht. Der erste Punkt ist die Qualitätsbereinigung. Ist ein neues Gerät besser als das alte, wird der Qualitätsunterschied herausgerechnet, und ein Teil des höheren Preises zählt nicht als Preiserhöhung. Das bekannteste Verfahren dafür, die hedonische Methode, setzt das Statistische Bundesamt nach einer Antwort der Bundesregierung aber nur bei ausgewählten Gütern ein, bei IT-Geräten, Pauschalreisen und Gebrauchtwagen. Und die Bereinigung wirkt in beide Richtungen, denn eine kleinere Packung zum selben Preis zählt als Preiserhöhung.

Der zweite Punkt ist die unterstellte Miete. Für einen Eigentümer mit laufendem Kredit misst sie nicht seine Wohnkosten, denn die bestehen aus Zins und Tilgung. Der dritte ist, dass es keinen eigenen Index für einzelne Gruppen wie Rentnerhaushalte oder Familien gibt. Alle drei Punkte stehen mit den Zahlen aus der Antwort der Bundesregierung in der Auswertung zur unterstellten Miete im Warenkorb.

Gar nicht erfasst werden Kaufpreise für Vermögen, also für Häuser, Grundstücke und Aktien. Wer eine Wohnung kaufen will, erlebt deshalb eine Preisentwicklung, die im Warenkorb nicht vorkommt. Diese Schere zwischen Hauskauf und Warenkorb ist ein eigenes Kapitel mit eigenen Zahlen.

Ein Index, der eine Sache nicht misst, ist deshalb nicht gelogen. Er beantwortet eine bestimmte Frage, nämlich wie viel mehr ein Durchschnittshaushalt für denselben Konsum zahlt.

Häufige Fehler

Woran die Debatte über die gefühlte Inflation meistens hängt

Die meisten Missverständnisse entstehen nicht aus falschen Zahlen, sondern aus Zahlen, die an der falschen Stelle verglichen werden.

Verwechslungen, die am häufigsten vorkommen:

  • Die eigene Rate mit der amtlichen gleichsetzen. Die amtliche gilt für den Durchschnittskorb, deine kann darüber oder darunter liegen, meist aber um weniger, als es sich anfühlt.
  • Einen einzelnen Preis für die Inflation halten. Ein Produkt, das nur einen kleinen Teil des Korbs ausmacht, kann um die Hälfte teurer werden, ohne dass die Rate zweistellig wird.
  • Einen Anstieg über mehrere Jahre mit einer Jahresrate vergleichen. 36,7 Prozent seit 2020 sind keine 36,7 Prozent im Jahr.
  • Den Durchschnitt einer Umfrage für die Meinung der meisten halten. In der Befragung der EZB liegt die Mitte der Antworten nah an der amtlichen Zahl, den Durchschnitt heben wenige sehr hohe Schätzungen.
  • Hauspreise im Warenkorb suchen. Kaufpreise für Immobilien stehen dort nicht, weil der Kauf als Anlage gilt und nicht als Konsum.
Die Prüffrage lautet bei jeder Inflationszahl gleich. Welcher Korb, welcher Zeitraum, welcher Durchschnitt.

Entscheidungshilfe

Welche Inflationszahl du wofür nimmst

Es gibt nicht die eine richtige Inflationsrate für alles. Welche Zahl passt, hängt davon ab, was du damit ausrechnen willst.

So wählst du die Zahl:

  • Wenn dein Mietvertrag eine Indexmiete hat, zählt der Verbraucherpreisindex des Statistischen Bundesamts, genau so, wie er im Vertrag genannt ist.
  • Wenn du die reale Rendite deines Depots rechnest, nimm die amtliche Rate über denselben Zeitraum, bei einem stark abweichenden Alltag zusätzlich deine persönliche.
  • Wenn du Preise zwischen Euro-Ländern vergleichst, nimm den harmonisierten Verbraucherpreisindex, der in allen Ländern gleich gebaut ist.
  • Wenn du wissen willst, was dein Haushalt spürt, rechne mit deinen eigenen Ausgabenanteilen, am einfachsten im persönlichen Inflationsrechner.
  • Wenn dir jemand 15 oder 20 Prozent im Jahr nennt, frag nach dem Zeitraum und dem Produkt. Meist steckt dahinter ein einzelner Preis oder ein Anstieg über mehrere Jahre.

Häufige Fragen

Ist die offizielle Inflationsrate manipuliert?
Dafür gibt es keinen Beleg. Warenkorb, Gewichte und Verfahren sind öffentlich dokumentiert, und die Gewichte kommen aus den tatsächlichen Ausgaben der Haushalte. Berechtigte Kritik gibt es an Einzelheiten wie der Qualitätsbereinigung und der unterstellten Miete. Die Lücke zur gefühlten Inflation entsteht aber vor allem dadurch, dass häufige Käufe stärker im Gedächtnis bleiben als seltene.
Warum ist meine gefühlte Inflation höher als die amtliche?
Weil du Preise nach Häufigkeit wahrnimmst und die Statistik sie nach Ausgaben gewichtet. Lebensmittel und Restaurants sind seit 2020 um gut 36 Prozent teurer geworden, der ganze Warenkorb um 25,8 Prozent. Wer vor allem den Wocheneinkauf im Blick hat, schätzt die Inflation deshalb höher.
Wie berechne ich meine persönliche Inflationsrate?
Am einfachsten mit dem persönlichen Inflationsrechner des Statistischen Bundesamts. Dort trägst du ein, wie viel du für Lebensmittel, Wohnen, Energie, Mobilität und andere Gruppen ausgibst, und bekommst eine Rate nach deinem eigenen Konsum.
Was ist der Unterschied zwischen VPI und HVPI?
Der Verbraucherpreisindex (VPI) ist die nationale Rate für Deutschland und enthält die unterstellte Miete für selbstgenutztes Wohneigentum. Der harmonisierte Verbraucherpreisindex (HVPI) ist in allen EU-Ländern gleich gebaut, damit man sie vergleichen kann, und lässt diesen Posten bisher weg. An ihm misst die Europäische Zentralbank ihr Ziel von zwei Prozent.

Quellen & weiterführende Links

  1. Statistisches Bundesamt: Wägungsschema für den Verbraucherpreisindex, Basisjahr 2020
  2. Statistisches Bundesamt: Verbraucherpreisindex, Gesamtindex und 12 Abteilungen
  3. Europäische Zentralbank: ECB Consumer Expectations Survey results, August 2026
  4. Europäische Zentralbank: Consumer Expectations Survey, wahrgenommene Inflation Deutschland, gewichteter Durchschnitt
  5. Europäische Zentralbank: Consumer Expectations Survey, wahrgenommene Inflation Deutschland, gewichteter Median
  6. Deutscher Bundestag: Antwort der Bundesregierung zu Berechnungsmethodik und Qualitätsbereinigung, Drucksache 21/7461
  7. Statistisches Bundesamt: Persönlicher Inflationsrechner

Zur Entstehung dieses Artikels

Dieser Beitrag wurde auf Basis der oben verlinkten Quellen mit KI-Unterstützung erstellt und vor Veröffentlichung redaktionell geprüft.

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