Was 1971 geschah, und was die Charts über Geld und Löhne wirklich zeigen
Am 15. August 1971 beendeten die USA die Einlösung von Dollar in Gold. Seitdem kursieren Charts, auf denen genau ab diesem Jahr Löhne, Preise und Vermögen auseinanderlaufen. Einiges davon stimmt, und es lohnt, erst das anzuerkennen und dann nachzurechnen, wo die Erklärung über das Gold nicht mehr trägt.
Was geschah
Der 15. August 1971
Bis 1971 hing das Geld der westlichen Welt über einen Umweg am Gold. Die Währungen hatten feste Kurse zum Dollar, und der Dollar war für ausländische Regierungen und Notenbanken zu 35 Dollar je Unze in Gold einlösbar. Das System stammte aus dem Abkommen von Bretton Woods von 1944. Anfang der 1970er Jahre lagen im Ausland aber mehr Dollar, als die USA Gold besaßen.
Am 15. August 1971 schloss Präsident Nixon deshalb das Goldfenster, ausländische Regierungen konnten ihre Dollar nicht mehr in Gold tauschen. Im selben Paket standen ein Lohn- und Preisstopp für 90 Tage und ein Zuschlag von 10 Prozent auf Importe. Nach einer Übergangslösung endete das System fester Wechselkurse 1973, seitdem schwanken die großen Währungen frei gegeneinander, die D-Mark ebenso wie später der Euro.
Was Geld ohne Goldbindung überhaupt ist und woher sein Wert kommt, erklärt der Artikel darüber, was Geld eigentlich ist. Hier geht es um eine andere Frage, nämlich ob 1971 der Grund für die Entwicklungen ist, die die bekannten Charts zeigen.
Was stimmt
Was die Charts richtig zeigen
Wer sich die Charts zum Jahr 1971 ansieht, findet echte Befunde, und es ist fair, sie zuerst zu nennen. Der erste betrifft den Geldwert. Der amerikanische Verbraucherpreisindex stand 1971 bei 121,7 Punkten und 2025 bei 967,5 Punkten. Ein Dollar von 1971 kauft damit heute noch rund ein Achtel dessen, was er damals kaufte. Unter dem Goldstandard vor dem Ersten Weltkrieg lagen die Preise 1913 fast dort, wo sie 1879 gelegen hatten.
Der zweite betrifft die Löhne. In der amerikanischen Privatwirtschaft ohne Landwirtschaft ist die Produktivität, also die Wirtschaftsleistung je Arbeitsstunde, von 1971 bis 2025 um 174 Prozent gestiegen. Der durchschnittliche Stundenlohn der Beschäftigten ohne Leitungsfunktion, nach Abzug der Verbraucherpreise, stieg im selben Zeitraum um 9 Prozent. Diese Lücke steht so in den amtlichen Daten, sie ist nicht erfunden.
Der dritte betrifft Vermögen. Preise für Häuser und Aktien sind in vielen Ländern über lange Strecken schneller gestiegen als Löhne, und wer kein Vermögen hatte, ist dabei zurückgefallen. Für Deutschland zeigt das die Schere zwischen Kaufpreisen und Einkommen seit 2010, mit der Einschränkung, dass sie sich seit 2021 teilweise wieder geschlossen hat.
Die Messung
Wie viel von der Lohnlücke an der Rechnung hängt
Die beiden Linien im bekanntesten Chart werden mit verschiedenen Preisen umgerechnet. Die Produktivität wird mit den Preisen der erzeugten Güter bereinigt, der Lohn mit den Preisen, die Verbraucher zahlen. Diese beiden Preisreihen liefen in den USA weit auseinander, die Verbraucherpreise stiegen seit 1971 um 695 Prozent, die Preise der erzeugten Güter um 428 Prozent. Ein Teil des Unterschieds kommt von Computern, die in der Produktion stark ins Gewicht fallen und stetig billiger wurden.
Zwei weitere Unterschiede stecken im Lohn selbst. Der Chart zeigt meist den Stundenlohn, ohne Sozialleistungen wie die Krankenversicherung, die in den USA oft der Arbeitgeber zahlt und die stark gewachsen sind. Und er zeigt nur Beschäftigte ohne Leitungsfunktion, während die Produktivität alle umfasst. Nimmt man die ganze Vergütung aller Beschäftigten und rechnet beide Linien mit denselben Preisen um, stieg die Vergütung je Stunde seit 1971 um 140 Prozent, die Produktivität um 174 Prozent.
Eine Lücke bleibt also, nur ist sie kleiner. Sie entspricht einem sinkenden Anteil der Arbeit an der Wertschöpfung, und dieser Teil ist real. Das amerikanische Arbeitsstatistikamt kam in einer eigenen Auswertung zu einem ähnlichen Ergebnis. Bis 2000 erklärte der Unterschied der Preisindizes den größten Teil der Lücke, von 2000 bis 2009 ein beispielloser Rückgang des Lohnanteils.
USA, Privatwirtschaft ohne Landwirtschaft, Jahresdurchschnitte
| Veränderung 1971 bis 2025 | |
|---|---|
| Produktivität je Arbeitsstunde | +174 % |
| Vergütung je Stunde, bereinigt mit den Preisen der erzeugten Güter | +140 % |
| Vergütung je Stunde, bereinigt mit den Verbraucherpreisen | +59 % |
| Stundenlohn der Beschäftigten ohne Leitungsfunktion, bereinigt mit den Verbraucherpreisen | +9 % |
Quelle: U.S. Bureau of Labor Statistics über FRED, Reihen OPHNFB, HCOMPBS, IPDNBS, CPIAUCSL und AHETPI
Die Ursache
Warum 1971 als einzige Ursache nicht trägt
Um das Jahr 1971 herum ist vieles gleichzeitig passiert. 1973 kam der erste Ölpreisschock, das Wachstum der Produktivität verlangsamte sich in fast allen Industrieländern, später kamen Computer, Automatisierung und die Öffnung Chinas für den Welthandel dazu. Welcher dieser Gründe wie viel vom sinkenden Lohnanteil erklärt, ist unter Ökonomen umstritten. Dass es mehr als einer ist, ist es kaum.
Ein Test liegt näher, als man denkt, in Deutschland. Im selben Geldsystem ohne Goldbindung ist die Lücke hier aufgegangen und wieder zugegangen. Von 1991 bis 2007 stieg die Produktivität je Arbeitsstunde um 32 Prozent, die Vergütung je Stunde nach Abzug der Verbraucherpreise nur um 10 Prozent. Von 2007 bis 2025 war es umgekehrt, 12 Prozent mehr Produktivität, 26 Prozent mehr Vergütung. Über die ganze Strecke seit 1991 stehen 48 Prozent gegen 38 Prozent.
Wenn dasselbe Geldsystem beide Richtungen hervorbringt, kann es nicht die ganze Erklärung sein. Warum Löhne auf lange Sicht an der Produktivität hängen und was sie kurzfristig davon wegschiebt, steht im Artikel über Produktivität und Löhne.
Der Vergleich
Warum der Goldstandard kein Zustand ohne Krisen war
Wer 1971 für den Sündenfall hält, stellt sich die Zeit davor oft ruhiger vor, als sie war. Die USA waren ab 1879 am Gold, und in dieser Zeit gab es schwere Bankenpaniken. In der Panik von 1893 fiel die Industrieproduktion um 15,3 Prozent, die Arbeitslosigkeit stieg auf 17 bis 19 Prozent. Die Panik von 1907 war so schwer, dass sie 1913 zur Gründung der amerikanischen Notenbank führte. Ein Grund war, dass die Bargeldmenge im damaligen System in einer Krise nicht mitwachsen konnte.
Die Große Depression lief ebenfalls unter dem Goldstandard. Von 1929 bis 1933 fielen die amerikanischen Verbraucherpreise um ein Viertel, die Wirtschaftsleistung um fast 30 Prozent, die Arbeitslosigkeit stieg auf fast 25 Prozent. Der spätere Notenbankchef Ben Bernanke hat 2004 zusammengefasst, dass Großbritannien und Skandinavien, die das Gold 1931 verließen, sich viel früher erholten als Frankreich und Belgien, die daran festhielten.
Ein Urteil für eines der beiden Systeme folgt daraus nicht. Das Goldgeld hielt die Preise über Jahrzehnte stabil und schwankte dafür kurzfristig heftig, das heutige Geld verliert stetig Kaufkraft und lässt der Notenbank Spielraum in der Krise. Ob Wettbewerb zwischen Währungen, wie ihn Friedrich August von Hayek vorgeschlagen hat, das bessere Modell wäre, ist eine ernsthafte Frage, die hier offen bleibt.
Praxisbeispiel
Was Lukas aus dem Chart für sein Geld ableitet
Nehmen wir Lukas, 31 Jahre alt, der eine Grafik geschickt bekommt, auf der die Produktivität ab 1971 davonzieht und der Stundenlohn flach bleibt. Er zieht daraus zwei Schlüsse. Erstens, dass sein Lohn mit der Wirtschaft nicht mitwächst. Zweitens, dass er sein Erspartes aus dem Geldsystem herausholen sollte, in Gold oder Bitcoin.
Der erste Schluss passt für Deutschland nur zum Teil. Die Vergütung je Arbeitsstunde ist hier seit 1991 nach Abzug der Inflation um 38 Prozent gestiegen, bei 48 Prozent mehr Produktivität, und seit 2007 schneller als die Produktivität. Der zweite Schluss hat einen wahren Kern, denn Geld auf dem Konto verliert tatsächlich Kaufkraft. Nur hat Bitcoin den einzigen echten Test als Inflationsschutz nicht bestanden. Im Jahr 2022, als die deutsche Inflation auf fast neun Prozent stieg, fiel Bitcoin um rund zwei Drittel, während Gold flach blieb.
Für Lukas bleibt aus dem Chart ein brauchbarer Gedanke übrig. Er sollte sein Geld nicht still auf dem Konto liegen lassen und eine Rendite immer nach der Inflation messen. Dafür braucht er kein Urteil über 1971, sondern einen Blick darauf, was nach der Inflation von einer Rendite übrig bleibt.
Häufige Fehler
Was beim Lesen der Charts zu 1971 schiefgeht
Die Charts sind nicht falsch, aber sie werden oft weiter gelesen, als sie tragen.
Die häufigsten Fehlschlüsse:
- Einen zeitlichen Zusammenfall für eine Ursache halten. Dass eine Linie ab 1971 abknickt, sagt nicht, dass 1971 der Grund ist, zumal 1973 der Ölschock kam.
- Zwei Linien vergleichen, die mit verschiedenen Preisen umgerechnet sind. Dann misst der Abstand auch den Unterschied der Preisindizes.
- Den Lohn für die ganze Vergütung halten. Sozialleistungen wie die Krankenversicherung fehlen im Stundenlohn.
- Amerikanische Zahlen auf Deutschland übertragen. Hier ist die Lücke seit 1991 kleiner und hat sich seit 2007 teilweise geschlossen.
- Aus der Kritik am Geldsystem einen Kauf ableiten. Gold und Bitcoin sind eigene Anlagen mit eigenen Risiken, kein Rückweg ins Jahr 1970.
Entscheidungshilfe
Was aus 1971 für dein Geld folgt
Dein Geldsystem wählst du nicht, deinen Umgang damit schon. Diese Fragen helfen beim Sortieren, sie sind keine Anlageberatung.
So ordnest du es ein:
- Wenn du Geld länger als ein paar Jahre nicht brauchst, miss seine Entwicklung nach der Inflation. Ein Konto ohne Zins verliert in jedem Jahr mit Inflation Kaufkraft.
- Wenn du dich gegen Geldentwertung schützen willst, sieh dir an, was sich in Jahren hoher Inflation wirklich gehalten hat, und nicht, was sich so nennt.
- Wenn du einen Chart zu 1971 teilst, prüf vorher, welche Preise und welches Land darauf stehen.
- Wenn dich die Frage nach dem besseren Geldsystem interessiert, trenn sie von der Frage, wie du dein eigenes Geld anlegst. Die erste ist politisch und bleibt offen, die zweite kannst du morgen beantworten.
Häufige Fragen
- Was ist 1971 passiert?
- Am 15. August 1971 beendeten die USA die Einlösung von Dollar in Gold für ausländische Regierungen und Notenbanken, bis dahin zu 35 Dollar je Unze. Dazu kamen ein Lohn- und Preisstopp für 90 Tage und ein Importzuschlag von 10 Prozent. 1973 endete das System fester Wechselkurse von Bretton Woods endgültig.
- Warum stagnieren die Löhne seit 1971?
- In den USA ist der Stundenlohn einfacher Beschäftigter nach Abzug der Verbraucherpreise seit 1971 tatsächlich kaum gestiegen. Ein großer Teil der Lücke zur Produktivität entsteht aber durch unterschiedliche Preisindizes und dadurch, dass Sozialleistungen im Lohn fehlen. Es bleibt ein sinkender Anteil der Arbeit an der Wertschöpfung, für den es mehrere Gründe gibt. In Deutschland ist die Vergütung je Stunde seit 1991 real um 38 Prozent gestiegen.
- War der Goldstandard besser als heutiges Geld?
- Er hielt die Preise über lange Zeit stabil, brachte aber schwere Bankenpaniken und verschärfte die Große Depression, weil die Geldmenge in der Krise nicht mitwachsen konnte. Länder, die ihn 1931 verließen, erholten sich früher. Welches System besser ist, hängt davon ab, welche Risiken man lieber trägt, und ist eine offene Frage.
- Schützt Bitcoin vor Geldentwertung?
- Den einzigen echten Test hat Bitcoin nicht bestanden. Im Inflationsjahr 2022 fiel der Kurs um rund zwei Drittel, während Gold flach blieb. Bitcoin verhält sich bisher eher wie eine riskante Anlage als wie ein Schutz.
Quellen & weiterführende Links
- Federal Reserve History: Nixon Ends Convertibility of U.S. Dollars to Gold and Announces Wage/Price Controls
- Federal Reserve Bank of Minneapolis: Consumer Price Index, 1800 bis heute
- U.S. Bureau of Labor Statistics über FRED: Labor Productivity, Nonfarm Business Sector (OPHNFB)
- U.S. Bureau of Labor Statistics über FRED: Hourly Compensation, Nonfarm Business Sector (HCOMPBS)
- U.S. Bureau of Labor Statistics über FRED: Implicit Price Deflator, Nonfarm Business Sector (IPDNBS)
- U.S. Bureau of Labor Statistics über FRED: Average Hourly Earnings of Production and Nonsupervisory Employees (AHETPI)
- U.S. Bureau of Labor Statistics: The compensation-productivity gap, a visual essay, Monthly Labor Review, Januar 2011
- Eurostat: Arbeitsproduktivität und Lohnstückkosten, Deutschland (nama_10_lp_ulc)
- Federal Reserve History: Banking Panics of the Gilded Age
- Federal Reserve Board: Ben S. Bernanke, Money, Gold, and the Great Depression, 2. März 2004
Zur Entstehung dieses Artikels
Dieser Beitrag wurde auf Basis der oben verlinkten Quellen mit KI-Unterstützung erstellt und vor Veröffentlichung redaktionell geprüft.
Nächster Schritt
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