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Preisstatistik

Im Warenkorb der Inflation wiegt eine Miete, die niemand überweist, schwerer als alle echten Mieten

In einer Antwort an den Bundestag hat die Bundesregierung Anfang August Zahlen zum Wägungsschema des Verbraucherpreisindex genannt, die selten öffentlich stehen. Auf die tatsächlich gezahlte Wohnungsmiete entfallen 75,56 Promille des Warenkorbs, auf die unterstellte Miete selbstnutzender Eigentümer 104,13 Promille. Der Posten, für den niemand Geld überweist, wiegt also schwerer als der, für den jeden Monat Mieten fließen.

Endgültige Daten
Portora Redaktion9 Min LesezeitAktualisiert

Der Wohnblock im Warenkorb

104,13 ‰
unterstellte Miete selbstnutzender Eigentümer
im Wägungsschema 2020
75,56 ‰
tatsächlich gezahlte Wohnungsmiete
rund ein Drittel weniger Gewicht
rund 1,0
Prozentpunkte senkte die Umstellung auf das Basisjahr 2020 die ausgewiesene Rate für 2022
Revision, keine Korrektur
80.000
Haushalte liefern alle fünf Jahre die Ausgabengewichte
Einkommens- und Verbrauchsstichprobe

Quelle: Antwort der Bundesregierung, Bundestagsdrucksache 21/7461

Was die Bundesregierung offengelegt hat

Am 3. August ist eine Antwort der Bundesregierung als Bundestagsdrucksache erschienen, die sich mit einer Frage beschäftigt, die sonst in Methodenpapieren verschwindet. Gefragt war, wie stark Änderungen am Warenkorb, am Wägungsschema, am Basisjahr und an der Qualitätsbereinigung die ausgewiesene Inflationsrate beeinflusst haben. Geantwortet hat das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, gestützt auf das Statistische Bundesamt.

Die Antwort ist an mehreren Stellen ein Nein. Modellrechnungen, die den Einfluss einzelner methodischer Elemente isoliert beziffern, liegen nicht vor. Eine Reihe mit seit dem Jahr 2000 unverändert fortgeschriebenen Gewichten gibt es nicht. Eine Zeitreihe ohne jede Qualitätsbereinigung wird nicht berechnet. Einen eigenen Preisindex für Rentnerhaushalte oder Familien gibt es nicht und soll es nicht geben.

Zwischen diesen Neins stehen aber Zahlen, die sonst kaum jemand nachschlägt, und eine davon ordnet den ganzen Index neu ein. Es lohnt sich, sie in Ruhe anzusehen, denn an diesem Index hängt mehr als die Schlagzeile am Monatsende. Er steht in Mietverträgen mit Wertsicherungsklausel, er ist der Maßstab, an dem du deine Rendite in Kaufkraft umrechnest, und er ist der Bezugspunkt, wenn über Kaufkraftverluste gestritten wird.

Der schwerste Wohnposten ist eine Miete, die niemand überweist

Das Wägungsschema legt fest, mit welchem Anteil jede Güterart in den Index eingeht. Es bildet die durchschnittlichen Ausgabenanteile der privaten Haushalte ab und wird aus den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen, den laufenden Wirtschaftsrechnungen und der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe abgeleitet. Auf die tatsächlich gezahlte Wohnungsmiete entfallen darin 75,56 Promille, also gut siebeneinhalb Prozent des Warenkorbs.

Direkt daneben steht ein zweiter Posten mit 104,13 Promille, und das ist die unterstellte Nettokaltmiete selbstnutzender Eigentümer. Gemeint ist der Betrag, den jemand zahlen müsste, wenn er seine eigene Wohnung mieten würde. Er wird nirgendwo überwiesen. Trotzdem wiegt er im Warenkorb rund ein Drittel schwerer als alle Mieten, die in Deutschland tatsächlich fließen. Dazu kommen laut der Antwort alle weiteren wohnbezogenen Güterarten samt Heiz- und Energiekosten.

Der Grund für diese Konstruktion ist nicht exotisch. Ein Preisindex soll die Ausgaben für den gesamten privaten Konsum abbilden, und Wohnen ist Konsum, auch wenn man im Eigentum wohnt. Ließe man Eigentümerhaushalte einfach weg, würde der Index behaupten, mehr als vierzig Prozent der Haushalte hätten keine Wohnkosten. Die Frage ist nicht, ob man diesen Posten braucht, sondern was er misst.

Welche Zahl welches Geld bewegt

Von der amtlichen Inflationsrate im Singular zu sprechen, führt in die Irre. Je nach Zweck wird eine andere Größe herangezogen, und keine davon ist die Zahl aus den Abendnachrichten allein.

WofürWelche Größe zähltEnthält die unterstellte Miete
Indexmiete und Wertsicherungsklausel im Vertragder nationale Verbraucherpreisindexja
Geldpolitik der Europäischen Zentralbankder harmonisierte Verbraucherpreisindexnein
Fortschreibung der Regelbedarfe in der Grundsicherungzu 70 Prozent ein eigener regelbedarfsrelevanter Preisindex, zu 30 Prozent die Nettolohnentwicklungnur anteilig
Jährliche Rentenanpassungdie Lohnentwicklung, nicht die Preisentwicklungnein
Bericht über die kalte Progression bei der Einkommensteuerdie Projektion der Bundesregierung zu den Konsumausgaben der privaten Haushaltenein
Die Zeile, die für die meisten Haushalte unmittelbar Geld bedeutet, ist die erste. Eine Wertsicherungsklausel im Mietvertrag rechnet mit genau dem Index, der den größten Wohnposten als unterstellte Miete führt.

Quelle: Antwort der Bundesregierung auf die Fragen 11 bis 13, Bundestagsdrucksache 21/7461; Erläuterungen des Statistischen Bundesamtes zum harmonisierten Verbraucherpreisindex

Warum das kein Trick ist und trotzdem etwas bedeutet

An dieser Stelle setzt regelmäßig der Verdacht an, hier werde eine Zahl weichgerechnet. Der Verdacht trägt nicht, und zwar aus einem konkreten Grund. Die unterstellte Miete bekommt keinen ausgedachten Preis. Ihre Bewegung wird nach den Erläuterungen des Statistischen Bundesamtes aus der Entwicklung des Preisindex für Nettokaltmiete geschätzt, also aus den Mieten, die andere Haushalte tatsächlich zahlen. Der Fachbegriff dafür ist Mietäquivalenzansatz. Erfunden ist an dem Posten das Gewicht, nicht die Preisänderung.

Was daraus folgt, ist trotzdem erheblich, und es geht in die entgegengesetzte Richtung zum Verdacht. Für einen Eigentümer mit laufendem Kredit misst dieser Posten nicht seine Wohnkosten. Seine Wohnkosten sind Zins und Tilgung, und die hängen am Kaufpreis und am Zinssatz zum Zeitpunkt der Finanzierung. Der Index unterstellt ihm stattdessen einen Mietpfad. In einer Phase, in der die Mieten um drei Prozent steigen und die Bauzinsen sich verdoppeln, sagt der Index über diesen Haushalt, seine Wohnkosten seien um drei Prozent gestiegen.

Dass die beiden für Deutschland berechneten Indizes diesen Posten unterschiedlich behandeln, haben wir in Drei Maße für dieselbe Inflation schon auseinandergenommen. Der nationale Index enthält die unterstellte Miete, der harmonisierte, an dem sich die Europäische Zentralbank als zentralem Indikator orientiert, berücksichtigt sie bislang nicht. Neu ist an der jetzigen Antwort nicht dieser Unterschied, sondern seine Größe. Mit 104,13 Promille weiß man nun, wie viel Warenkorb genau zwischen den beiden Zahlen liegt.

Die Qualitätsbereinigung, die niemand beziffern kann

Der zweite Punkt, an dem sich Misstrauen festmacht, ist die Qualitätsbereinigung. Dahinter steht ein einfaches Problem. Wenn ein Laptop im Nachfolgemodell doppelt so schnell ist und zwanzig Prozent mehr kostet, ist der Preis dann gestiegen. Eine Preisstatistik will die reine Preisänderung messen und Gleiches mit Gleichem vergleichen, deshalb wird der Qualitätsunterschied bestimmt und von der Preisänderung abgezogen.

Die Antwort räumt mit einem verbreiteten Bild auf. Das dafür bekannteste Verfahren, die hedonische Methode, kommt nur bei ausgewählten Gütern zum Einsatz, konkret bei verschiedenen IT-Gütern, bei Pauschalreisen und bei Gebrauchtwagen. Bei Neuwagen wird stattdessen die Ausstattung bereinigt. Maßgeblich sind dabei internationale Standards, das Handbuch der Vereinten Nationen von 2020 und das Methodenhandbuch von Eurostat von 2024. Von einer flächendeckenden Hedonik über den ganzen Warenkorb kann keine Rede sein.

Der Satz, an dem sich die Debatte entzünden wird, steht am Ende dieser Antwort. Der Einfluss der Qualitätsbereinigung auf die gemessene Preisentwicklung insgesamt könne nicht quantifiziert oder abgeschätzt werden. Das liest sich wie ein Eingeständnis, ist aber eine Eigenschaft des Verfahrens. Die Bereinigung ist kein Aufschlag, den man am Ende addiert und deshalb auch wieder abziehen könnte. Sie steckt in tausenden Einzelvergleichen. Eine Gegenrechnung ohne sie wäre kein ehrlicherer Index, sondern ein Index, der Modellwechsel als Preissprünge zählt.

Eine Revision ist keine Korrektur

Alle paar Jahre wird das Wägungsschema auf ein neues Basisjahr umgestellt, weil sich die Ausgabengewohnheiten verschieben. Dabei verlieren die bisherigen Indexwerte ihre Gültigkeit, die gesamte Reihe wird auf das neue Basisjahr umgerechnet, und für Deutschland liegt sie durchgehend ab Januar 1991 vor. Solche Umstellungen ändern rückwirkend die ausgewiesenen Raten, und zwar spürbar.

Die Antwort nennt zwei Größenordnungen. Bei der Umstellung auf das Basisjahr 2000 lag die höchste jährliche Revisionsdifferenz bei rund einem halben Prozentpunkt. Bei der Revision auf das Basisjahr 2020 betrug sie für das Jahr 2022 rund einen vollen Prozentpunkt. Für ein Jahr mit hoher Teuerung ist das viel, und wer nach einem Beleg für Manipulation sucht, wird genau hier fündig zu werden glauben.

Der Schluss trägt trotzdem nicht. Eine Revision korrigiert keinen Fehler, sie wechselt den Maßstab. Ein Warenkorb aus dem Jahr 2015 gewichtet Güter nach dem Konsum von 2015, und wenn ein Gut, dessen Preis später stark steigt, im neueren Warenkorb ein kleineres Gewicht hat, fällt die neu berechnete Rate niedriger aus. Das Verfahren ist dokumentiert, die Effekte stehen in den Aufsätzen des Statistischen Bundesamtes, und die Umstellungen folgen einem festen Turnus und nicht der politischen Lage. Was man dem Verfahren vorwerfen kann, ist etwas anderes, nämlich dass es die Vergleichbarkeit über lange Zeiträume erschwert, ohne dass die meisten Leser davon je erfahren.

Warum es keinen Index für Rentnerhaushalte gibt

Gefragt war auch, wie sich die Preisbelastung einzelner Haushaltsgruppen entwickelt hat, aufgeschlüsselt nach Einkommen, Haushaltstyp, Alter, Wohnstatus und Region. Die Antwort ist, dass es solche Indizes nicht gibt und auch künftig nicht geben soll. Die Begründung hat zwei Teile, und der eine ist stärker als der andere.

Der starke Teil ist statistischer Natur. Für einen eigenen Index braucht es eigene Ausgabengewichte, und die stammen aus der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe mit rund 80.000 Teilnehmenden alle fünf Jahre. Zerlegt man diese Stichprobe in Rentnerhaushalte, Alleinerziehende und Einkommensklassen, sinkt die Zahl der auswertbaren Fälle je Gruppe stark, und die Qualität leidet. Das ist ein nachvollziehbarer Einwand.

Der schwächere Teil ist der Verweis darauf, dass Simulationsrechnungen zufolge die Inflationsraten verschiedener Haushaltstypen voraussichtlich nicht stark voneinander abweichen würden. Diese Rechnungen stammen laut Antwort aus den Jahren 2009 und 2014. Sie liegen damit vor der Energiekrise und vor der Mietentwicklung des letzten Jahrzehnts, also genau vor den Jahren, in denen sich die Ausgabenstruktur eines Haushalts mit kleinem Einkommen am stärksten von der eines Durchschnittshaushalts entfernt haben dürfte. Ein Beleg dafür, dass die Aussage heute falsch ist, ist das nicht. Ein Beleg dafür, dass sie noch gilt, aber ebenso wenig.

Als Ersatz verweist die Antwort zweimal auf den persönlichen Inflationsrechner des Statistischen Bundesamtes, mit dem sich die eigene Rate nach dem eigenen Konsumverhalten abbilden lässt. Für sozialpolitische Zwecke gibt es zudem den regelbedarfsrelevanten Preisindex, der die Ausgaben einkommensschwacher Haushalte stärker gewichtet.

Was du damit anfangen kannst

Der erste Handgriff kostet zehn Minuten. Der persönliche Inflationsrechner des Statistischen Bundesamtes rechnet deine eigene Rate aus deinen Ausgabenanteilen. Wenn du zur Miete wohnst und einen großen Teil deines Geldes für Wohnen und Energie ausgibst, wirst du oben landen. Wenn du im abbezahlten Eigentum wohnst, eher unten. Die Differenz zur amtlichen Rate ist kein Fehler der Statistik, sie ist der Abstand zwischen dir und dem Durchschnitt.

Der zweite lohnt nur für eine bestimmte Gruppe, dafür konkret. Wenn in deinem Mietvertrag eine Indexklausel oder eine Wertsicherungsklausel steht, ist der Verbraucherpreisindex bei dir keine Nachricht, sondern eine Rechengröße mit direkter Wirkung. Dann ist es nützlich zu wissen, welcher Index genannt ist und dass eine Revision die gesamte Reihe auf ein neues Basisjahr umrechnet. Das Statistische Bundesamt stellt für solche Verträge eine eigene Rechenhilfe bereit.

Der dritte betrifft alle, die Geld anlegen. Eine Realrendite ist eine Nominalrendite abzüglich einer Inflationsrate, und die meisten setzen dort automatisch die Zahl aus den Nachrichten ein. Wenn deine eigene Ausgabenstruktur deutlich von der durchschnittlichen abweicht, rechnest du damit an deiner Kaufkraft vorbei. Das ist kein Argument gegen die amtliche Zahl, sondern eines dafür, sie als das zu nehmen, was sie ist. Sie beschreibt einen Durchschnittshaushalt, und den gibt es nicht.

Und wenn dir jemand vorrechnet, die Statistik schöne die Teuerung, lohnt eine Rückfrage nach der Richtung. Die unterstellte Miete kann die Rate dämpfen oder heben, je nachdem, ob Mieten langsamer oder schneller steigen als die übrigen Preise. Die Qualitätsbereinigung senkt gemessene Preisanstiege dort, wo Produkte besser werden, und hebt sie dort, wo Packungen kleiner werden. Wer nur die eine Richtung nennt, hat die Mechanik nicht erklärt, sondern eine Vorannahme.

Quellen

  1. Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage zum Einfluss von Berechnungsmethodik und Qualitätsbereinigung auf die amtliche Preisstatistik Deutscher Bundestag, Antwort des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie · bericht ·
  2. Harmonisierter Verbraucherpreisindex, Methodenerläuterung zum Unterschied gegenüber dem nationalen Verbraucherpreisindex Statistisches Bundesamt (Destatis) · statistik ·
  3. Verbraucherpreisindex, Methodenerläuterung zu Warenkorb und Wägungsschema Statistisches Bundesamt (Destatis) · statistik ·

Zur Entstehung dieses Artikels

Dieser Beitrag wurde auf Basis der oben verlinkten Primärquellen mit KI-Unterstützung erstellt und vor Veröffentlichung redaktionell geprüft. Alle Zahlen sind der Antwort der Bundesregierung und den Methodenerläuterungen des Statistischen Bundesamtes entnommen und im Text mit Quellen verknüpft.

Letzte Aktualisierung: 10. August 2026
Versionshistorie: Erste Veröffentlichung am 10. August 2026.

Hinweis: Dieser Beitrag ist eine sachliche Einordnung geldpolitischer Entwicklungen und stellt weder eine Anlageberatung noch eine Rechtsberatung dar. Für konkrete Entscheidungen in deiner persönlichen Situation wende dich an eine fachlich zuständige Person.

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