Den Geschäftsbericht lesen, welcher Teil geprüft ist und welcher nicht
Ein Geschäftsbericht ist das Dokument, in dem eine Firma einmal im Jahr offenlegt, was sie verdient hat, was ihr gehört und was sie schuldet, zusammen mit dem Bericht ihrer Geschäftsführung über das Jahr und die Aussichten. Gelesen wird er am besten von hinten, denn dort stehen die Zahlen, für die ein Wirtschaftsprüfer geradesteht, während vorn steht, was die Firma selbst zeigen möchte. Welche Regeln gelten und wann der Bericht erscheinen muss, hängt daran, wo die Firma an der Börse gehandelt wird.
Das Prinzip
Was ein Geschäftsbericht ist, und was davon Pflicht ist
Ein Geschäftsbericht ist kein Begriff aus dem Gesetz. Er ist das Heft, meist ein PDF, das eine Firma um ihren Jahresabschluss herum baut, mit einem Brief des Vorstands, Fotos, Zielen und einer Seite zur Aktie. Der Kern darin ist Pflicht. Jeder Kaufmann außer dem kleinen Einzelkaufmann muss für jedes Geschäftsjahr eine Bilanz und eine Gewinn- und Verlustrechnung aufstellen, beide zusammen heißen Jahresabschluss, so steht es in Paragraf 242 des Handelsgesetzbuchs.
Eine Aktiengesellschaft muss mehr liefern. Sie ergänzt den Abschluss um einen Anhang, der Posten aufschlüsselt und die Rechenmethoden nennt, und schreibt, sobald sie nicht mehr zu den kleinen gehört, einen Lagebericht, in dem der Vorstand das Jahr erklärt und sagt, was er für das nächste erwartet (Paragraf 264 HGB). Ist sie die Mutter eines Konzerns, kommt ein Konzernabschluss über alle Töchter dazu, mit einer Kapitalflussrechnung, die zeigt, wo das Geld im Jahr hergekommen und hingegangen ist.
Für einen Aktionär ist das kein Kleingedrucktes. Wer eine Aktie besitzt, besitzt ein Stück dieser Firma, und warum das kein Wettschein ist, steht in Aktien verstehen. Der Geschäftsbericht ist die eine Stelle, an der die Firma ihren Eigentümern einmal im Jahr vollständig Rechenschaft gibt.
Der Aufbau
Was in welchem Teil steht, und wer ihn prüft
Die meisten Berichte deutscher Konzerne folgen derselben Reihenfolge. Vorn steht, was die Firma erzählen will, danach der Lagebericht, dann die Zahlen und am Ende das Urteil des Prüfers. Für den Leser ist die letzte Spalte der Tabelle die wichtigste.
Den Abschluss und den Lagebericht muss ein Wirtschaftsprüfer prüfen, bei allen Kapitalgesellschaften außer den kleinen (Paragraf 316 HGB). Beim Lagebericht prüft er, ob er zu den Zahlen passt und ob Chancen und Risiken zutreffend dargestellt sind. Ob die Prognose des Vorstands eintrifft, kann er nicht prüfen, und das verspricht er auch nicht.
Sein Ergebnis steht im Bestätigungsvermerk (Paragraf 322 HGB), meist zwei bis drei Seiten, die mit dem Urteil beginnen. Steht dort, dass er den Vermerk einschränkt oder ganz versagt, ist das die wichtigste Nachricht im ganzen Bericht. Wie viel im Anhang stehen kann, das in der Bilanz fehlt, zeigen die Rechenzentrums-Verträge bei Alphabet.
Typische Reihenfolge im Geschäftsbericht eines deutschen Konzerns
| Teil | Was drinsteht | Geprüft |
|---|---|---|
| Brief des Vorstands und Magazinteil | Rückblick, Strategie, Ziele, die Seite zur Aktie | nein |
| Lagebericht | Geschäftsverlauf, Lage, Prognose mit Chancen und Risiken | ja, ob er zu den Zahlen passt |
| Bilanz, GuV und Kapitalflussrechnung | Vermögen und Schulden, Erträge und Aufwand, Geldflüsse | ja |
| Anhang | Rechenmethoden, Aufschlüsselungen, Pflichten außerhalb der Bilanz | ja |
| Bestätigungsvermerk | Das Urteil des Wirtschaftsprüfers | ist selbst die Prüfung |
| Mehrjahresübersicht | Kennzahlen über fünf bis zehn Jahre | meist nicht |
Quelle: Handelsgesetzbuch §§ 264, 316, 317, 322, eigene Darstellung
Praxisbeispiel
Ein Bericht, drei Stellen, drei verschiedene Zahlen
Die Beispielfirma dieser Serie ist die Aurelia Air Group AG, eine erfundene Airline mit gerundeten Zahlen, deren Verlauf dem einer großen europäischen Netzwerk-Airline folgt. Ihr Bericht für 2024 beginnt mit dem Brief des Vorstands, und darin steht als Erstes ein Rekordumsatz von 37,5 Milliarden Euro, so viel wie nie zuvor.
Im Lagebericht steht danach die Zahl, nach der die Firma sich selbst steuert. Das ist das operative Ergebnis ohne Sonderposten, und es fiel von 2,7 auf 1,6 Milliarden Euro. Streiks, höhere Kosten und verspätete Flugzeuge hatten den Gewinn gedrückt, während der Umsatz weiter stieg.
Erst in der Gewinn- und Verlustrechnung steht, was am Ende übrig blieb. Das waren 1,4 Milliarden Euro nach 1,7 Milliarden im Vorjahr. Keine der drei Zahlen ist falsch, sie messen nur verschiedene Dinge, und welche nach vorn kommt, entscheidet der Vorstand. Wer den vorderen Teil schreibt, hat jeden Grund, die Zahl nach vorn zu stellen, die am besten aussieht.
Aurelia Air Group AG, Milliarden Euro, gerundet. Schematisches Beispiel einer fiktiven Firma, keine Bewertung einer echten Aktie
| 2023 | 2024 | |
|---|---|---|
| Umsatz, vorn im Brief des Vorstands | 35,5 | 37,5 |
| Operatives Ergebnis ohne Sonderposten, im Lagebericht | 2,7 | 1,6 |
| Konzernergebnis, in der Gewinn- und Verlustrechnung | 1,7 | 1,4 |
Quelle: Fiktive Beispielfirma, Verlauf angelehnt an eine europäische Netzwerk-Airline
Jahr, Halbjahr, Quartal
Wie oft eine Firma berichtet, und was davon geprüft ist
Eine Firma, deren Aktien an einem regulierten Markt in Deutschland gehandelt werden, muss ihren Jahresfinanzbericht spätestens vier Monate nach Ende des Geschäftsjahrs veröffentlichen (Paragraf 114 Wertpapierhandelsgesetz). Für das erste Halbjahr folgt ein Halbjahresfinanzbericht, spätestens drei Monate danach (Paragraf 115 WpHG). Er enthält eine verkürzte Bilanz und Gewinn- und Verlustrechnung, und ein Prüfer darf ihn durchsehen, muss es aber nicht.
Im Prime Standard der Frankfurter Börse, dem Segment, aus dem die Werte der DAX-Familie kommen, kommt zum ersten und dritten Quartal eine Quartalsmitteilung dazu (Folgepflichten der Deutschen Börse). Sie ist kurz und muss keinen vollständigen Abschluss enthalten. In den USA heißt der geprüfte Jahresbericht 10-K, die drei Quartalsberichte dazwischen heißen 10-Q, und deren Zahlen sieht ein Prüfer nur durch, er prüft sie nicht wie im Jahresbericht.
Ein Quartal zeigt deshalb den jüngsten Ausschnitt, nicht das Bild. Bei einer Airline ist der Winter meist die schwächste Zeit des Jahres, das erste Quartal sieht oft schlecht aus, ohne dass sich am Geschäft etwas geändert hat. Wie Quartalszahlen und Kurse am Tag ihrer Veröffentlichung zusammenhängen, zeigt ein Abend mit drei Konzernberichten.
Wo du ihn findest
Investor Relations, Unternehmensregister, EDGAR
Am schnellsten findest du den Bericht auf der Internetseite der Firma, im Bereich Investor Relations, meist unter Berichte oder Publikationen. Dort liegen auch die älteren Jahre, oft bis weit zurück, und die Termine, an denen der nächste erscheint.
Jede Kapitalgesellschaft in Deutschland, auch die GmbH ohne Börsennotiz, muss ihren Abschluss dem Unternehmensregister übermitteln, spätestens ein Jahr nach dem Abschlussstichtag, eine börsennotierte spätestens nach vier Monaten (Paragraf 325 HGB). Kleine Kapitalgesellschaften müssen dort nur ihre Bilanz und den Anhang zeigen, die Gewinn- und Verlustrechnung nicht. Berichte von US-Firmen stehen in der Datenbank EDGAR der Börsenaufsicht SEC.
Wo es anders läuft
HGB, IFRS und US-GAAP, drei Regelwerke für dieselbe Frage
Ein deutscher Konzern an der Börse stellt seinen Konzernabschluss nach den internationalen Regeln IFRS auf, so verlangt es die IAS-Verordnung der EU. Die Muttergesellschaft selbst, die AG, stellt daneben ihren Einzelabschluss nach dem Handelsgesetzbuch auf. Eine US-Firma rechnet nach den amerikanischen Regeln US-GAAP. Alle drei beschreiben dasselbe Geschäft und kommen trotzdem auf verschiedene Zahlen, etwa weil geleaste Flugzeuge nach IFRS in der Bilanz stehen und nach HGB meist nicht.
Für den Aktionär hat das eine Folge, die viele überrascht. Die Dividende richtet sich nicht nach dem Konzernergebnis aus dem IFRS-Abschluss, sondern nach dem Bilanzgewinn im Einzelabschluss der AG. Über dessen Verwendung beschließt die Hauptversammlung, gebunden an den festgestellten Jahresabschluss (Paragraf 174 Aktiengesetz). Ein Konzern kann also Gewinn melden und trotzdem nichts ausschütten dürfen, oder umgekehrt.
Banken und Versicherer bilanzieren nach eigenen Gliederungen, ihre Berichte sehen anders aus als der eines Industriekonzerns. Und das Geschäftsjahr muss nicht im Dezember enden. Bei manchen Firmen endet es im März oder im September, ein Vergleich zweier Berichte braucht deshalb immer denselben Zeitraum.
Häufige Fehler
Fünf Stellen, an denen ein Geschäftsbericht täuscht
Die meisten Fehler passieren nicht beim Rechnen, sondern beim Blättern, weil man an der falschen Stelle aufhört oder zwei Dinge vergleicht, die nicht zusammengehören.
- Nach dem Brief des Vorstands aufhören. Der vordere Teil ist ungeprüft und zeigt, was die Firma zeigen will. Bei der Aurelia Air stand dort der Rekordumsatz, der gesunkene Gewinn stand hinten.
- Geschäftsbericht und Jahresabschluss verwechseln. Der Abschluss ist der geprüfte Kern, der Geschäftsbericht das Heft drumherum. Nur für den Kern steht ein Prüfer gerade.
- Nur das letzte Quartal lesen. Eine Quartalsmitteilung ist kurz und ungeprüft, und ein einzelnes Quartal trägt die Jahreszeit mit. Das ganze Bild steht im Jahresbericht.
- Konzern und AG verwechseln. Ein börsennotierter Konzern legt zwei Abschlüsse vor, den Konzernabschluss über alle Töchter und den Einzelabschluss der Mutter. Ihre Zahlen weichen voneinander ab, und für die Dividende zählt der zweite.
- Zahlen aus verschiedenen Regelwerken nebeneinanderlegen. Ein Gewinn nach IFRS und einer nach US-GAAP sind nicht dasselbe, auch wenn beide Gewinn heißen.
Entscheidungshilfe
In welcher Reihenfolge du einen Geschäftsbericht liest
Für den ersten Durchgang reichen fünf Stellen, und keine davon braucht einen Taschenrechner.
Von hinten nach vorn
- Der Bestätigungsvermerk. Ist er uneingeschränkt erteilt, oder schränkt der Prüfer etwas ein?
- Die Mehrjahresübersicht. Wie haben sich Umsatz, Gewinn und Schulden über fünf bis zehn Jahre bewegt?
- Der Prognosebericht im Lagebericht. Was erwartet der Vorstand für das nächste Jahr, und welche Risiken nennt er?
- Bilanz, Gewinn- und Verlustrechnung und Kapitalflussrechnung, jeweils mit der Spalte des Vorjahrs daneben.
- Der Anhang, aber nur an den Stellen, an denen dir eine Zahl auffällt.
Häufige Fragen
- Ist der Geschäftsbericht dasselbe wie der Jahresabschluss?
- Nein. Der Jahresabschluss besteht aus Bilanz und Gewinn- und Verlustrechnung, bei einer Aktiengesellschaft dazu Anhang, und er ist Pflicht und geprüft. Der Geschäftsbericht ist das Heft, das die Firma darum herum baut, mit Lagebericht, Brief des Vorstands und Bildern. Ein Wirtschaftsprüfer steht nur für Abschluss und Lagebericht gerade.
- Ist ein Geschäftsbericht öffentlich?
- Bei börsennotierten Firmen ja, sie müssen ihn spätestens vier Monate nach Ende des Geschäftsjahrs veröffentlichen, meist auf ihrer Internetseite. Jede deutsche Kapitalgesellschaft muss außerdem ihren Abschluss dem Unternehmensregister übermitteln, kleine Firmen allerdings nur Bilanz und Anhang.
- Was muss ein Geschäftsbericht enthalten?
- Vorgeschrieben ist der Inhalt, nicht das Heft. Eine börsennotierte Aktiengesellschaft muss einen geprüften Jahresabschluss mit Anhang, einen Lagebericht, den Bestätigungsvermerk des Prüfers und eine Erklärung des Vorstands vorlegen, dass die Zahlen ein zutreffendes Bild geben. Als Konzern kommt der Konzernabschluss mit Kapitalflussrechnung dazu.
- Wie lange nach dem Geschäftsjahr erscheint der Bericht?
- Bei Firmen an einem regulierten Markt in Deutschland spätestens nach vier Monaten, bei einem Geschäftsjahr bis Dezember also Ende April. Viele große Konzerne sind schneller und veröffentlichen im März. Andere Kapitalgesellschaften haben bis zu zwölf Monate Zeit.
Quellen & weiterführende Links
- Handelsgesetzbuch, § 242 Pflicht zur Aufstellung
- Handelsgesetzbuch, § 264 Pflicht zur Aufstellung, Anhang und Lagebericht
- Handelsgesetzbuch, § 316 Pflicht zur Prüfung
- Handelsgesetzbuch, § 317 Gegenstand und Umfang der Prüfung
- Handelsgesetzbuch, § 322 Bestätigungsvermerk
- Handelsgesetzbuch, § 325 Offenlegung
- Handelsgesetzbuch, § 326 Größenabhängige Erleichterungen bei der Offenlegung
- Wertpapierhandelsgesetz, § 114 Jahresfinanzbericht
- Wertpapierhandelsgesetz, § 115 Halbjahresfinanzbericht
- Aktiengesetz, § 174 Verwendung des Bilanzgewinns
- Verordnung (EG) Nr. 1606/2002 betreffend die Anwendung internationaler Rechnungslegungsstandards
- Deutsche Börse, Folgepflichten Regulierter Markt
- U.S. Securities and Exchange Commission, How to Read a 10-K/10-Q
Zur Entstehung dieses Artikels
Dieser Beitrag wurde auf Basis der oben verlinkten Quellen mit KI-Unterstützung erstellt und vor Veröffentlichung redaktionell geprüft.
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Die Pflichtberichte großer Konzerne nebeneinander
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