Sichtbare Kosten, unsichtbare Kosten, und warum immer dieselbe Seite fehlt
Jede Entscheidung hat Folgen, die sich zählen lassen, und Folgen, die niemand zählt. Die zweite Gruppe ist deshalb nicht kleiner, sie ist nur schlechter zu fotografieren. Wer das Muster dahinter kennt, erkennt eine halbe Rechnung, ohne die fehlende Hälfte ausrechnen zu müssen.
Die Grundeinsicht
Was auf der Rechnung steht, entscheidet nicht, was etwas kostet
Ein Handwerker ersetzt eine zerbrochene Fensterscheibe und verdient 400 Euro. Das ist ein Vorgang, den man sehen kann. Er hat ein Datum, einen Betrag und einen Namen auf der Rechnung. Was der Hausbesitzer mit denselben 400 Euro sonst gemacht hätte, hat davon nichts. Kein Datum, kein Beleg, keinen Namen. Der französische Ökonom Frédéric Bastiat hat diesen Fall 1850 in einem Aufsatz beschrieben, dessen Titel schon die ganze Sache enthält, „Ce qu'on voit et ce qu'on ne voit pas", das Sichtbare und das Nichtsichtbare.
Der Punkt daran ist nicht, dass jemand etwas versteckt. Meistens versteckt niemand etwas. Der Punkt ist, dass Sichtbarkeit und Größe zwei verschiedene Dinge sind und trotzdem ständig verwechselt werden. Eine Folge, die sich beziffern lässt, kommt in die Bilanz. Eine Folge, die sich nicht beziffern lässt, kommt nicht in die Bilanz. Was am Ende darunter steht, ist deshalb keine Summe aller Folgen, sondern eine Summe der zählbaren.
Und diese Auswahl ist nicht zufällig. Wer sich viele Fälle ansieht, findet am unsichtbaren Ende fast immer dieselben drei Sorten. Das macht die Sache praktisch, denn man muss die fehlende Hälfte nicht ausrechnen können, um zu merken, dass sie fehlt.
Drei Sorten, die regelmäßig aus der Rechnung fallen:
- Was später kommt. Der Nutzen fällt in diesem Jahr an, die Kosten in den nächsten zehn. Beide stehen in derselben Rechnung, aber nur einer davon steht oben.
- Was sich verteilt. Ein Betrag, der auf eine Person fällt, ist eine Nachricht. Derselbe Betrag auf 80 Millionen verteilt ist ein Rundungsfehler in jedem einzelnen Haushalt.
- Was nicht passiert. Der Laden, der nicht eröffnet, die Stelle, die nicht ausgeschrieben wird, das Gerät, das nicht gekauft wird. Nichtereignisse haben keine Statistik.
Der Mechanismus
Wer eine Adresse hat, kommt in die Rechnung
Warum fällt fast immer dieselbe Seite heraus? Der Grund ist unspektakulär und hat nichts mit Absicht zu tun. Er ist Arithmetik. Stell dir eine Maßnahme vor, die 2.000 Betrieben je 50.000 Euro bringt und die 80 Millionen Menschen je 1,25 Euro kostet. Beide Seiten sind hundert Millionen Euro schwer. Genau gleich groß, genau gegenläufig.
Trotzdem verhalten sich die beiden Seiten völlig verschieden. Die 2.000 Betriebe wissen von ihren 50.000 Euro, sie können sie ausrechnen und sie haben einen Verband, der für sie spricht. Für 50.000 Euro lohnt sich ein Anruf, ein Termin, ein Brief. Die 80 Millionen wissen von ihren 1,25 Euro meistens gar nichts, und selbst wer es weiß, unternimmt nichts. Für 1,25 Euro lohnt sich kein Anruf. Am Ende hat die eine Seite eine Adresse und die andere nicht, und in der Zeitung steht die Seite mit der Adresse.
Dasselbe gilt für die Zeit. Ein Effekt in diesem Quartal lässt sich messen und jemandem zuschreiben. Ein Effekt in acht Jahren lässt sich weder sauber messen noch sauber zuschreiben, weil bis dahin hundert andere Dinge passiert sind. Das ist der Grund, warum ausgerechnet die Anreize einer Maßnahme so oft unterschätzt werden. Anreize wirken über Jahre, und in Jahren wird nicht gerechnet.
Der Fall zum Nachprüfen
Die Abwrackprämie 2009, und das Jahr danach
Meistens bleibt die unsichtbare Seite unsichtbar, und man kann über sie nur reden. Es gibt aber Fälle, bei denen ein Teil davon später doch sichtbar wird, und die sind lehrreich, weil man dort nachsehen kann statt zu argumentieren. Die Abwrackprämie ist so ein Fall.
Die Richtlinie stammt vom 20. Februar 2009. Wer ein mindestens neun Jahre altes Auto verschrotten ließ und einen Neu- oder Jahreswagen kaufte, bekam 2.500 Euro. Bis zum 7. Mai 2009 lagen dem zuständigen Bundesamt nach Angaben der Bundesregierung 1.400.208 Anträge vor. Das Geld kam aus dem Sondervermögen „Investitions- und Tilgungsfonds", und der Bundestag beriet damals über eine Aufstockung von 1,5 auf 5,7 Milliarden Euro einschließlich Zinsausgaben. Diese beiden letzten Wörter sind wichtiger, als sie aussehen. Das Programm wurde nicht aus laufenden Einnahmen bezahlt, sondern auf Kredit, und ein Kredit verschiebt einen Teil der Kosten in Jahre, in denen niemand mehr über Autos redet. Wie diese Verschiebung wirkt, steht in Staatsschulden verstehen.
Die sichtbare Seite war beeindruckend und sie kam schnell. 2009 wurden in Deutschland 3,81 Millionen Pkw neu zugelassen, ein Plus von 23,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dann kam 2010. Das Kraftfahrt-Bundesamt hat dieses Jahr in seinem Jahresbericht selbst überschrieben mit „Im Jahr danach" und den Rückgang von 23,4 Prozent als knappe Annäherung an das Niveau von 2008 beschrieben.
Die Abwrackprämie lief 2009. Das Jahr danach lag unter dem Jahr davor.
| Jahr | Pkw-Neuzulassungen | gegenüber Vorjahr |
|---|---|---|
| 2008 | 3,09 Mio. | |
| 2009 | 3,81 Mio. | +23,2 % |
| 2010 | 2,92 Mio. | -23,4 % |
| 2011 | 3,17 Mio. | +8,8 % |
Quelle: Kraftfahrt-Bundesamt, Jahresberichte 2008 bis 2011
Die Seite ohne Adresse
Was die Bundesregierung 2009 selbst aufgeschrieben hat
Der interessante Teil ist nicht, dass es eine unsichtbare Seite gab. Der interessante Teil ist, dass sie längst auf dem Papier stand, während das Programm noch lief. Die FDP-Fraktion hatte im Bundestag danach gefragt, und die Bundesregierung antwortete im Mai 2009, verschrottete Altfahrzeuge würden dem Gebrauchtwagenmarkt entzogen, wodurch das Angebot von Fahrzeugen im unteren Preissegment tendenziell verknappt werde. Sie schrieb weiter, das gelte auch für Fahrzeuge, die mehr wert waren als die Prämie selbst.
Damit ist die Verteilung ziemlich klar. Wer sich einen Neuwagen leisten konnte, bekam 2.500 Euro und eine Rechnung mit seinem Namen darauf. Wer ein Auto für 1.500 Euro suchte, fand einen dünneren Markt und bekam gar nichts, auch keinen Beleg über das, was ihn das gekostet hat. Die eine Gruppe war zählbar, die andere nicht. Deshalb steht die eine in jeder Bilanz des Programms und die andere in keiner, obwohl beide im selben Dokument vorkommen. Es ist genau die Struktur aus dem vorigen Abschnitt, nur mit echten Zahlen daneben.
Jetzt kommt der Teil, den ein ehrlicher Text nicht auslassen darf. Aus diesen Zahlen folgt nicht, dass die Prämie unterm Strich nichts gebracht hat. 2009 war das tiefste Jahr der Finanzkrise, und niemand weiß, wie viele Autos ohne das Programm gekauft worden wären. Vielleicht deutlich weniger als 3,09 Millionen, dann war ein Teil des Aufschwungs echt. Vielleicht fast genauso viele, dann war er weitgehend vorgezogen. Diese Zahl gibt es nicht und wird es nie geben, denn sie ist selbst ein Nichtereignis. Die Regel gilt eben auch für den, der sie anwendet.
Praxisbeispiel
Was ein Neukundenbonus mit Julias Stromrechnung macht
Julia wohnt zu zweit und verbraucht rund 2.800 Kilowattstunden Strom im Jahr. Sie vergleicht zwei Tarife. Der eine kostet den Durchschnittspreis, den das Statistische Bundesamt für private Haushalte im zweiten Halbjahr 2025 ausgewiesen hat, 40,55 Cent je Kilowattstunde. Der andere liegt drei Cent darüber, zahlt dafür aber im ersten Jahr 120 Euro Bonus. Auf der Vergleichsseite steht der Bonus fett und zweistellig, der Aufschlag steht klein.
Rechne beides aus, und die Sache dreht sich. Drei Cent mehr auf 2.800 Kilowattstunden sind 84 Euro im Jahr. Im ersten Jahr gewinnt Julia also 36 Euro. Ab dem zweiten Jahr verliert sie 84 Euro pro Jahr, und wenn sie den Vertrag drei Jahre behält, hat sie 132 Euro draufgelegt. Der Bonus ist eine Zahl, die einmal kommt und die man sieht. Der Aufschlag sind zwölf Abbuchungen im Jahr, von denen jede einzelne sieben Euro ausmacht und in keiner Übersicht als Summe auftaucht.
Das ist derselbe Bau wie bei der Abwrackprämie, nur im Kleinen. Vorne steht ein einzelner, benannter Betrag. Hinten steht etwas Verteiltes und Späteres, das niemand addiert. Julia muss dafür keine Volkswirtschaft verstehen, sie muss nur einmal multiplizieren.
Die andere Richtung
Unsichtbar heißt nicht automatisch teuer
An dieser Stelle geht das Argument gern mit einem durch, und dann wird aus einem Werkzeug eine Parole. Wenn jede Maßnahme unsichtbare Kosten hat, lässt sich gegen jede Maßnahme etwas sagen, ohne je eine Zahl zu nennen. Das ist bequem und wertlos, denn ein Einwand, der immer passt, unterscheidet nichts. Er ist dann genau das, was er zu bekämpfen vorgibt, eine Behauptung ohne Beleg.
Dagegen hilft eine einfache Symmetrie. Die Unsichtbarkeit gilt nämlich in beide Richtungen. Auch Nutzen kann unsichtbar sein, und er ist es sogar besonders oft, wenn er gut funktioniert. Dass ein Kaufvertrag hält, dass ein Grundbuch stimmt, dass eine Rechnung notfalls einklagbar ist, sieht man erst, wenn es fehlt. Wie viel wirtschaftliche Leistung in diesem unauffälligen Rahmen steckt, steht in Was der Staat wirtschaftlich gut kann.
Der Test ist also nicht „gibt es unsichtbare Kosten", denn die gibt es immer. Der Test ist, ob sich eine der drei Sorten in diesem Fall konkret benennen lässt, mit einer Gruppe, die sie trägt, und einem Zeitraum, in dem sie anfällt. Wer das nicht sagen kann, hat keinen Einwand, sondern ein Gefühl.
Häufige Fehler
Vier Denkfehler, und zwei davon gehen in die andere Richtung
Die ersten beiden Fehler sind die bekannten. Man übersieht die unsichtbare Seite. Die letzten beiden sind die weniger bekannten und in Diskussionen die teureren, denn dort wird das Werkzeug selbst falsch benutzt.
Diese vier tauchen am häufigsten auf:
- Sichtbarkeit mit Größe verwechseln. Eine Zahl, die auf einem Beleg steht, wirkt größer als eine gleich große Zahl, die auf keinem Beleg steht. Das ist ein Effekt der Darstellung, kein Effekt der Sache.
- Bruttowirkung für Nettowirkung halten. Zwei Millionen verkaufte Autos sind eine Bruttozahl. Netto ist erst das, was ohne die Maßnahme nicht gekauft worden wäre, und diese Zahl steht in keiner Pressemitteilung.
- Unsichtbare Kosten als Totschlagargument benutzen. Wer sie nur behauptet, aber weder eine betroffene Gruppe noch einen Zeitraum nennen kann, hat den Beleg nicht erbracht. Die Beweislast wandert nicht dadurch, dass man auf sie hinweist.
- Den unsichtbaren Nutzen vergessen. Wer nur unsichtbare Kosten sucht, macht denselben halbseitigen Fehler wie der, der nur die sichtbare Wirkung sieht, nur mit umgekehrtem Vorzeichen.
Entscheidungshilfe
Vier Fragen, die eine Rechnung vervollständigen
Diese vier Fragen funktionieren bei einem Stromtarif genauso wie bei einem Konjunkturprogramm, und sie brauchen keine Rechenkenntnisse. Sie fragen nur nach dem, was in der Darstellung nicht vorkommt.
Frag der Reihe nach:
- Über welchen Zeitraum ist gerechnet worden? Wenn der Nutzen in diesem Jahr steht und die Kosten in den nächsten zehn, ist die Rechnung nicht falsch, sondern zu kurz.
- Wer taucht in dieser Rechnung gar nicht auf? Such nach der Gruppe, die weder Empfänger noch Zahler ist und trotzdem etwas merkt.
- Was wäre ohne die Maßnahme passiert? Nicht null, sondern irgendetwas. Der Vergleich mit dem Nichtstun ist der ehrliche Vergleich, auch wenn er unscharf bleibt.
- Woher kommt das Geld? Aus laufenden Einnahmen oder auf Kredit. Beides ist möglich, aber nur eins davon schiebt einen Teil der Rechnung in die Zukunft.
Was sich verändert
Eine halbe Rechnung erkennt man an ihrer Form
Der praktische Gewinn dieses Kapitels ist nicht, dass du die unsichtbare Seite ausrechnen kannst. Meistens kann das niemand, und wer behauptet, er könne es genau, hat schon den ersten Fehler gemacht. Der Gewinn ist, dass du eine unvollständige Rechnung an ihrer Form erkennst, bevor du irgendetwas nachprüfst.
Die Form ist ziemlich konstant. Ein kurzer Zeitraum, eine klar benannte Empfängergruppe, eine große Bruttozahl, kein Vergleich mit dem Nichtstun. Wo dieses Muster steht, fehlen mit hoher Wahrscheinlichkeit die drei Sorten vom Anfang, und du weißt, wonach du fragen musst. Das ist deutlich mehr wert als eine Meinung über den Fall selbst.
Damit ist auch klar, was dieses Kapitel nicht leistet. Es entscheidet keine einzige Sachfrage. Es sorgt nur dafür, dass die Rechnung ganz auf dem Tisch liegt, bevor entschieden wird, und in ziemlich vielen Debatten ist genau das der Schritt, der übersprungen wird.
Häufige Fragen
- Heißt das, die Abwrackprämie war ein Fehler?
- Das lässt sich aus diesen Zahlen nicht ableiten, und der Artikel behauptet es auch nicht. Sie zeigen, dass ein Teil der Nachfrage aus dem Jahr 2010 in das Jahr 2009 vorgezogen wurde. Wie groß dieser Teil war, hängt daran, wie viele Autos ohne das Programm gekauft worden wären, und diese Zahl existiert nicht. 2009 war zudem das tiefste Jahr der Finanzkrise, weshalb der Vergleichsmaßstab selbst unsicher ist. Ein Urteil über die Maßnahme bräuchte mehr als eine Zulassungsstatistik.
- Ein Minus von 23,4 Prozent nach einem Plus von 23,2 Prozent, ist das nicht ungefähr null?
- Nein, und der Unterschied ist systematisch. Prozentwerte beziehen sich immer auf den jeweiligen Ausgangswert, und der ist im zweiten Jahr höher. 3,81 Millionen minus 23,4 Prozent ergibt 2,92 Millionen, und das liegt unter den 3,09 Millionen von 2008. Ein Rückgang um denselben Prozentsatz macht einen Anstieg deshalb nie genau rückgängig, er landet immer darunter. Das gilt bei Kursen, Umsätzen und Gehältern genauso.
- Sind unsichtbare Kosten dasselbe wie Opportunitätskosten?
- Verwandt, aber nicht dasselbe. Opportunitätskosten beschreiben, was du persönlich aufgibst, wenn du dich für eine Sache entscheidest, also die zweitbeste Alternative aus deiner Sicht. Dieser Artikel geht eine Ebene höher und fragt, welche Folgen überhaupt in einer Rechnung landen und welche nicht, unabhängig davon, wer entscheidet. Opportunitätskosten sind eine der drei Sorten, die dabei regelmäßig herausfallen, nämlich das, was nicht passiert.
- Gilt das nur bei staatlichen Maßnahmen?
- Nein, die Struktur ist überall dieselbe, wo jemand eine Wirkung darstellen will. Ein Unternehmen berichtet die gewonnenen Kunden und nicht die abgesprungenen, ein Tarifvergleich zeigt den Bonus und nicht den Aufschlag, und ein Haushalt sieht die Anschaffung und nicht die Betriebskosten der nächsten acht Jahre. Staatliche Maßnahmen fallen nur deshalb häufiger auf, weil sie öffentlich diskutiert werden.
Quellen & weiterführende Links
Nächster Schritt
Verteilte Kosten einmal zu einer Zahl machen
Die zweite Sorte aus diesem Artikel, das Verteilte, ist im eigenen Haushalt am leichtesten zu heben. Sieben Euro im Monat fallen niemandem auf, 84 Euro im Jahr schon, und es ist derselbe Betrag. Der Abo-Audit-Rechner addiert wiederkehrende Beträge auf ein Jahr hoch, damit aus zwölf kleinen Abbuchungen eine Zahl wird, die man vergleichen kann.
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