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Gold ist in einer Nacht Hunderte Milliarden Dollar weniger wert, und kaum eine Unze wurde verkauft

Die Marktkapitalisierung von Gold ist in der Nacht zum 22. Oktober 2026 um rund 356 Milliarden Dollar gesunken. Gerechnet ist das als Preisrückgang von 49,75 Dollar je Unze mal allen 222.600 Tonnen, die nach der Zählung des World Gold Council über der Erde liegen. Verkauft wurde davon fast nichts. Im aktiven Terminkontrakt der New Yorker Comex wechselten bis zum Vormittag Kontrakte über rund 215 Tonnen den Besitzer, und auch das sind Abmachungen über einen Preis und kein Metall. Die Summe von 500 Milliarden Dollar für Gold und Silber zusammen ist deshalb kein Geld, das irgendwohin abgeflossen ist, sondern eine Bewertung des ganzen Bestands zum Preis der zuletzt gehandelten Unze. Je nachdem, zwischen welchen zwei Preisen man rechnet, ergibt dieselbe Nacht beim Gold allein 356 oder 588 Milliarden.

Vorläufige Daten
Portora Redaktion13 Min Lesezeit

Die Nacht in vier Zahlen

222.600 t
Gold über der Erde laut World Gold Council, Stand Ende Juni 2026
ein Würfel von knapp 23 Metern Kantenlänge
minus 49,75 $
Dezember-Kontrakt je Unze, Vormittag 22. Oktober gegen Schluss 21. Oktober
minus 1,2 Prozent
rund 356 Mrd. $
rechnerischer Wertverlust des ganzen Bestands
eigene Rechnung, Bestand mal Preisänderung
rund 215 t
Umsatz im Dezember-Kontrakt bis zum Vormittag
weniger als 0,1 Prozent des Bestands

Quelle: World Gold Council, Above-ground stocks; Comex-Kontrakt Gold Dezember 2026 über Investing.com, 22. Oktober 2026; eigene Rechnung

Die wichtigsten Zahlen auf einen Blick

ZahlBedeutung
222.600 tGold über der Erde, Ende Juni 2026, Schätzung des World Gold Council
7,16 Mrd. Unzenderselbe Bestand in Feinunzen, eine Tonne hat 32.150,75 Unzen
29,0 Bio. $Wert des Bestands laut World Gold Council zum Londoner Nachmittagspreis Ende Juni 2026
4.150,00 $Schluss des Dezember-Kontrakts der Comex am 21. Oktober 2026
4.100,25 $Stand am 22. Oktober 2026 um 10:07 Uhr deutscher Zeit, minus 1,2 Prozent
4.164,50 $ und 4.082,35 $Hoch und Tief des Handelstags bis zum Vormittag des 22. Oktober
356, 484 und 588 Mrd. $rechnerischer Wertverlust des Bestands je nach Endpunkten, eigene Rechnung
69.193 KontrakteUmsatz im Dezember-Kontrakt bis zum Vormittag, je 100 Unzen, zusammen rund 215 Tonnen
rund 370 Mrd. $durchschnittlicher Goldhandel an einem Tag über Börsen, Fonds und Bankenhandel, Schätzung des World Gold Council
4.127,40 $Londoner Nachmittagspreis der LBMA am 21. Oktober 2026, in Euro 3.675,86
55,97 $Silber, Dezember-Kontrakt am Vormittag des 22. Oktober, minus 3,0 Prozent
99.700 t, 47.800 t, 39.000 tSchmuck, Barren und Münzen, Notenbanken

Die These von den vernichteten Milliarden

Mehr als 500 Milliarden Dollar sollen Gold und Silber in den sechs Stunden bis zum frühen Morgen des 22. Oktober 2026 an Wert verloren haben. Die Zahl klingt nach Geld, das irgendwo war und jetzt fehlt, nach Anlegern, die in Panik verkauft haben, und nach einem Loch, das sich in vielen Depots auftut. Ein Teil davon stimmt. Der Goldpreis ist in dieser Nacht tatsächlich gefallen. Der Terminkontrakt für Dezember an der New Yorker Comex stand am Vormittag deutscher Zeit bei 4.100,25 Dollar je Unze. Das waren 49,75 Dollar oder 1,2 Prozent weniger als beim Schluss am Vortag. Silber gab im selben Zeitraum rund 3 Prozent nach.

Was an der These nicht stimmt, steckt in ihrem Rechenweg und nicht in der Zahl selbst. Eine solche Summe entsteht nicht, indem jemand zusammenzählt, wie viel Geld aus dem Gold abgezogen wurde. Sie entsteht, indem man den gesunkenen Preis je Unze mit allen Unzen multipliziert, die es auf der Welt gibt. Dazu gehören die Barren in den Tresoren der Notenbanken, die Münzen in privaten Schließfächern und vor allem der Schmuck, der in Indien, China und im Nahen Osten in Schatullen liegt. Fast nichts davon wurde in dieser Nacht verkauft. Und fast nichts davon hätte sich zu diesem Preis verkaufen lassen, wenn es alle zugleich versucht hätten.

Der Rechenweg ist nicht falsch, er beantwortet nur eine andere Frage als die, die die Zahl nahelegt. Er sagt, um wie viel der Bestand ärmer erscheint, wenn man ihn zum letzten Preis bewertet. Er sagt nicht, dass jemand dieses Geld bezahlt oder bekommen hätte. Genau dieser Unterschied ist der Gegenstand dieses Artikels, und er gilt weit über Gold hinaus. Nach derselben Rechnung entstehen auch die Billionen, die an einem schlechten Börsentag verdampft sein sollen.

Preis mal Bestand, nachgerechnet

Die Rechnung hat zwei Teile, und beide lassen sich belegen. Der erste ist der Bestand. Der World Gold Council, die Organisation der großen Goldförderer, schätzt die Menge des je geförderten Goldes zur Jahresmitte 2026 auf rund 222.600 Tonnen. Weil Gold praktisch nicht verschwindet, ist das zugleich der Bestand, der heute noch existiert. Eine Tonne hat 32.150,75 Feinunzen, der Bestand also gut 7,16 Milliarden Unzen. Der Verband selbst bewertet ihn zum Londoner Nachmittagspreis vom Ende des zweiten Quartals mit 29,0 Billionen Dollar.

Der zweite Teil ist die Preisänderung, und hier beginnt die eigentliche Entscheidung. Ein Preis in einer Nacht ist keine einzelne Zahl. Der Dezember-Kontrakt schloss am 21. Oktober bei 4.150 Dollar und stand am Vormittag des 22. Oktober bei 4.100,25 Dollar. Dazwischen liegen 49,75 Dollar, und mal 7,16 Milliarden Unzen sind das rund 356 Milliarden Dollar. Nimmt man statt des Vormittags das Tief der Nacht bei 4.082,35 Dollar, wird die Differenz 67,65 Dollar groß. Der rechnerische Verlust wächst dann auf rund 484 Milliarden. Und wer vom Hoch des Handelstags bei 4.164,50 Dollar bis zum Tief rechnet, kommt auf 82,15 Dollar und rund 588 Milliarden Dollar, allein beim Gold.

Die Spanne von 356 bis 588 Milliarden entsteht also nicht aus unterschiedlichen Daten, sondern aus der Wahl der beiden Zeitpunkte. Jede der drei Zahlen ist richtig gerechnet, und keine beschreibt einen Betrag, der irgendwohin geflossen ist. Die Summe von 500 Milliarden für Gold und Silber zusammen liegt mitten in dieser Spanne. Sie wäre schon mit Gold allein erreichbar, wenn man die Endpunkte passend legt. Wer eine solche Zahl liest, fragt deshalb zuerst, zwischen welchen zwei Preisen gerechnet wurde. Die Antwort verändert das Ergebnis um mehr als die Hälfte.

Balkendiagramm mit drei Rechnungen für den Wertverlust des gesamten Goldbestands in der Nacht zum 22. Oktober 2026. Schluss vom 21. Oktober gegen den Stand am Vormittag, 49,75 Dollar je Unze, ergibt rund 356 Milliarden Dollar. Schluss gegen das Tief der Nacht, 67,65 Dollar je Unze, ergibt rund 484 Milliarden Dollar. Hoch gegen Tief des Handelstags, 82,15 Dollar je Unze, ergibt rund 588 Milliarden Dollar. Eine gestrichelte Linie markiert 500 Milliarden Dollar.
Dieselbe Nacht ergibt je nach Endpunkten 356 bis 588 Milliarden Dollar, allein beim Gold. Bestand 222.600 Tonnen laut World Gold Council, Preise des Dezember-Kontrakts der Comex, eigene Rechnung.

Wie viel Gold gibt es auf der Welt?

Auf der Welt gibt es nach der Schätzung des World Gold Council rund 222.600 Tonnen Gold, genug für einen Würfel von knapp 23 Metern Kantenlänge. Das ist weniger, als die Zahl vermuten lässt, denn Gold ist mit rund 19,3 Gramm je Kubikzentimeter ungewöhnlich schwer. Etwa zwei Drittel davon wurden erst nach 1950 gefördert. Fast alles existiert noch in irgendeiner Form, weil das Metall weder rostet noch verbraucht wird.

Interessanter als die Menge ist, wo sie liegt. Rund 99.700 Tonnen, also 45 Prozent, sind Schmuck. Barren und Münzen machen rund 47.800 Tonnen aus, die Notenbanken halten rund 39.000 Tonnen und die börsengehandelten Goldfonds rund 4.000 Tonnen. Der Rest steckt in Elektronik, Zahnmedizin und Beständen, die der Verband keiner Gruppe zuordnen kann. Jede dieser Gruppen geht mit ihrem vollen Gewicht in die Milliardenzahl ein. Bei keiner hängt der Wert in dieser Nacht an einer eigenen Entscheidung.

Zerlegt man die 356 Milliarden nach diesen Gruppen, entfallen rund 159 Milliarden auf Schmuck. Auf Barren und Münzen kommen rund 76 Milliarden, auf die Notenbanken rund 62 Milliarden. Die Halsketten und Armreifen in den Familien Indiens haben zur Milliardenzahl also mehr beigetragen als jeder Händler in London oder New York. Für die Familien hat sich dabei nichts verändert. Sie besitzen dasselbe Gewicht in derselben Schatulle wie am Abend zuvor. Ob es in Dollar ein Prozent mehr oder weniger wert ist, wird für sie erst an dem Tag eine Frage, an dem sie es verkaufen.

Waagerechte Balken in Tonnen. Gold über der Erde gesamt 222.600 Tonnen, davon Schmuck 99.700, Barren und Münzen 47.800, Notenbanken 39.000, Gold-ETFs 4.000 Tonnen. Dagegen der Handel an einem durchschnittlichen Tag über alle Plätze mit rund 2.800 Tonnen und der Dezember-Kontrakt der Comex bis zum Vormittag des 22. Oktober 2026 mit rund 215 Tonnen, beide als schmale Balken kaum sichtbar.
Der Preis der Nacht entsteht aus einem winzigen Teil des Bestands. Bestand laut World Gold Council, Ende Juni 2026, Handel als Durchschnitt des Verbands und Umsatz im Dezember-Kontrakt, eigene Umrechnung in Tonnen.

Wer den Preis der Nacht gesetzt hat

Wenn fast niemand verkauft, stellt sich die Frage, woher der neue Preis überhaupt kommt. Er kommt von denen, die in dieser Nacht gehandelt haben, und das ist ein sehr kleiner Kreis. Im Dezember-Kontrakt der Comex, dem gerade aktiven Goldkontrakt der New Yorker Terminbörse, wechselten bis zum Vormittag deutscher Zeit 69.193 Kontrakte den Besitzer. Ein Kontrakt lautet auf 100 Feinunzen. Zusammen sind das rund 215 Tonnen, also weniger als ein Tausendstel des Bestands.

Und selbst diese 215 Tonnen sind kein Metall, das bewegt wurde. Ein Terminkontrakt ist eine Abmachung über einen Preis zu einem späteren Termin, und fast jede Position wird vor dem Liefertag wieder geschlossen. Wie wenig davon am Ende ausgeliefert wird, haben wir am Lieferrekord der Hongkonger Börse nachgerechnet, dort war es rund eineinhalb Prozent eines durchschnittlichen Handelstags. Über alle Börsen, Fonds und den Handel zwischen Banken schätzt der World Gold Council den Goldhandel auf rund 370 Milliarden Dollar an einem durchschnittlichen Tag. Beim Londoner Preis vom 21. Oktober entspricht das rund 2.800 Tonnen, gut einem Prozent des Bestands. Auch davon ist der größte Teil Buchung und kein Transport.

Das Verhältnis von Handel zu Bestand ist genau der Teil, den die Milliardenzahl verdeckt. Ein Preis, der aus einem Bruchteil eines Prozents des Bestands entsteht, wird auf den ganzen Bestand angewendet. Das ist kein Fehler des Marktes, sondern seine Arbeitsweise. Ein Preis sagt, zu welchem Betrag sich zuletzt ein Käufer und ein Verkäufer geeinigt haben, und diese Auskunft nützt allen anderen Haltern gerade deshalb, weil sie nicht selbst handeln müssen, um sie zu bekommen. Nur ist der Preis der letzten Unze kein Preis, zu dem sich alle Unzen verkaufen ließen. Wollten die Notenbanken ihre 39.000 Tonnen auf einmal abgeben, fänden sie zu 4.100 Dollar je Unze nicht annähernd genug Käufer.

Und das Silber?

Bei Silber ist die Rechnung noch unsicherer, und das aus einem einfachen Grund. Für Silber gibt es keine frei zugängliche Bestandszahl, die so regelmäßig fortgeschrieben wird wie die des World Gold Council für Gold. Silber ist halb Geldmetall und halb Industriemetall, ein großer Teil wandert in Solarzellen, Elektronik und Lötmittel. Vieles davon lässt sich nach dem Einbau nicht mehr wirtschaftlich zurückgewinnen. Wie viel Silber noch als Barren, Münze oder Besteck existiert, lässt sich deshalb nur schätzen.

Der Preis selbst ist dagegen gut belegt. Der Silberkontrakt für Dezember stand am Vormittag des 22. Oktober bei 55,97 Dollar je Unze. Das waren 1,75 Dollar oder 3,0 Prozent weniger als beim Vortagesschluss. Wer aus den 356 Milliarden beim Gold eine Summe von 500 Milliarden für beide Metalle machen will, braucht beim Silber rund 144 Milliarden Dollar. Bei diesem Preisrückgang müssten dafür rund 82 Milliarden Unzen Silber über der Erde liegen, mehr als elfmal so viele Unzen wie beim Gold. Ob es so viel gibt, kann niemand belegen, und am Ergebnis zeigt sich vor allem, wie viel von der Summe an der Wahl der Endpunkte hängt.

Für die Einordnung genügt deshalb eine Regel. Der Silber-Anteil an solchen Summen ist der unsicherste Teil, weil er auf einer Schätzung des Bestands steht. Der Gold-Anteil ist der größte, weil eine Unze Gold rund 73-mal so viel kostet wie eine Unze Silber. Silber hat in der Nacht zwar prozentual mehr verloren, für die Milliardenzahl spielt es trotzdem die Nebenrolle.

Wie es zu dieser Nacht kam

Die Nacht ist kein Einzelereignis, sondern ein weiterer Schritt in einem Rückgang, der seit Wochen läuft. Der Londoner Nachmittagspreis für Gold lag am 22. September 2026 bei 4.329,55 Dollar. Am 21. Oktober waren es 4.127,40 Dollar, rund 4,7 Prozent weniger. Der Terminpreis für Dezember liegt gut 27 Prozent unter seinem Hoch der vergangenen zwölf Monate von 5.626,80 Dollar. Vom Tief dieses Zeitraums bei 3.890,70 Dollar ist er rund 5 Prozent entfernt. Silber steht mit knapp 56 Dollar sogar rund 54 Prozent unter seinem Hoch aus diesem Zeitraum.

Als Gründe für die Nacht nennt ein Analyst des Handelshauses XS.com gegenüber dem Wall Street Journal steigende Energiekosten und die Unsicherheit vor der nächsten Zinsentscheidung der US-Notenbank. Beides wirkt über denselben Kanal. Gold bringt keine Zinsen. Treiben höhere Energiepreise die Inflation und machen damit höhere Zinsen wahrscheinlicher, wird das Halten von Gold im Vergleich zu einer verzinsten Anlage teurer, und der Preis gibt nach, bis sich das wieder ausgleicht.

Dieselbe Rechnung, die jetzt Milliarden vernichtet, hat auf dem Weg nach oben Billionen geschaffen. Steigt der Goldpreis um 1.000 Dollar je Unze, wächst der Wert des Bestands um gut 7 Billionen Dollar, ohne dass eine einzige zusätzliche Unze gefördert wird. Auch dieses Geld hat niemand eingezahlt, und auch dieses Geld stand in keiner Kasse. Wer die Billionen auf dem Weg nach oben als Bewertung gelesen hat, muss die Milliarden auf dem Weg nach unten genauso lesen. Den Unterschied zwischen Menge und Preis haben wir schon bei den Goldreserven der Notenbanken und bei den Gold-ETFs im September zerlegt. Dort stieg der Bestand, und der Wert fiel trotzdem.

Und wenn der Marktwert doch das richtige Maß ist

Gegen diese Lesart gibt es einen ernsten Einwand. Vermögen wird überall zum Marktpreis bewertet, und das hat gute Gründe. Eine Bank, die Gold als Sicherheit für einen Kredit nimmt, rechnet mit dem aktuellen Preis und nicht mit dem vom Kaufdatum. Eine Notenbank bewertet ihren Goldbestand zu den Bilanzstichtagen zum Marktpreis, und ein Goldfonds rechnet seinen Anteilswert jeden Tag aus dem Preis des Metalls. Fällt der Preis, sinken Sicherheit, Bilanz und Anteilswert sofort, ohne dass jemand verkauft. Aus dieser Sicht ist der Verlust real, auch wenn kein Geld fließt.

Der Einwand trifft zu, er begrenzt die These aber, statt sie zu kippen. Für einen einzelnen Halter ist der Marktwert die beste Schätzung dessen, was sein Gold heute wert ist. Wer mit einem Kredit auf Gold oder einem gehebelten Produkt arbeitet, spürt die Bewegung sofort und manchmal schmerzhaft. Für den Bestand der Welt als Ganzes gilt das nicht. Der Marktwert sagt, was die Unze am Rand gekostet hat, also die nächste, die den Besitzer wechselt. Er sagt nicht, was alle Unzen zusammen einbringen würden, und genau das unterstellt eine Zahl wie 500 Milliarden, sobald sie als Verlust gelesen wird.

Die Rechnung Preis mal Bestand hat deshalb eine Grenze, die man im Kopf behalten sollte. Sie ist richtig, solange man sie als Bewertung liest, und sie wird irreführend, sobald man sie als Geldfluss liest. Für Aktien gilt dieselbe Grenze, denn auch der Börsenwert eines Konzerns ist der letzte Kurs mal alle Aktien, und auch dort wechselt an einem Tag nur ein kleiner Teil der Papiere den Besitzer.

Was die Milliardenzahl misst, ganz nüchtern

Was man an der Milliardenzahl nicht sieht, ist die Menge, die tatsächlich gehandelt wurde. Sie steht in keiner Überschrift, weil sie unspektakulär ist, und sie ist der Teil, der die Zahl erst einordnet. Beim Gold standen rund 215 Tonnen im aktiven Terminkontrakt gegen 222.600 Tonnen Bestand, beim Silber ist der Bestand nicht einmal gezählt. Die Milliardenzahl verbindet also einen Preis, der aus einer kleinen Menge entsteht, mit einer Menge, die zu diesem Preis nie gehandelt wurde.

Ich lese die 500 Milliarden deshalb nicht als Verlust, sondern als Preisbewegung von gut einem Prozent, umgerechnet in eine Einheit, die nach einem Ereignis klingt. Der Grund ist, dass der Preis in dieser Rechnung von den wenigen Unzen stammt, die gehandelt wurden, und für alle übrigen nur sagt, was sie in diesem Moment gekostet hätten, nicht was sie eingebracht hätten. Messen muss man so eine Nacht deshalb an der Veränderung in Prozent und an der gehandelten Menge, nicht an der Milliardensumme, und bezahlt wird der Verlust erst von dem, der zu diesem Preis verkauft.

Was das für Anleger heißt

Für ein deutsches Depot ist die Rechnung klein und konkret. Ein Barren von 100 Gramm hat gut 3,2 Feinunzen. Beim Rückgang von 49,75 Dollar je Unze ist er auf dem Papier rund 160 Dollar weniger wert als am Vorabend. Zum Londoner Preis vom 21. Oktober war derselbe Barren rund 11.800 Euro wert. In Euro kann die Bewegung etwas anders ausfallen, weil sich zugleich der Wechselkurs verschiebt. Bei einem börsengehandelten Gold-ETC gilt dieselbe Rechnung, denn der Kurs des Papiers folgt dem Metallpreis.

Für Milliardensummen dieser Art gibt es eine schlichte Leseregel. Eine Wertverlust-Summe über einen ganzen Markt sagt, wie stark sich der Preis bewegt hat, umgerechnet auf alles, was es gibt. Für die eigene Lage zählt die Prozentzahl, und zwar über einen Zeitraum, der zur eigenen Haltedauer passt. Wer Gold für Jahrzehnte hält, bekommt aus einem Prozent in einer Nacht eine andere Information als jemand, der mit Hebel auf den nächsten Tag setzt. Dieselbe Regel gilt für jede Summe über verlorene Billionen an der Börse. Dort ist der Bestand die Zahl aller Aktien und der Preis der letzte Kurs.

Zwei Risiken gehören zusammengedacht. Erstens ist ein Buchverlust nicht nichts. Wer verkaufen muss, etwa weil er Geld braucht oder ein Kredit an der Sicherheit hängt, verkauft zu genau dem Preis, den die Nacht gesetzt hat, und dann wird aus der Bewertung ein Betrag. Zweitens kann der Preis einer Anlageklasse, die weder Zinsen noch Gewinne abwirft, lange und stark schwanken. Die Spanne des Terminpreises von 3.890,70 bis 5.626,80 Dollar je Unze in nur zwölf Monaten zeigt das, in beide Richtungen. Was daraus für die eigene Anlage folgt, entscheidet jeder Anleger selbst. Dieser Beitrag erklärt, wie eine solche Zahl entsteht, und trifft keine Aussage über die Entwicklung des Goldpreises.

Quellen

  1. Above-ground stocks, How much gold has been mined? World Gold Council, Goldhub · statistik ·
  2. Gold trading volumes, Average daily gold trading volumes World Gold Council, Goldhub · statistik ·
  3. LBMA Precious Metal Prices, Gold und Silber London Bullion Market Association (LBMA) · marktdaten ·
  4. Gold Futures Contract Specs CME Group (Comex) · boerse
  5. Gold Futures Historical Data (GCZ6) Investing.com · marktdaten ·
  6. Silver Futures Historical Data Investing.com · marktdaten ·
  7. Gold Falls, Weighed by Rising Energy Costs, Fed Uncertainty The Wall Street Journal · medienbericht ·

Zur Entstehung dieses Artikels

Dieser Beitrag wurde auf Basis der oben verlinkten Quellen mit KI-Unterstützung erstellt und vor Veröffentlichung redaktionell geprüft. Der Goldbestand von 222.600 Tonnen und seine Aufteilung nach Haltern sind Schätzungen des World Gold Council zum Ende des zweiten Quartals 2026, der durchschnittliche Tageshandel von rund 370 Milliarden Dollar ist ebenfalls eine Schätzung des Verbands. Die Preise und Umsätze des Dezember-Kontrakts der Comex sind ein Zwischenstand vom Vormittag des 22. Oktober 2026 und können sich bis zum Handelsschluss noch verändern, der Londoner Preis vom 22. Oktober lag bei Redaktionsschluss noch nicht vor. Die Wertverluste, die Aufteilung nach Haltern, die Umrechnung in Tonnen und die Rechnung für Silber sind eigene, vereinfachte Rechnungen. Die Lesart der Milliardenzahl im Abschnitt zur nüchternen Einordnung ist eine Einschätzung der Redaktion.

Hinweis: Dieser Beitrag ist eine journalistische Analyse und Einordnung zu allgemeinen wirtschaftlichen Zusammenhängen. Er stellt keine Anlageberatung und keine Anlage- oder Anlagestrategieempfehlung im Sinne der Marktmissbrauchsverordnung (EU) 596/2014 dar, ist keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten und ersetzt keine individuelle Beratung. Genannte Wertpapiere, Indizes oder Anlageklassen dienen ausschließlich der Veranschaulichung. Jede Anlageentscheidung liegt in eigener Verantwortung.

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