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Für 2024 steht jetzt eine Null, wo vorher minus 0,5 Prozent stand
Stand 3. September 2026. Das ifo-Institut hat heute seine Wachstumsprognose für dieses Jahr von 0,8 auf 1,4 Prozent angehoben und nennt dafür zwei Gründe. Der eine ist eine neue Einschätzung der Lage, der andere ist eine Datenrevision des Statistischen Bundesamts. Neun Tage zuvor hatte das Amt seine Rechnung überarbeitet und für 2024 eine Stagnation ausgewiesen, wo bis dahin ein Rückgang um 0,5 Prozent stand. Eine Wachstumsrate ist kein Messwert, sondern der Abstand zwischen zwei Messwerten, und beide Enden wandern noch Jahre später.
Was sich rückwirkend bewegt hat
Die wichtigsten Zahlen auf einen Blick
| Zahl | Bedeutung |
|---|---|
| 0,0 % statt -0,5 % | Preisbereinigte Veränderung der Wirtschaftsleistung 2024, neuer gegen alten Rechenstand |
| 1,9 / -1,0 / 0,0 / 0,2 % | Neue Jahreswerte für 2022 bis 2025, vorher 1,8 / -0,9 / -0,5 / 0,2 |
| -0,2 bis +0,6 Punkte | Spanne, um die sich einzelne Quartalsraten in dieser Überarbeitung verschoben haben |
| 0,55 Prozentpunkte | Mittlere absolute Revision einer Quartalsrate zwischen erster und endgültiger Veröffentlichung, Schnitt 1999 bis 2021 |
| 0,8 Prozentpunkte | Um so viel höher liegt das aufsummierte Wachstum der Jahre 2011 bis 2021 nach der Überarbeitung |
| +59,9 Mrd. € | Höhere Wirtschaftsleistung 2025 in jeweiligen Preisen, für 2024 sind es 58,0 Milliarden |
| +0,5 auf +1,4 % | Privater Konsum 2024, eine der größten Einzelkorrekturen der Überarbeitung |
| -3,3 auf -2,1 % | Bruttoanlageinvestitionen 2024, weiterhin ein Rückgang, aber ein kleinerer |
| rund 18 Monate | Zeitabstand, nach dem die Unternehmensstrukturstatistik eines Jahres vorliegt |
| 1,4 / 1,2 / 0,8 % | ifo-Prognose für 2026, 2027 und 2028, angehoben um 0,6 und 0,4 Punkte |
| 0,6 Prozentpunkte | Wachstumsverlust 2026 durch die amerikanischen Einfuhrzölle nach ifo-Rechnung |
| 2,8 / 3,0 / 2,3 % | ifo-Teuerungsprognose für 2026, 2027 und 2028 |
| -3,0 auf -4,6 % | Finanzierungssaldo des Staates in Prozent der Wirtschaftsleistung, 2025 bis 2028 nach ifo |
| +0,4 und +0,3 % | Bereits gemessenes Wachstum im ersten und zweiten Quartal 2026 gegenüber dem Vorquartal |
Was die angehobene Prognose zu sagen scheint
Das ifo-Institut hat heute früh seine Herbstprognose vorgelegt und erwartet für dieses Jahr ein Wachstum von 1,4 Prozent. In der Sommerfassung standen dort 0,8 Prozent. Für 2027 hebt das Institut von 0,8 auf 1,2 Prozent an, für 2028 nennt es 0,8 Prozent. ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser begründet das mit deutlichen Impulsen aus dem Ausland und höheren Ausgaben für Infrastruktur, Klima und Verteidigung, die stärkere Bremswirkungen des Energiepreisschocks und des Niedrigwassers verhinderten.
Eine um 0,6 Punkte angehobene Prognose liest sich als bessere Lage. Das Institut selbst nennt dafür aber zwei Gründe, und nur einer davon ist eine neue Einschätzung der Zukunft. Der zweite ist eine Revision zurückliegender Daten durch das Statistische Bundesamt. Diese Revision fand neun Tage vor der Prognose statt, am 25. August, und sie ist deutlich größer, als der Vorgang klingt.
Damit stellt sich eine Frage, die bei jeder Jahresprognose im September gilt und die selten gestellt wird. Wie viel von dem, was als Prognose für dieses Jahr ausgewiesen wird, ist überhaupt noch Zukunft. Das erste und das zweite Quartal 2026 sind gemessen, sie stehen bei plus 0,4 und plus 0,3 Prozent gegenüber dem jeweiligen Vorquartal. Die Hälfte des Prognosejahres ist also bereits Vergangenheit, und genau diese Vergangenheit hat sich gerade bewegt.
Eine Wachstumsrate ist ein Abstand, kein Messwert
Der Kern lässt sich an einem Vorgang zeigen, den viele aus dem eigenen Briefkasten kennen. Eine Nebenkostenabrechnung kommt nicht am 31. Dezember, sondern Monate später, wenn der Versorger die tatsächlichen Verbräuche und Preise vorliegen hat. Bis dahin zahlt man eine Vorauszahlung, die auf einer Schätzung beruht. Die Vorauszahlung ist nicht falsch, sie ist vorläufig. Wenn die Abrechnung kommt, ändert sich nicht der Verbrauch des vergangenen Jahres, sondern nur die Zahl, die ihn beschreibt.
Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung funktioniert genauso, nur mit einem längeren Weg zur Abrechnung. Rund 30 Tage nach Quartalsende veröffentlicht das Statistische Bundesamt eine Schnellmeldung, danach folgt 25 Tage später eine tiefer gegliederte Fassung, und danach wird weiter überarbeitet. Die eigentliche Abrechnung kommt mit der jährlichen Sommerüberarbeitung, in die dann die amtlichen Unternehmensstrukturstatistiken einfließen. Diese liegen rund anderthalb Jahre nach dem Ende eines Berichtsjahres vor, in diesem Jahr also für 2024.
Der entscheidende Punkt liegt darin, was eine Wachstumsrate überhaupt ist. Sie ist kein gemessener Wert, sondern der Abstand zwischen zwei gemessenen Werten. Damit hat sie zwei bewegliche Enden. Wird der Stand des Vorjahres nach oben korrigiert, sinkt die Rate des Folgejahres, ohne dass sich an diesem Folgejahr irgendetwas geändert hätte. Wird der Endpunkt korrigiert, passiert das Gegenteil. Wer eine Rate liest, liest also immer eine Differenz zweier Schätzungen, und jede Verbesserung der Datenlage kann sie verschieben.
Genau das ist am 25. August passiert. Für 2024 wies das Amt bis dahin einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um 0,5 Prozent aus. Nach der Überarbeitung steht dort eine Stagnation von 0,0 Prozent. Für 2022 wurde der Wert um 0,1 Punkte angehoben, für 2023 um 0,1 Punkte gesenkt, für 2025 blieb er unverändert. Auf Quartalsebene bewegten sich einzelne Raten um minus 0,2 bis plus 0,6 Prozentpunkte.

Warum sich ausgerechnet 2024 um einen halben Punkt bewegt hat
Der Grund steht in der Erläuterung des Amtes und ist erfreulich unspektakulär. In die Sommerüberarbeitung fließen die amtlichen Unternehmensstrukturstatistiken ein, in diesem Jahr für das Berichtsjahr 2024. Diese Jahreserhebungen enthalten detaillierte Angaben der Betriebe zu Umsätzen, Investitionen und vor allem zu ihrer Kostenstruktur. Sie sind die eigentliche Datengrundlage für die Bruttowertschöpfung, also für das, was ein Betrieb an Wert hinzufügt, wenn man von seiner Produktion die eingekauften Vorleistungen abzieht. Genau diese Größe und nicht die Produktion ist das Ziel der Rechnung.
Bis diese Statistiken vorliegen, wird die Wertschöpfung mit unterjährigen Hilfsgrößen fortgeschrieben, also mit Produktions- und Umsatzindizes. Das ist die Vorauszahlung in der Nebenkostenabrechnung. Sie funktioniert so lange gut, wie sich am Verhältnis zwischen der Hilfsgröße und der eigentlichen Zielgröße nichts ändert. Verschieben sich dagegen Produktionsprozesse, wird ausgelagert oder wieder eingegliedert, oder verändert ein Unternehmen seinen wirtschaftlichen Schwerpunkt, dann läuft die Schätzung auseinander, und die Abrechnung holt das nach.
Ein zweiter Grund ist die Preisbereinigung. Für 2024 standen jetzt erstmals Deflatoren auf Grundlage der Input-Output-Rechnung zur Verfügung, mit denen sich Preisentwicklungen den Produktionswerten und Vorleistungen genauer zuordnen lassen. Wie stark das wirkt, zeigt der Vergleich mit dem Vorjahr. Für 2023, ein Jahr mit außergewöhnlichen Preisbewegungen, kam es damals zu einer starken Revision dieses Deflators, für 2024 ergab sich am Ende keine.
Dazu kommt eine methodische Änderung, die für sich genommen bemerkenswert ist. Für die Fortschreibung im Verarbeitenden Gewerbe hat der preisbereinigte Umsatzindex den Produktionsindex als Hauptindikator abgelöst. Das Amt begründet das damit, dass der Produktionsindex auf den Realwert der physischen Produktion abstellt und die produktbegleitenden Dienstleistungen der Industriebetriebe nicht abbildet, die für die Wertschöpfung zunehmend an Bedeutung gewinnen. Nicht nur die Zahl hat sich also geändert, sondern das Instrument, mit dem sie gemessen wird.
Wie groß solche Korrekturen normalerweise sind
Die entscheidende Einordnung liefert das Amt selbst, und sie ist die nützlichste Zahl dieses ganzen Vorgangs. Im langjährigen Durchschnitt der Jahre 1999 bis 2021 belief sich die mittlere absolute Revision der Quartalsveränderungsraten zwischen der Erstveröffentlichung und dem endgültigen Ergebnis nach vier Jahren auf 0,55 Prozentpunkte. Das ist kein Ausreißerwert und kein Krisenphänomen, sondern der Normalfall über zwei Jahrzehnte.
Diese 0,55 Prozentpunkte lohnen einen Moment. Eine typische deutsche Quartalsrate liegt in der Größenordnung von null bis 0,5 Prozent. Die durchschnittliche nachträgliche Korrektur ist also ungefähr so groß wie der Wert selbst. Wer im Kalender eine Schnellmeldung sieht und daraus einen Trend abliest, arbeitet mit einer Zahl, deren erwartete spätere Bewegung in derselben Größenordnung liegt wie die Zahl. Für einen einzelnen Datenpunkt heißt das nicht, dass er wertlos ist. Es heißt, dass die dritte Nachkommastelle einer Interpretation nicht standhält.
Auch die aktuelle Runde bleibt in diesem Rahmen. Die Quartalsraten verschoben sich um minus 0,2 bis plus 0,6 Punkte, die Jahresrate 2024 um einen halben Punkt. Ungewöhnlich war dieses Mal allein die Reichweite. Neben den turnusmäßigen vier Jahren wurden außerplanmäßig auch die Jahre 2011 bis 2021 überarbeitet, weil neue Datengrundlagen bis dahin zurückgerechnet wurden. Jede einzelne Jahresrate stieg dadurch um bis zu 0,1 Punkte, in der Summe lag das Wachstum dieser elf Jahre um 0,8 Prozentpunkte höher als bisher ausgewiesen.
Dass amtliche Zahlen nach ihrer Veröffentlichung weiterlaufen, ist keine deutsche Eigenheit. Für die amerikanische Beschäftigungsstatistik ist derselbe Vorgang in der Einordnung Die US-Beschäftigung wurde um 79.000 korrigiert beschrieben, dort allerdings mit einer anderen Frage, nämlich was eine kleine Saldozahl über die Bewegung darunter verschweigt.
Was sich sonst noch verschoben hat
Unter der Jahresrate liegen einzelne Größen, die sich deutlich stärker bewegt haben. Der private Konsum stieg 2024 nach neuem Stand um 1,4 Prozent statt um 0,5 Prozent, das sind 0,9 Punkte. Die Konsumausgaben des Staates wurden für 2024 von 2,6 auf 3,9 Prozent angehoben. Die Bruttoanlageinvestitionen bleiben ein Rückgang, aber ein kleinerer, nämlich minus 2,1 statt minus 3,3 Prozent. Das Volkseinkommen legte für 2024 von 1,5 auf 2,8 Prozent zu.
Neben den Raten hat sich auch das Niveau verschoben, und dort sind die Beträge groß. Die Wirtschaftsleistung in jeweiligen Preisen wird für 2024 um 58,0 Milliarden Euro höher ausgewiesen als vorher, für 2025 um 59,9 Milliarden. Das verfügbare Einkommen der privaten Haushalte liegt für 2025 um 79,2 Milliarden Euro höher. Weil das verfügbare Einkommen der Nenner der Sparquote ist, sank diese in allen vier Jahren um 0,2 Punkte, obwohl das absolute Sparen kaum korrigiert wurde. Eine Quote ändert sich eben auch dann, wenn nur ihr Nenner neu vermessen wird.
Ein Teil dieser Verschiebung stammt aus einer Größe, die niemand überweist. Für eigengenutzte Wohnungen wird eine unterstellte Miete angesetzt, und deren Berechnung wurde mit den Ergebnissen der Gebäude- und Wohnungszählung 2022 überarbeitet, zurück bis 2011. Vorher flossen mietfrei überlassene und verbilligt vermietete Wohnungen in die Vergleichsmiete ein, was den Vorgaben nicht entsprach. Wie diese Größe funktioniert und warum sie im Warenkorb der Teuerung ähnlich schwer wiegt, steht in der Einordnung eine Miete, die niemand überweist.
Auch der Staatshaushalt sieht anders aus als vorher. Der Finanzierungssaldo für 2025 wurde von minus 2,8 auf minus 3,0 Prozent der Wirtschaftsleistung korrigiert, vor allem wegen höherer Bruttoinvestitionen in Forschung, Entwicklung und Software. Die Drei-Prozent-Marke des europäischen Regelwerks ist damit nicht durch eine neue Ausgabe gerissen worden, sondern durch eine genauere Zählung alter Ausgaben.
Die angehobene Prognose zeigt nach unten
Der zweite Teil der ifo-Zahlen wird von der Anhebung leicht verdeckt. Die Prognose steigt für 2026 und 2027, aber die Reihe selbst fällt. Nach 1,4 Prozent in diesem Jahr erwartet das Institut 1,2 Prozent für 2027 und 0,8 Prozent für 2028. Dazu passt die Rechnung auf der Ausgabenseite, denn das Institut beziffert den expansiven Beitrag der Finanzpolitik auf rund 40 Milliarden Euro in diesem Jahr und danach auf 27 und 18 Milliarden.
Dahinter steckt eine Unterscheidung, die derselben Familie angehört wie die Revisionsfrage. Eine Wachstumsrate misst die Veränderung, nicht die Höhe. Ein Ausgabenprogramm, das ein Niveau anhebt und dann auf diesem Niveau bleibt, trägt im ersten Jahr zur Rate bei und im zweiten nichts mehr, obwohl das Geld weiter fließt. Wie stark dieser Effekt in der ifo-Rechnung genau wirkt, lässt sich von außen nicht sagen, weil die Veröffentlichung nicht ausweist, ob die drei Beträge als jährliche Veränderung oder als Abstand zu einem Basispfad gemeint sind. Der Befund bleibt trotzdem stehen, dass die Prognosereihe fällt, während die Ausgaben weiterlaufen. Wann staatliche Ausgaben überhaupt wirken und wann nicht, ist in der Erklärung zu staatlichen Ausgaben in der Rezession ausgeführt.
Auf der Gegenseite steht ein Posten, der die gesamte Anhebung rechnerisch aufwiegt. Die amerikanischen Einfuhrzölle senken das deutsche Wachstum 2026 nach der Rechnung des Instituts um 0,6 Prozentpunkte, also um genau den Betrag, um den die Prognose angehoben wurde. Bei der Teuerung erwartet das Institut 2,8 Prozent in diesem Jahr, 3,0 Prozent im nächsten und 2,3 Prozent im Jahr 2028, also drei Jahre über dem Ziel der Europäischen Zentralbank. Der Finanzierungssaldo des Staates soll von 3,0 Prozent der Wirtschaftsleistung im Jahr 2025 auf 4,6 Prozent im Jahr 2028 steigen, die Schuldenquote von 62,7 auf 67,9 Prozent.
Vom Geschäftsklimaindex desselben Hauses ist die Prognose übrigens streng zu trennen. Der Index ist eine Umfrage unter Unternehmen und misst eine Richtung, keine Menge, wie in der Einordnung zum ifo-Saldo beschrieben. Die Prognose dagegen ist eine Rechnung mit Größen der Gesamtrechnung, und genau deshalb hängt sie an deren Revisionen.
Der faire Gegenpunkt
Das stärkste Gegenargument lautet, dass hier ein System kritisiert wird, das genau so funktioniert, wie es soll. Eine Revision ist kein Fehler, sondern der eingebaute Mechanismus, mit dem Genauigkeit gegen Aktualität getauscht wird. Wer eine Zahl 30 Tage nach Quartalsende haben will, bekommt eine Schätzung. Wer auf die Unternehmensstatistik wartet, bekommt Genauigkeit, aber erst anderthalb Jahre später. Die Alternative wäre, entweder lange gar nichts zu veröffentlichen oder eine als endgültig ausgegebene Zahl nie mehr anzufassen. Beides wäre schlechter, und das Amt legt seinen Revisionskalender im Voraus offen.
Ein zweiter Einwand betrifft die Zuschreibung an die Prognose. Das ifo-Institut nennt die Datenrevision als einen von zwei Gründen und daneben ausdrücklich eine neue Einschätzung der konjunkturellen Antriebskräfte, also stärkere Impulse aus der Finanzpolitik und aus dem Ausland sowie eine schwächer eingeschätzte Bremswirkung des Energiepreisschocks. Wie sich die 0,6 Punkte auf beide Gründe verteilen, weist die Veröffentlichung nicht aus. Wer die Anhebung deshalb allein der Statistik zuschreibt, geht über die Quellenlage hinaus, und dieser Text tut das ausdrücklich nicht.
Ein dritter Einwand ist der wichtigste für die Praxis. Die Revision hat die Richtung nicht gedreht, sondern das Niveau verschoben. Auch nach der Korrektur ist 2024 kein Wachstumsjahr, sondern eine Stagnation, und die Jahre 2023 bis 2025 bleiben zusammen eine ausgesprochen schwache Phase. Wer aus der Aufwärtsrevision eine andere wirtschaftliche Lage abliest, überdehnt sie. Die Aussage dieses Textes ist enger und lautet, dass die Zahl, an der eine Debatte hängt, weniger fest ist, als ihre zwei Nachkommastellen suggerieren.
Was das für Anleger heißt
Der praktische Nutzen liegt nicht in der Prognose, sondern im Umgang mit jeder Konjunkturzahl. Drei Handgriffe folgen unmittelbar aus dem Vorgang. Erstens gehört zu jeder Wachstumsrate die Frage, aus welchem Rechenstand sie stammt, denn zwei Veröffentlichungen desselben Amtes zum selben Jahr können verschiedene Werte tragen. Zweitens ist eine Differenz zweier Raten aus verschiedenen Veröffentlichungszeitpunkten keine wirtschaftliche Aussage, sondern häufig ein Datenartefakt. Drittens verdient eine Rate, die knapp über oder unter einer bekannten Schwelle liegt, besondere Vorsicht, weil die typische Korrektur größer sein kann als der Abstand zur Schwelle.
Für die Anlageklassen ist die unmittelbare Wirkung dieser Meldung gering, und das gehört dazugesagt. Eine Revision zurückliegender Jahre bewegt weder Unternehmensgewinne noch Zinsen. Mittelbar ist sie trotzdem nicht folgenlos, denn Institute, Notenbanken und die Europäische Kommission rechnen mit genau diesen Reihen. Die Produktionslücke, also der Abstand zwischen tatsächlicher und normal ausgelasteter Wirtschaftsleistung, wird aus revidierten Daten neu berechnet, und sie steht in den europäischen Haushaltsregeln. Auch der Finanzierungssaldo von 3,0 statt 2,8 Prozent für 2025 stammt aus derselben Überarbeitung.
Für ein breit gestreutes Depot bleibt die nüchterne Einordnung, dass deutsche Konjunkturzahlen ohnehin nur einen kleinen Teil dessen erklären, was ein Weltfonds abbildet. Deutsche Aktien und Bundesanleihen reagieren stärker auf Zinserwartungen und auf die Teuerung, und bei der Teuerung nennt das ifo-Institut mit 2,8 und 3,0 Prozent zwei Jahre deutlich über dem Ziel. Ob daraus für die eigene Aufteilung etwas folgt, hängt an den eigenen Anlagezielen und bleibt eine Entscheidung, die dieser Text nicht abnimmt.
Was unabhängig von dieser Meldung bleibt, ist die Zahl 0,55. So groß ist im Schnitt die Korrektur, die eine deutsche Quartalsrate zwischen ihrer ersten und ihrer letzten Veröffentlichung noch erfährt. Wer sie im Kopf hat, liest jede Schnellmeldung mit der richtigen Toleranz, und zwar für die nächsten Jahre und unabhängig davon, welches Quartal gerade gemeldet wird.
Quellen
- Sommerüberarbeitung 2026 der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen, Revisionen und Hintergründe
- Bruttoinlandsprodukt, ausführliche Ergebnisse zur Wirtschaftsleistung im 2. Quartal 2026
- ifo Konjunkturprognose Herbst 2026
- Bruttoinlandsprodukt im 2. Quartal 2026 um 0,2 Prozent höher als im Vorquartal (Schnellmeldung)
Zur Entstehung dieses Artikels
Dieser Beitrag wurde auf Basis der oben verlinkten Quellen mit KI-Unterstützung erstellt und vor Veröffentlichung redaktionell geprüft. Stand der Daten ist der 3. September 2026. Die Revisionswerte stammen aus der Sommerüberarbeitung 2026 der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen vom 25. August 2026 und aus der zugehörigen Pressemitteilung desselben Tages, die Prognosewerte aus der ifo-Konjunkturprognose Herbst 2026 vom 3. September 2026. Die Werte für das laufende Jahr sind ihrerseits vorläufig und werden in künftigen Überarbeitungen erneut korrigiert, was der Gegenstand dieses Textes ist. Nicht abschließend geklärt werden konnte, ob die vom ifo-Institut genannten Beträge von rund 40, 27 und 18 Milliarden Euro als jährliche Veränderung oder als Abstand zu einem Basispfad ausgewiesen sind; die Veröffentlichung lässt beide Lesarten zu, und der Text trifft deshalb keine Aussage über das Vorzeichen des Wachstumsbeitrags in den Folgejahren. Ebenso weist die Veröffentlichung nicht aus, wie sich die Anhebung um 0,6 Prozentpunkte auf die beiden vom Institut genannten Gründe verteilt.
Hinweis: Dieser Beitrag ist eine journalistische Analyse und Einordnung zu allgemeinen wirtschaftlichen Zusammenhängen. Er stellt keine Anlageberatung und keine Anlage- oder Anlagestrategieempfehlung im Sinne der Marktmissbrauchsverordnung (EU) 596/2014 dar, ist keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten und ersetzt keine individuelle Beratung. Genannte Wertpapiere, Indizes oder Anlageklassen dienen ausschließlich der Veranschaulichung. Jede Anlageentscheidung liegt in eigener Verantwortung.
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