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Überschuldung
Überschuldung entsteht öfter durch Krankheit als durch Konsum
Erkrankung, Sucht oder Unfall waren 2025 der häufigste Hauptauslöser einer Überschuldung, noch vor Arbeitslosigkeit. Die verbreitete Erzählung vom Leben über den eigenen Verhältnissen erklärt deutlich weniger Fälle, als die meisten vermuten.
Die Lage in Zahlen
Quelle: Statistisches Bundesamt, Überschuldungsstatistik 2025; Deutsche Rentenversicherung, Aktuelle Daten 2025
Der häufigste Auslöser ist die Gesundheit
Für Menschen, die 2025 die Hilfe einer Schuldnerberatung in Anspruch genommen haben, war Erkrankung, Sucht oder Unfall der häufigste benannte Hauptauslöser ihrer Überschuldung. 18,2 Prozent der Fälle gingen darauf zurück. Auf Platz zwei folgt Arbeitslosigkeit mit 16,8 Prozent. Unwirtschaftliche Haushaltsführung, also jene Kategorie, die dem verbreiteten Bild vom Leben über den eigenen Verhältnissen am nächsten kommt, liegt bei 11,7 Prozent und damit erst an dritter Stelle. Rechnet man Krankheit und Arbeitslosigkeit zusammen, kommen die beiden auf 35,0 Prozent, also auf rund das Dreifache der unwirtschaftlichen Haushaltsführung (eigene Rechnung auf Basis der Destatis-Tabelle).
Das ist mehr als eine Randnotiz, es dreht eine gängige Erzählung um. Überschuldung gilt im Alltagsgespräch als Disziplinproblem, als Folge zu vieler Bestellungen und zu weniger Selbstbeherrschung. Die beiden häufigsten Wege hinein sind aber Ereignisse, die niemand plant und gegen die Disziplin nichts ausrichtet. Beide tun dasselbe. Sie nehmen dir das Einkommen, während die Rechnungen unverändert weiterlaufen. Wer verstehen will, wie Menschen in die Schuldnerberatung geraten, muss deshalb weniger auf die Ausgabenseite schauen und mehr auf die Einnahmenseite.
Hauptauslöser der Überschuldung 2025
Anteil der benannten Hauptauslöser an allen beratenen Personen. Hinzu kommt eine Restkategorie Sonstiges mit 19,3 Prozent, die keine inhaltliche Aussage trägt und deshalb hier nicht abgebildet ist.
Quelle: Statistisches Bundesamt, Hauptauslöser der Überschuldung, Stand 15.07.2026
Warum aus einer Krankheit Schulden werden
Eine Krankheit allein macht niemanden zahlungsunfähig. Zahlungsunfähig macht der Einkommensverlust, der ihr folgt, während Miete, Strom, Versicherungen und Kreditraten unverändert weiterlaufen. Dieser Verlust kommt nicht auf einen Schlag, er kommt in Stufen, und die erste ist unauffällig. Die ersten sechs Wochen zahlt der Arbeitgeber das Entgelt fort, so steht es in Paragraf 3 des Entgeltfortzahlungsgesetzes. In dieser Phase merkst du finanziell nichts, und genau deshalb unterschätzen die meisten, was danach kommt.
Ab Woche sieben übernimmt die Krankenkasse mit dem Krankengeld, und hier fällt die erste Stufe. Das Krankengeld beträgt 70 Prozent des regelmäßigen Bruttoarbeitsentgelts und darf dabei 90 Prozent des Nettoarbeitsentgelts nicht übersteigen (Paragraf 47 SGB V). Aus deinem vollen Netto werden also im besten Fall 90 Prozent, oft weniger. Zehn Prozent weniger Einkommen klingt verkraftbar, solange man die Fixkosten ausblendet. Die sinken nämlich nicht mit. Miete, Versicherungen und Raten kennen keine Krankmeldung, und je höher ihr Anteil am Haushalt ist, desto schneller frisst die Lücke die Rücklage auf.
Die zweite Stufe ist die härtere. Krankengeld wird für dieselbe Krankheit längstens 78 Wochen innerhalb von drei Jahren gezahlt (Paragraf 48 SGB V). Das sind eineinhalb Jahre, danach endet die Zahlung, unabhängig davon, ob du wieder arbeiten kannst oder nicht. Wer dauerhaft nicht mehr kann, landet bei der Erwerbsminderungsrente. Wer 2024 neu in eine solche Rente ging, bekam im Schnitt 1.041 Euro im Monat, gerechnet nach Abzug der Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge. Von diesem Betrag sind dieselbe Miete, derselbe Strom und dieselben Raten zu bezahlen wie zu Vollzeit-Zeiten. An dieser Stelle entstehen die 34.650 Euro Durchschnittsschuld, nicht im Onlineshop.
Ein Detail der Statistik stützt diese Lesart. Knapp 52 Prozent aller beratenen Personen lebten allein. In einem Einpersonenhaushalt gibt es kein zweites Einkommen, das einen Ausfall abfedert, und es gibt niemanden, auf den sich die Miete verteilen ließe. Fällt das eine Einkommen weg, fällt das gesamte Haushaltseinkommen weg. Bei den Alleinlebenden lag die durchschnittliche Verschuldung bei 32.155 Euro und damit nur knapp unter dem Gesamtdurchschnitt. Wer allein wohnt, trägt das Einkommensrisiko ungeteilt, und genau deshalb ist die Frage nach der eigenen Rücklage für Alleinlebende eine andere als für Paare mit zwei Gehältern.
Was gezahlt wird, wenn du länger ausfällst
Die gesetzlichen Stufen bei längerer Arbeitsunfähigkeit für gesetzlich Versicherte in Anstellung.
| Phase | Was gezahlt wird | Dauer |
|---|---|---|
| Woche 1 bis 6 | volles Entgelt vom Arbeitgeber (§ 3 EntgFG) | sechs Wochen |
| Ab Woche 7 | Krankengeld, 70 % vom Brutto, höchstens 90 % vom Netto (§ 47 SGB V) | längstens 78 Wochen in drei Jahren (§ 48 SGB V) |
| Nach Ende des Krankengeldes | keine Lohnersatzleistung der Krankenkasse mehr | dauerhaft |
| Bei dauerhafter Erwerbsminderung | Erwerbsminderungsrente, 2024 neu bewilligt im Schnitt 1.041 Euro im Monat | nach Bescheid |
Quelle: Entgeltfortzahlungsgesetz, SGB V, Deutsche Rentenversicherung (Aktuelle Daten 2025, Stand 22.12.2025)
Der häufigste Gläubiger ist nicht die Bank
Die zweite Auffälligkeit der Statistik steckt in der Gläubigerstruktur. Am häufigsten lagen Zahlungsrückstände gegenüber der öffentlichen Hand vor, nämlich in rund 57 Prozent der Fälle. Danach folgen Telekommunikationsunternehmen mit etwa 47 Prozent, Ratenkredite bei Kreditinstituten mit rund 37 Prozent und der Online- und Versandhandel mit knapp 29 Prozent. Die Bank, die im Klischee den Schuldner treibt, steht damit erst an dritter Stelle, und der Onlinehandel, der in der Debatte oft als Treiber auftaucht, an vierter.
Eine Einschränkung gehört zwingend dazu, sonst liest sich die Zahl größer, als sie ist. Die Statistik zählt, bei wie vielen Personen eine Gläubigergruppe überhaupt mit einer offenen Forderung auftaucht, nicht wie hoch die Beträge dort sind. Eine kleine offene Forderung und ein großer Kredit zählen beide als ein Fall. Die 57 Prozent sagen also etwas über die Breite der Rückstände aus, nicht über ihr Gewicht in Euro. Was genau sich hinter der öffentlichen Hand verbirgt, schlüsselt die Veröffentlichung nicht auf.
Was die Statistik nicht zeigt
Drei Einschränkungen gehören zu diesen Zahlen, und die dritte betrifft die Kernaussage dieses Artikels. Erstens erfasst die Statistik nur Menschen, die tatsächlich eine Schuldnerberatung aufgesucht haben. Wer überschuldet ist und nicht hingeht, taucht nicht auf. Die Zahlen beschreiben die Beratenen, nicht alle Überschuldeten in Deutschland. Zweitens ist die Teilnahme der Beratungsstellen freiwillig. 738 von rund 1.360 Stellen haben Daten zu etwa 187.000 Personen geliefert, also gut die Hälfte.
Drittens, und das ist die wichtigste Einschränkung, ist die größte Einzelkategorie bei den Auslösern gar nicht die Krankheit. Es ist Sonstiges mit 19,3 Prozent. Diese Restkategorie trägt keine inhaltliche Aussage, sie sammelt alles ein, was sich nicht zuordnen ließ. Erkrankung, Sucht oder Unfall ist der häufigste benannte Auslöser, und genau so führt das Statistische Bundesamt die Zahl auch. Wer die Rangfolge liest, sollte diesen Rest im Kopf behalten. An der Reihenfolge zwischen Krankheit, Arbeitslosigkeit und Haushaltsführung ändert er nichts, an der Deutungssicherheit schon.
Was sich daraus ableiten lässt (oder bewusst nicht)
Aus einer Statistik folgt keine Empfehlung, aber eine Frage. Wenn die beiden häufigsten Wege in die Überschuldung Krankheit und Arbeitslosigkeit sind, dann lautet die relevante Vorsorge-Frage nicht, ob du zu viel ausgibst. Sie lautet, was passiert, wenn dein Einkommen für längere Zeit wegbricht. Die Antwort steht in deinen eigenen Unterlagen, nicht in dieser Statistik. Sie hängt daran, wie viele Monate deine Rücklage die Fixkosten trägt, welche deiner Policen dieses Risiko überhaupt abdecken und wie hoch deine Fixkostenquote ist. Je höher sie ist, desto früher wird aus 90 Prozent Einkommen ein Minus.
Eines lässt sich aus den Zahlen bewusst nicht ableiten, nämlich eine Aussage über dein persönliches Risiko. Die Statistik beschreibt Menschen in der Beratung, nicht die Grundgesamtheit, und sie sagt nichts darüber, wie wahrscheinlich es ist, dass dich eine lange Krankheit trifft. Sie sagt auch nicht, dass unwirtschaftliche Haushaltsführung kein Thema wäre, immerhin gehen 11,7 Prozent der Fälle darauf zurück, und wer bereits offene Forderungen vor sich herschiebt, findet den Weg zurück eher über Struktur als über Vorsorge. Was die Zahlen leisten, ist enger und trotzdem unbequem. Sie zeigen, dass die Erzählung, Überschuldung sei in erster Linie eine Frage der Disziplin, an den eigenen Zahlen scheitert.
Quellen
- Überschuldung am häufigsten durch Erkrankung, Sucht oder Unfall ausgelöst
- Hauptauslöser der Überschuldung in Prozent, Ergebnisse der Überschuldungsstatistik
- Aktuelle Daten 2025, Rentenzugang 2024
- § 47 SGB V, Höhe des Krankengeldes, und § 48 SGB V, Dauer des Krankengeldes
- § 3 Entgeltfortzahlungsgesetz, Anspruch auf Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall
Zur Entstehung dieses Artikels
Dieser Beitrag wurde auf Basis der oben verlinkten Primärquellen mit KI-Unterstützung erstellt und vor Veröffentlichung redaktionell geprüft. Alle Zahlen sind aus den genannten Pressemitteilungen, Tabellen und Gesetzestexten entnommen und im Text mit Quellen verknüpft.
Letzte Aktualisierung: 17. Juli 2026
Versionshistorie: Erste Veröffentlichung am 17. Juli 2026.
Hinweis: Dieser Beitrag ist eine sachliche Einordnung verbraucherpolitischer Entwicklungen und stellt weder eine Anlageberatung noch eine Rechtsberatung dar. Für konkrete Entscheidungen in deiner persönlichen Situation wende dich an eine fachlich zuständige Person.
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