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Leitzins seit Juni unverändert: der Fünf-Jahres-Zins stieg von 2,58 auf 3,01 Prozent

Stand 7. September 2026. Die Europäische Zentralbank hat den Einlagesatz zuletzt am 17. Juni auf 2,25 Prozent angehoben und seitdem nicht mehr angefasst. Seit Ende Juni stieg der Zins auf fünfjährige Staatsanleihen bester Bonität im Euroraum trotzdem von 2,58 auf 3,01 Prozent. Der Zins auf dreißig Jahre legte im selben Zeitraum weniger zu, von 3,43 auf 3,76 Prozent. Wer wissen will, warum eine Rendite steigt, muss nicht schätzen, sondern nachsehen, an welcher Stelle der Laufzeitleiter die Bewegung sitzt.

Vorläufige Daten
Portora Redaktion13 Min Lesezeit

Die Zerlegung in Zahlen

43,1 Bp.
Anstieg des Fünf-Jahres-Zinses im Euroraum, 30. Juni bis 4. September 2026
der größte Anstieg über alle sechs gemessenen Laufzeiten
32,2 Bp.
Anstieg des Dreißig-Jahres-Zinses im selben Zeitraum
10,9 Basispunkte weniger als in der Mitte der Kurve
0 Bp.
Veränderung des EZB-Einlagesatzes im selben Zeitraum
unverändert 2,25 Prozent seit dem 17. Juni 2026
0,41 Pp.
Abstand zwischen dreißig und zehn Jahren am 4. September
nach 0,51 Prozentpunkten am 30. Juni, der Abstand ist geschrumpft

Die wichtigsten Zahlen auf einen Blick

ZahlBedeutung
2,284 auf 2,425 %Euroraum, drei Monate, 30. Juni auf 4. September 2026, plus 14,1 Basispunkte
2,435 auf 2,738 %Euroraum, ein Jahr, plus 30,4 Basispunkte
2,476 auf 2,877 %Euroraum, zwei Jahre, plus 40,1 Basispunkte
2,583 auf 3,014 %Euroraum, fünf Jahre, plus 43,1 Basispunkte, der stärkste Anstieg
2,924 auf 3,346 %Euroraum, zehn Jahre, plus 42,2 Basispunkte
3,433 auf 3,755 %Euroraum, dreißig Jahre, plus 32,2 Basispunkte, der schwächste Anstieg ab einem Jahr
2,25 %Einlagesatz der Europäischen Zentralbank, unverändert seit dem 17. Juni 2026
2,40 %Hauptrefinanzierungssatz der Europäischen Zentralbank, Stand 7. September 2026
4,19 auf 4,54 %USA, fünf Jahre, plus 35 Basispunkte im selben Zeitraum
4,91 auf 5,24 %USA, dreißig Jahre, plus 33 Basispunkte, das lange Ende hielt fast mit
3,50 bis 3,75 %Zielband der US-Notenbank, unverändert vom 1. Juni bis 3. September 2026
9. und 10. Septembernächste geldpolitische Sitzung des EZB-Rats, Entscheidung am Donnerstag

Was der Renditeanstieg zu sagen scheint

Seit Wochen steigen in Europa die Zinsen, die Staaten für geliehenes Geld zahlen, und zwei Erklärungen dafür laufen nebeneinander her, ohne dass sie jemand gegeneinander hält. Die eine sagt, Anleger verlangen inzwischen mehr Geld dafür, einem hoch verschuldeten Staat für lange Zeit Geld zu leihen. In dieser Lesart ist der steigende Zins eine Art Misstrauensvotum, ausgelöst von Haushaltslöchern, teurer Energie und politischer Unsicherheit. Die andere Erklärung sagt etwas völlig anderes. Danach rechnet der Markt schlicht damit, dass die Notenbanken die Leitzinsen in den nächsten Jahren höher setzen werden als bisher gedacht, und eine Anleihe, die über Jahre einen festen Zins zahlt, wird weniger wert, wenn nebenan bald mehr zu holen ist.

Beide Erklärungen sind plausibel, beide beschreiben dieselbe steigende Zahl, und sie führen zu gegensätzlichen Schlüssen. Wenn Anleger ein höheres Risiko einpreisen, dann ist der Zins ein Warnsignal über die Zahlungsfähigkeit von Staaten, und es kann noch deutlich weiter gehen. Wenn dagegen nur der erwartete Zinspfad nach oben gewandert ist, dann ist der Anstieg begrenzt durch das, was eine Notenbank realistischerweise tun kann, und er endet, sobald der Markt den Pfad zu Ende eingepreist hat. Für jeden, der einen Anleihefonds im Depot hält, ist das keine akademische Unterscheidung, denn davon hängt ab, ob der Kursverlust der letzten Wochen die Vorhut von etwas Größerem war oder die Anpassung an eine neue Zinserwartung.

Der Reflex ist, sich für eine der beiden Geschichten zu entscheiden und dann Belege dafür zu sammeln. Das ist nicht nötig. Die Frage lässt sich weitgehend beantworten, ohne irgendetwas zu schätzen, und die Antwort steht in einer Tabelle, die die Europäische Zentralbank jeden Handelstag veröffentlicht.

Wo im Laufzeitband die Bewegung sitzt

Ein Staat leiht sich Geld nicht zu einem Zins, sondern zu vielen gleichzeitig, gestaffelt nach Laufzeit. Für drei Monate zahlt er einen anderen Satz als für zwei Jahre, für zehn einen anderen als für dreißig. Diese Staffel heißt Zinskurve, und sie ist im Alltag vieler Leser längst präsent, nämlich als Zinsbindung beim Baukredit. Wer eine Finanzierung abschließt, bekommt für fünf Jahre Bindung einen anderen Satz genannt als für fünfzehn oder zwanzig, und die Bank stellt diese Sätze nicht willkürlich auf. Sie leiten sich aus genau derselben Staffel ab.

Interessant wird die Staffel, wenn man nicht ihre Höhe betrachtet, sondern ihre Veränderung. Steigt ein Zins über alle Laufzeiten gleichmäßig, ist das eine andere Aussage, als wenn nur ein bestimmter Abschnitt springt. Zwischen dem 30. Juni und dem 4. September 2026 stieg der Zins auf Staatsanleihen bester Bonität im Euroraum auf drei Monate um 14,1 Basispunkte, auf ein Jahr um 30,4, auf zwei Jahre um 40,1, auf fünf Jahre um 43,1, auf zehn Jahre um 42,2 und auf dreißig Jahre um 32,2. Ein Basispunkt ist ein Hundertstel Prozentpunkt, 43,1 Basispunkte sind also 0,431 Prozentpunkte.

Diese sechs Zahlen bilden keinen gleichmäßigen Anstieg, sondern einen Buckel. Vorne, bei drei Monaten, bewegt sich fast nichts. In der Mitte, zwischen zwei und zehn Jahren, sitzt die größte Bewegung. Hinten, bei dreißig Jahren, fällt sie wieder ab, und zwar um 10,9 Basispunkte gegenüber dem Maximum. Der Abstand zwischen dreißig und zehn Jahren ist im selben Zeitraum von 0,508 auf 0,408 Prozentpunkte geschrumpft. Wer lange Papiere hält, bekommt also heute weniger zusätzlichen Zins für die längere Bindung als Ende Juni, nicht mehr.

Balkendiagramm der Renditeveränderung nach Laufzeit vom 30. Juni bis 4. September 2026. Im Euroraum steigt der Zins auf drei Monate um 14,1 Basispunkte, auf ein Jahr um 30,4, auf zwei Jahre um 40,1, auf fünf Jahre um 43,1, auf zehn Jahre um 42,2 und auf dreißig Jahre nur um 32,2. In den USA sind die Werte 4,0, 15,0, 23,0, 35,0, 34,0 und 33,0. Der stärkste Anstieg liegt in beiden Märkten in der Mitte der Laufzeitleiter.
Veränderung der Renditen nach Laufzeit, 30. Juni bis 4. September 2026, in Basispunkten. Euroraum sind Staatsanleihen bester Bonität nach der Svensson-Schätzung der Europäischen Zentralbank, also im Kern deutsche Papiere. Italienische und französische Anleihen sind darin nicht enthalten. Quellen sind die Zinskurven-Tabelle der Europäischen Zentralbank und die Tagesrenditekurve des US-Finanzministeriums.

Woraus eine Rendite auf zehn Jahre besteht

Warum die Stelle im Laufzeitband die Frage beantwortet, ergibt sich aus dem, was eine Rendite überhaupt ist. Wer heute eine zehnjährige Anleihe kauft, könnte stattdessen zehn Jahre lang immer wieder kurzfristig anlegen und dabei jede Zinsänderung mitnehmen. Damit beide Wege ungefähr gleich attraktiv sind, muss die zehnjährige Rendite ungefähr dem Durchschnitt der kurzen Zinsen entsprechen, die über diese zehn Jahre erwartet werden. Dazu kommt ein Aufschlag, denn wer sich zehn Jahre festlegt, trägt das Risiko, dass die Zinsen anders laufen als gedacht, und will dafür bezahlt werden. Dieser Aufschlag heißt Laufzeitaufschlag, international term premium. Wer eine Zinsbindung beim Baukredit über zwanzig Jahre teurer bekommt als über fünf, hat genau diesen Aufschlag schon einmal bezahlt.

Diese beiden Teile lassen sich nicht getrennt ablesen. Am Markt steht nur ihre Summe, und wer sie zerlegen will, braucht ein Modell mit Annahmen. Genau deshalb kommen verschiedene Häuser zu verschiedenen Ergebnissen, und genau deshalb ist Vorsicht angebracht, wenn jemand den Laufzeitaufschlag als gemessene Größe präsentiert. Dieselbe Vorsicht gilt für den natürlichen Zins, dessen Schätzungen wir <a href="/news/r-star-schaetzung-statt-messung">an anderer Stelle nebeneinandergelegt</a> haben, und es ist kein Zufall, dass beide Größen dieselbe Schwäche teilen.

Die Stelle im Laufzeitband braucht dagegen kein Modell. Sie folgt aus einer schlichten Überlegung. Der erwartete Zinspfad wirkt vor allem dort, wo er zeitlich hinreicht, also auf die nächsten Jahre. Auf einen Zins über dreißig Jahre schlägt eine Änderung der nächsten zwei bis drei Jahre nur mit einem kleinen Bruchteil durch, weil sie im Durchschnitt über dreißig Jahre untergeht. Der Laufzeitaufschlag wirkt genau umgekehrt, denn je länger die Bindung, desto größer das Risiko und desto größer der geforderte Aufschlag. Steigt also die Mitte am stärksten und das lange Ende am schwächsten, dann passt das zum erwarteten Zinspfad und nicht zu einem gestiegenen Aufschlag. Wäre der Aufschlag der Treiber, müsste der Balken bei dreißig Jahren der längste sein. Er ist der kürzeste.

Der Einlagesatz hat sich seit dem 17. Juni nicht bewegt

Es gibt in diesen Zahlen eine Stelle, an der die Deutung besonders fest wird, und sie hat mit dem gemessenen Zeitraum zu tun. Die Europäische Zentralbank hat den Einlagesatz, also den Zins, zu dem Banken Geld bei ihr parken, zuletzt am 17. Juni 2026 verändert. Damals stieg er von 2,00 auf 2,25 Prozent. Seitdem steht er dort, unverändert, bis zum Tag dieser Auswertung. Der Hauptrefinanzierungssatz liegt bei 2,40 Prozent.

Der hier gemessene Zeitraum beginnt am 30. Juni, also knapp zwei Wochen nach dieser Anhebung. Das heißt, während der Zins auf zwei Jahre um 40,1 und der auf fünf Jahre um 43,1 Basispunkte stieg, hat sich der tatsächliche Leitzins kein einziges Mal bewegt. Der Anstieg in der Mitte der Kurve kann also unmöglich der heutige Leitzins sein. Er ist ausschließlich das, was der Markt für die kommenden Jahre erwartet. Das ist kein Modellergebnis und keine Interpretation, sondern folgt daraus, dass die eine Größe konstant war und die andere nicht.

Dazu passt die dritte Zahl, der Zins auf drei Monate. Er stieg um 14,1 Basispunkte und damit am schwächsten von allen. Auch das ist stimmig, denn ein Dreimonatszins ist im Wesentlichen der heutige Leitzins plus eine kleine Erwartung für das nächste Quartal, und der heutige Leitzins stand ja still. Vorne hält der Anker, in der Mitte bewegt sich die Erwartung, hinten verdünnt sie sich wieder. Am 9. und 10. September tagt der EZB-Rat, die Entscheidung fällt am Donnerstag. Genau darauf richtet sich der mittlere Teil der Kurve seit Wochen aus.

In den USA ist dasselbe Bild flacher

Wer nur den Euroraum betrachtet, könnte den Befund für einen europäischen Sonderfall halten. Die Gegenprobe ist schnell gemacht, weil das US-Finanzministerium seine Zinskurve ebenfalls täglich veröffentlicht. Im selben Zeitraum stieg dort der Zins auf drei Monate um 4, auf ein Jahr um 15, auf zwei Jahre um 23, auf fünf Jahre um 35, auf zehn Jahre um 34 und auf dreißig Jahre um 33 Basispunkte. Auch hier liegt das Maximum in der Mitte, und auch hier bewegt sich das kurze Ende kaum. Das Zielband der US-Notenbank lag vom 1. Juni bis zum 3. September unverändert bei 3,50 bis 3,75 Prozent, der tatsächlich gehandelte Tagesgeldsatz schwankte in dieser Zeit nur zwischen 3,62 und 3,63 Prozent.

Es gibt aber einen Unterschied, und er gehört genannt, weil er die eigene These begrenzt. In den USA fällt das lange Ende deutlich weniger ab. 33 Basispunkte auf dreißig Jahre gegen 35 auf fünf Jahre ist fast ein Gleichstand, während im Euroraum 32,2 gegen 43,1 stehen. Der Abstand zwischen dreißig und zehn Jahren blieb in den USA praktisch unverändert bei 0,46 nach 0,47 Prozentpunkten, im Euroraum schrumpfte er von 0,508 auf 0,408. Das amerikanische Muster ist also eher eine Parallelverschiebung ab zwei Jahren, das europäische ein deutlicher Buckel.

Daraus folgt eine vorsichtigere Aussage für die USA als für Europa. Im Euroraum spricht die Form klar gegen einen gestiegenen Aufschlag für lange Bindung. In den USA lässt sie beides zu, und ein Teil der Bewegung am langen Ende kann dort sehr wohl mit der Schuldenlage zu tun haben. Dass in den USA außerdem der Realzins und die Inflationserwartung verschieden stark zum Anstieg beitragen, haben wir <a href="/news/us-rendite-2026-realzins-statt-inflationserwartung">an anderer Stelle getrennt aufgeschrieben</a>. Dieselbe Zahl lässt sich nach mehreren Nähten zerlegen, und die Nähte widersprechen einander nicht, sie beleuchten verschiedene Fragen.

Was diese Kurve nicht zeigt

Die hier ausgewertete europäische Kurve ist die für Staatsanleihen bester Bonität. Das ist eine wichtige Einschränkung, und ohne sie wird der Befund größer gemacht, als er ist. In diese Kurve fließen nur Papiere von Staaten mit Spitzennote ein, im Kern also deutsche. Italienische, französische, spanische oder griechische Anleihen sind darin bauartbedingt nicht enthalten. Ein Aufschlag, den Anleger speziell für italienische oder französische Papiere verlangen, kann in dieser Kurve gar nicht sichtbar werden, auch wenn er kräftig gestiegen wäre.

Das ist deshalb relevant, weil sich die Berichterstattung über den europäischen Anleihemarkt in diesen Wochen ganz überwiegend um genau diese Papiere dreht. Wer also aus den Zahlen oben schließt, in Europa gebe es kein Risiko-Thema am Anleihemarkt, überdehnt sie. Der belegte Satz lautet enger. Für deutsche Bundesanleihen und für amerikanische Staatsanleihen sitzt der Anstieg der vergangenen gut zwei Monate in der Mitte der Laufzeitleiter, und das passt zur Zinserwartung. Über den Abstand italienischer oder französischer Papiere zu deutschen sagt diese Messung nichts, denn dafür bräuchte es eine eigene Auswertung.

Dasselbe gilt für Großbritannien. Die britische Kurve wurde für diese Auswertung nicht gezogen, obwohl über den dortigen Anleihemarkt derzeit besonders viel geschrieben wird. Es kann gut sein, dass dort ein anderer Mechanismus wirkt. Der Punkt dieses Textes ist nicht, dass ein Aufschlag für lange Bindung nirgends steigen kann, sondern dass man das an der Form der Kurve prüfen kann, statt es zu vermuten. Und schließlich beschreibt der Befund die Bewegung der letzten gut zwei Monate, nicht das Niveau. Ein Zins von 3,755 Prozent auf dreißig Jahre kann durchaus einen erheblichen Aufschlag enthalten, der sich über Jahre aufgebaut hat. Über den Bestand sagt eine Veränderung nichts.

Der faire Gegenpunkt

Das stärkste Gegenargument greift die Zuordnung selbst an. Die Behauptung, ein steigender Aufschlag für lange Bindung müsse sich am dreißigjährigen Ende zeigen, ist eine Faustregel und kein Naturgesetz. Es ist denkbar, dass Anleger gerade im mittleren Bereich der Kurve ein höheres Risiko einpreisen, etwa weil sie dort die größte Unsicherheit über den geldpolitischen Kurs sehen. Dann sähe die Bewegung genauso aus wie hier gemessen, hätte aber die andere Ursache. Eine Zerlegung ohne Modell kann diesen Fall nicht ausschließen, und wer etwas anderes behauptet, verkauft eine Faustregel als Beweis.

Ein zweiter Einwand betrifft den gewählten Zeitraum. Der 30. Juni ist ein bewusst gesetzter Anfangspunkt, nämlich der erste Handelstag nach der Zinsanhebung vom 17. Juni, und andere Anfangspunkte ergeben andere Zahlen. Wer im Mai beginnt, nimmt die Anhebung selbst mit ins Bild und misst dann teilweise den Leitzins statt der Erwartung. Der hier gewählte Schnitt ist gerade deshalb sauber, aber er ist eine Wahl, und Leser sollten sie kennen. Auch das Enddatum ist gesetzt, nämlich der 4. September als letzter Handelstag mit vollständigen Daten für beide Märkte.

Der dritte Einwand ist der ehrlichste. Zwei Monate sind ein kurzes Fenster. Eine Kurvenform über zehn Wochen ist eine Momentaufnahme und kein Regime. Wenn der EZB-Rat am Donnerstag anders entscheidet als erwartet, oder wenn er dieselbe Entscheidung anders begründet, kann sich die Form innerhalb von Tagen ändern. Der Handgriff bleibt trotzdem gültig, auch wenn sich das Ergebnis dreht. Er besteht darin, überhaupt nachzusehen, statt sich für eine der beiden Erzählungen zu entscheiden.

Was das für Anleger heißt

Für ein Depot ist die Unterscheidung deshalb interessant, weil die beiden Erklärungen unterschiedliche Teile des Anleihemarkts betreffen. Bewegt sich der erwartete Zinspfad, trifft das vor allem Papiere mittlerer Laufzeit, und die Bewegung hat eine natürliche Grenze, denn eine Notenbank hebt den Zins nicht unbegrenzt. Steigt dagegen der Aufschlag für lange Bindung, trifft das vor allem sehr lange Papiere, und eine natürliche Obergrenze gibt es dafür nicht. Wie stark ein Fonds auf eine Zinsbewegung reagiert, hängt an seiner mittleren Restlaufzeit, und dieser Zusammenhang ist <a href="/news/anleihe-laufzeit-entscheidet-kursverlust">separat auseinandergenommen</a>, ebenso wie die <a href="/wissen/anleihen-zinsen-risiko">Grundmechanik von Anleihen, Zinsen und Risiko</a>.

Was daraus für die eigene Anlage folgt, steht hier ausdrücklich nicht. Es gibt keine Aussage darüber, ob Anleihen jetzt günstig oder teuer sind, ob eine bestimmte Laufzeit vorzuziehen wäre oder wohin die Rendite als Nächstes läuft. Beides ist offen, in beide Richtungen. Der erwartete Zinspfad kann sich weiter nach oben verschieben, er kann aber auch zurückkommen, wenn die Teuerung schneller nachlässt als gedacht. Und die Kurvenform der letzten zehn Wochen sagt über die nächsten zehn nichts.

Was der Text liefert, ist ein Handgriff. Wenn das nächste Mal irgendwo steht, der Anleihemarkt bestrafe einen Staat für seine Schulden, lässt sich das in wenigen Minuten prüfen. Man braucht die Zinskurve zu zwei Zeitpunkten, zieht die Werte je Laufzeit voneinander ab und sieht nach, wo die größte Zahl steht. Steht sie am langen Ende, ist an der Erzählung etwas dran. Steht sie in der Mitte, geht es um die Erwartung an die Notenbank. Beide Tabellen sind öffentlich und kostenlos, die europäische bei der Europäischen Zentralbank, die amerikanische beim US-Finanzministerium. Dass eine Notenbank ihre Erwartung und nicht nur ihren Beschluss bewegt, ist dabei der Normalfall und zeigt sich <a href="/news/zinskurve-fed-haelt-langes-ende-steigt">auch in umgekehrter Richtung</a>, wenn ein Beschluss ausbleibt und die Kurve trotzdem reagiert.

Quellen

  1. Euro area yield curves, Staatsanleihen bester Bonität, Svensson-Schätzung, Tageswerte Europäische Zentralbank · primary ·
  2. Key ECB interest rates, Einlagefazilität und Hauptrefinanzierungssatz, Tageswerte Europäische Zentralbank · primary ·
  3. Daily Treasury Par Yield Curve Rates 2026 US-Finanzministerium · primary ·
  4. Effective Federal Funds Rate, Zielband und Tageswerte Federal Reserve Bank of New York · primary ·
  5. Sitzungskalender des EZB-Rats, geldpolitische Sitzung am 9. und 10. September 2026 Europäische Zentralbank · primary ·

Zur Entstehung dieses Artikels

Dieser Beitrag wurde auf Basis der oben verlinkten Quellen mit KI-Unterstützung erstellt und vor Veröffentlichung redaktionell geprüft. Alle Renditewerte stammen aus den Originaltabellen der Europäischen Zentralbank und des US-Finanzministeriums und wurden für die genannten Handelstage direkt abgerufen, nicht aus Berichterstattung übernommen. Der 30. Juni 2026 und der 4. September 2026 sind echte Handelstage in beiden Reihen, es wurde nicht interpoliert. Die Leitzinswerte stammen aus der Zinstabelle der Europäischen Zentralbank und von der Federal Reserve Bank of New York. Der Stand der Daten ist der 4. September 2026 für die Renditekurven und der 7. September 2026 für die Leitzinsen und den Sitzungskalender. Die Zuordnung der Bewegung zum erwarteten Zinspfad ist eine Einordnung des Autors auf Basis der Kurvenform und keine Messung des Laufzeitaufschlags, der sich nur mit einem Modell schätzen lässt. Der Abschnitt zum fairen Gegenpunkt benennt die Grenzen dieser Zuordnung ausdrücklich.

Hinweis: Dieser Beitrag ist eine journalistische Analyse und Einordnung zu allgemeinen wirtschaftlichen Zusammenhängen. Er stellt keine Anlageberatung und keine Anlage- oder Anlagestrategieempfehlung im Sinne der Marktmissbrauchsverordnung (EU) 596/2014 dar, ist keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten und ersetzt keine individuelle Beratung. Genannte Wertpapiere, Indizes oder Anlageklassen dienen ausschließlich der Veranschaulichung. Jede Anlageentscheidung liegt in eigener Verantwortung.

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