Geldpolitik
Der EZB-Lohntracker steht bei 2,2 Prozent, und gezahlt werden 3,3
Stand 21. September 2026. Die Europäische Zentralbank hat am 16. September ihren Lohn-Tracker aktualisiert. Er misst, was in laufenden Tarifverträgen vereinbart ist, und kommt für 2026 auf 2,2 Prozent. Dieselbe Notenbank rechnet in ihrer Septemberprojektion für dasselbe Jahr mit 3,3 Prozent je Beschäftigten. Beide Zahlen sind richtig, sie messen verschiedene Dinge.
Zwei Reihen, eine Notenbank, dasselbe Jahr
Quelle: Europäische Zentralbank, Mitteilung vom 16. September 2026
Der Tracker misst Unterschriften, keine Gehaltsabrechnungen
Die Europäische Zentralbank führt seit einigen Jahren einen Lohn-Tracker, und er beantwortet eine engere Frage, als sein Name vermuten lässt. Er wertet laufende Tarifverträge aus und rechnet zusammen, welche Steigerungen darin für welchen Zeitraum vereinbart sind. Was ein Betrieb darüber hinaus zahlt, sieht er nicht.
Die Aktualisierung vom 16. September berücksichtigt alle Abschlüsse bis Ende August 2026. Für das Jahr 2026 weist der Tracker 2,2 Prozent aus. Das ist die Variante, in der Einmalzahlungen über zwölf Monate verteilt werden, und sie ist laut EZB die geeignete, wenn man den Verlauf über Quartale beschreiben will. Die Variante ohne diese Glättung sank von 3,0 Prozent im Jahr 2025 auf 2,6 Prozent im Jahr 2026, und ohne Einmalzahlungen liegt der Wert 2026 ebenfalls bei 2,6 Prozent.
Dass die geglättete Zahl für das erste Halbjahr 2026 niedriger liegt, hat einen rein rechnerischen Grund, den die EZB mitliefert. Im zweiten Halbjahr 2024 wurden Einmalzahlungen geleistet, die sich im Jahr darauf nicht wiederholten. Im Vorjahresvergleich zieht das die Rate nach unten, ohne dass irgendjemand weniger verdient. Diese Wirkung läuft im zweiten Halbjahr 2026 vollständig aus.
Erfasst werden neun Länder des Euroraums, nämlich Belgien, Deutschland, Griechenland, Spanien, Frankreich, Italien, die Niederlande, Österreich und Finnland. Das sind neun von einundzwanzig Mitgliedern, aber es sind die vier größten Volkswirtschaften darunter, gemessen an der Wirtschaftsleistung ist die Abdeckung also deutlich größer als der Ländervergleich nahelegt. Die zwölf übrigen Länder fehlen trotzdem, und das gehört dazugesagt, wenn jemand aus dieser Zahl auf den ganzen Währungsraum schließt.
Zwischen Vertrag und Abrechnung liegt gut ein Prozentpunkt
In derselben Mitteilung verweist die EZB auf ihre Septemberprojektion für den Euroraum, und dort steht eine andere Zahl. Das Arbeitnehmerentgelt je Beschäftigten wächst danach 2026 um 3,3 Prozent. Der Tarifabschluss liegt bei 2,2.
Zwischen beiden liegt gut ein Prozentpunkt, und er setzt sich aus drei Teilen zusammen. Der größte und bekannteste heißt Lohndrift und bezeichnet alles, was zwischen dem Tarifabschluss und der tatsächlichen Bezahlung passiert, also übertarifliche Zulagen, Überstunden, Prämien, betriebliche Zusatzvereinbarungen und Aufstiege innerhalb einer Lohngruppe. Dazu kommt ein Struktureffekt, denn wenn die Beschäftigung in besser zahlende Branchen und Tätigkeiten wandert, steigt der Durchschnitt, ohne dass irgendjemand eine Erhöhung bekommen hat. Und drittens misst das Arbeitnehmerentgelt auch die Sozialbeiträge der Arbeitgeber mit, die in keinem Tarifabschluss stehen.
Wer den ganzen Abstand Lohndrift nennt, greift deshalb zu weit, und ein Lohnstatistiker würde an dieser Stelle widersprechen. Die Richtung ist trotzdem eindeutig, die Abweichung geht nach oben, und sie ist kein Messfehler. In einem Arbeitsmarkt mit Knappheit zahlen Betriebe über Tarif, weil sie sonst niemanden bekommen, und genau das bildet ein Tarifvertrag nicht ab. In einem schwachen Arbeitsmarkt schrumpft der Abstand, weil Überstunden und Zulagen zuerst wegfallen. Er ist damit selbst eine Information über die Lage am Arbeitsmarkt.
In Deutschland lässt sich das an einer dritten Zahl ablesen. Die Verdienste lagen im zweiten Quartal 2026 um 4,1 Prozent über dem Vorjahresquartal, nach Abzug der Inflation blieben 1,5 Prozent. Dieser Wert entsteht allerdings stark am unteren Rand, wo der gesetzliche Mindestlohn zum 1. Januar um 8,4 Prozent gestiegen ist, wie wir in der <a href="/news/realloehne-q2-2026-untergrenze-statt-schub">Zerlegung der Verdienste nach Einkommensfünfteln</a> gezeigt haben. Auch hier gilt also, dass eine Durchschnittszahl mehrere Vorgänge zusammenfasst.
Welche Zahl was misst
Drei Lohnzahlen für den Zeitraum 2026, nach Gegenstand und Quelle getrennt. Sie sind nicht ineinander umrechenbar und beschreiben verschiedene Ausschnitte.
| Zahl | Was sie misst | Wert | Quelle |
|---|---|---|---|
| Lohn-Tracker, geglättet | Vereinbarte Steigerungen in laufenden Tarifverträgen, neun Länder | 2,2 % | EZB, 16.09.2026 |
| Arbeitnehmerentgelt je Beschäftigten | Tatsächliche Arbeitskosten je Kopf, Euroraum, inklusive Zulagen und Sozialbeiträgen | 3,3 % | EZB-Projektion, September 2026 |
| Verdienste Deutschland | Tatsächlich gezahlte Bruttoverdienste, zweites Quartal 2026 gegenüber Vorjahr | 4,1 % | Statistisches Bundesamt |
Quelle: Europäische Zentralbank und Statistisches Bundesamt
Der Teil, der in die Zukunft reicht, ist keine Prognose
Der Tracker reicht seit dieser Aktualisierung bis Ende Juni 2027. Für das erste Quartal 2027 weist er 2,7 Prozent aus, für das zweite 2,8 Prozent, und alle vier veröffentlichten Varianten liegen dort auf demselben Wert. Gegenüber 2026 ist das ein leichter Anstieg.
Diese Werte entstehen nicht aus einem Modell, sondern aus Verträgen, die heute schon unterschrieben sind und bis dorthin laufen. Genau deshalb schreibt die EZB ausdrücklich, der vorausschauende Teil sei nicht als Prognose zu verstehen, er halte nur fest, was derzeit an Informationen vorliegt. Sie fügt an, der Tracker bilde den Indikator für Tariflohnwachstum ohnehin nicht exakt ab und Abweichungen seien über die Zeit zu erwarten.
Damit hängt der Wert an der Frage, wie viele Verträge so weit reichen. Für 2026 decken sie 46,9 Prozent der Beschäftigten in den beteiligten Ländern ab, für das erste Quartal 2027 noch 32,5 Prozent und für das zweite 25,1 Prozent. Der Wert für Mitte 2027 beschreibt also ein Viertel der Belegschaft, nämlich jenes Viertel, dessen Verträge zufällig lange laufen.
Daraus folgt allerdings nicht, dass die Zahl deshalb wackelt, und das ist der Punkt, an dem die naheliegende Kritik schiefgeht. Die EZB nennt zwei Belege dagegen. Erstens ist die Abdeckung für 2026 und das erste Halbjahr 2027 ungefähr so hoch wie zum selben Zeitpunkt im Vorjahr, dieser Stand ist also normal und kein Ausfall. Zweitens, und das wiegt schwerer, blieb der Wert für das vierte Quartal 2026 und das erste Quartal 2027 gegenüber der Julifassung weitgehend unverändert, obwohl die Abdeckung in der Zwischenzeit deutlich gestiegen ist. Die neu hinzugekommenen Verträge sahen also ähnlich aus wie die bereits erfassten.
Die Reihe wird weiter wachsen. Mit der Veröffentlichung im November 2026 reicht der Tracker bis ins dritte Quartal 2027, mit der im Dezember über das gesamte Jahr 2027.
Was du damit anfangen kannst
Tariflöhne gelten als einer der Hinweise, an denen die Notenbank ihren nächsten Zinsschritt festmacht, und über den Zins hängen daran der Bauzins, das Tagesgeld und die Kurse von Anleihen. Wer die Meldung liest, sollte deshalb zwei Dinge auseinanderhalten.
Das erste ist die Unterscheidung selbst. Steigt der Tarifabschluss von 2,2 auf 2,8 Prozent, heißt das nicht, dass die Menschen 2,8 Prozent mehr bekommen. Es heißt, dass in den Verträgen 2,8 Prozent stehen, und was daraus an Kaufkraft wird, entscheidet sich über die Drift und über die Inflation. Der deutsche Wert von 4,1 Prozent nominal und 1,5 Prozent real zeigt beide Schritte auf einmal.
Das zweite ist der Umgang mit einem Wert, der in die Zukunft zeigt. Ein Viertel Abdeckung klingt nach wenig, und trotzdem bewegte sich die Zahl kaum, als mehr Verträge dazukamen. Wer eine Zahl für schwach hält, kann prüfen, ob sie sich bei besserer Datenlage bewegt hat. Bei diesem Tracker steht die Antwort in der Mitteilung.
Für die eigene Lohnverhandlung ist der Tracker dagegen unbrauchbar. Er beschreibt neun Länder im Durchschnitt und sagt nichts über die eigene Branche, und genau die Abweichungen nach Branche und Betrieb sind das, was das Gehalt am Ende ausmacht.
Was offen bleibt
Die Lohndrift wird von der EZB nicht als eigene Größe veröffentlicht. Der gut eine Prozentpunkt Abstand ergibt sich hier aus dem Vergleich zweier Reihen mit unterschiedlichem Zuschnitt, der Tracker umfasst neun Länder und die Projektion den gesamten Euroraum. Als Größenordnung trägt das, als exakter Wert nicht.
Welche Branchen die Steigerung für 2027 tragen, geht aus der Mitteilung nicht hervor. Die vier Indikatoren werden für die Gesamtheit der neun Länder veröffentlicht, die Aufschlüsselung liegt im Datenportal der EZB.
Ob sich der leichte Anstieg für 2027 hält, entscheidet sich an den Abschlüssen, die bis zur Novemberveröffentlichung dazukommen. Dann reicht der Tracker ein Quartal weiter, und die Abdeckung für die bereits erfassten Quartale steigt.
Alle Werte des Trackers können nachträglich revidiert werden, die EZB weist ausdrücklich darauf hin.
Quellen
Zur Entstehung dieses Artikels
Dieser Beitrag wurde auf Basis der oben verlinkten Primärquellen mit KI-Unterstützung erstellt und vor Veröffentlichung redaktionell geprüft. Die Werte des Lohn-Trackers und die Angaben zur Abdeckung stammen aus dem Volltext der EZB-Mitteilung vom 16. September 2026, die deutschen Verdienstzahlen aus der dort verlinkten eigenen Auswertung.
Letzte Aktualisierung: 21. September 2026
Versionshistorie: Erste Veröffentlichung am 21. September 2026.
Hinweis: Dieser Beitrag ist eine sachliche Einordnung wirtschaftlicher Entwicklungen und stellt weder eine Anlageberatung noch eine Rechtsberatung dar. Für konkrete Entscheidungen in deiner persönlichen Situation wende dich an eine fachlich zuständige Person.
Portora kennenlernen
Wenn dich Einordnung im Alltag interessiert, liest Portora deine eigenen Zahlen genauso ruhig.
Hier ordnen wir wirtschaftspolitische Entwicklungen sachlich ein. Im Cockpit siehst du, wie sie auf deine eigene Situation wirken.