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Der Erzeugerpreis für Strom steigt um 1,7 Prozent, und beim Verbraucher fällt er um 5,5

Stand 18. September 2026. Das Statistische Bundesamt hat heute die Erzeugerpreise für August veröffentlicht, 4,6 Prozent über dem Vorjahr nach 3,0 Prozent im Juli. Die Verbraucherpreise desselben Monats liegen bei 2,9 Prozent. Der Abstand von 1,7 Punkten wird gern als Vorschau gelesen, als sei die höhere Zahl das, was demnächst im Regal ankommt. In derselben Veröffentlichung steht aber, dass der Erzeugerpreis für Strom um 1,7 Prozent gestiegen ist, während der Verbraucherpreis für dieselbe Kilowattstunde um 5,5 Prozent gefallen ist.

Vorläufige Daten
Portora Redaktion12 Min Lesezeit

Vier Zahlen aus zwei Tabellen desselben Amtes

+4,6 %
Erzeugerpreise August 2026
+2,9 %
Verbraucherpreise August 2026
26,6 zu 7,4
Gewicht der Energie
−2,0 %
Verbrauchsgüter beim Erzeuger

Quelle: Statistisches Bundesamt, Pressemitteilungen 320 und 328 sowie die Wägungsschemata

Die wichtigsten Zahlen auf einen Blick

Alle im Text genannten Werte. Die deutschen Erzeuger- und Verbraucherpreise beziehen sich auf den Berichtsmonat August 2026, die Werte für den Euroraum und Spanien auf Juli 2026, weil der August dort noch aussteht.

ZahlBedeutung
+4,6 %deutsche Erzeugerpreise August 2026 gegenüber Vorjahr, nach 3,0 Prozent im Juli
+1,1 %dieselbe Reihe gegenüber Juli 2026
+3,1 %Erzeugerpreise ohne Energie
+8,3 %Hauptgruppe Energie im Erzeugerpreisindex
+6,1 %Vorleistungsgüter, die größte Hauptgruppe mit 33,3 Prozent Gewicht
−2,0 %Verbrauchsgüter, die Gruppe am nächsten am Verbraucherkorb
+40,5 %Mineralölerzeugnisse, leichtes Heizöl plus 65,3 und Kraftstoffe plus 37,7 Prozent
+1,7 %Erzeugerpreis für Strom, Erdgas in der Verteilung plus 7,5 Prozent
−5,5 %Verbraucherpreis für Strom, Erdgas mit Betriebskosten minus 2,9 Prozent
+2,9 %deutsche Verbraucherpreise August 2026, Kernrate ohne Nahrung und Energie 2,4 Prozent
26,6 %Gewicht der Energie im Erzeugerpreisindex, Basis 2021
7,4 %Gewicht der Energie im Verbraucherpreisindex, Basis 2020
50,3 %Anteil der Dienstleistungen im Verbraucherkorb, davon Nettokaltmiete 17,2 Punkte
+6,8 %Großhandelsverkaufspreise August 2026, die Stufe vor dem Erzeuger
+13,5 %kanadische Erzeugerpreise August 2026, Verbraucherpreise 3,0 Prozent
+46,3 %unverarbeitetes Gold, Silber und Platin in Kanada, der größte Einzelbeitrag
+7,9 %südkoreanische Erzeugerpreise August 2026, Verbraucherpreise 3,1 Prozent
+5,8 %Erzeugerpreise im Euroraum im Juli 2026, ohne Energie 3,1 Prozent
+1,2 %Industriegüter ohne Energie im Euroraum beim Verbraucher, August 2026
13 MonateDauer der negativen Phase der deutschen Erzeugerpreise, März 2025 bis März 2026

Quelle: Statistisches Bundesamt, Eurostat, Statistics Canada, Bank of Korea

Was die 4,6 Prozent zu versprechen scheinen

Das Statistische Bundesamt hat heute Morgen die Erzeugerpreise gewerblicher Produkte für August veröffentlicht. Sie lagen 4,6 Prozent über dem Vorjahresmonat, nach 3,0 Prozent im Juli, und 1,1 Prozent über dem Vormonat. Erwartet worden waren 4,1 Prozent im Jahresvergleich und 0,4 Prozent im Monatsvergleich, der Wert ist also in beiden Richtungen deutlich höher ausgefallen als gedacht. Die Verbraucherpreise desselben Berichtsmonats liegen bei 2,9 Prozent, veröffentlicht am 10. September.

Aus diesen beiden Zahlen wird regelmäßig eine dritte Aussage gemacht, und die ist der Gegenstand dieses Textes. Sie lautet, der Erzeugerpreis stehe am Anfang einer Kette, der Verbraucherpreis an ihrem Ende, und der Abstand von 1,7 Punkten zeige deshalb, was noch kommt. Der Erzeugerpreisindex (PPI) gilt in dieser Lesart als Frühindikator für den Verbraucherpreisindex (CPI). Die Vorstellung ist eingängig, denn irgendwo muss ein teurer gewordenes Vorprodukt ja landen.

Gegen diese Lesart steht eine Zeile aus derselben Veröffentlichung von heute Morgen. Der Erzeugerpreis für Strom liegt 1,7 Prozent über dem Vorjahr. Im Verbraucherpreisindex für denselben Monat steht Strom mit minus 5,5 Prozent. Dieselbe Ware, dasselbe Land, derselbe Berichtsmonat, dasselbe Amt, und zwei verschiedene Vorzeichen. Wenn eine Zahl die andere anführte, könnte das nicht passieren. Es passiert trotzdem, und der Grund ist nicht ein Fehler, sondern der Bau der beiden Indizes.

Zwei Warenkörbe, die kaum dasselbe messen

Ein Preisindex ist eine gewichtete Summe. Was er anzeigt, hängt deshalb genauso an den Gewichten wie an den Preisen. Und die Gewichte dieser beiden Indizes sind grundverschieden, weil sie zwei verschiedene Fragen beantworten. Der Erzeugerpreisindex misst, was Hersteller in Deutschland für ihre im Inland abgesetzten Produkte erlösen. Der Verbraucherpreisindex misst, was ein privater Haushalt für seinen Konsum bezahlt. Das sind nicht zwei Stufen desselben Rohres, das sind zwei verschiedene Rohre.

Der Unterschied lässt sich beziffern. Energie wiegt im Erzeugerpreisindex 265,6 von 1000 Promille, also 26,6 Prozent. Im Verbraucherpreisindex sind es 73,9 Promille oder 7,4 Prozent. Das Verhältnis beträgt rund dreieinhalb zu eins. Ein Energieschock, der beide Körbe gleich stark trifft, erscheint in der Erzeugerzahl also dreieinhalbmal so schwer. Genau das passiert gerade. Die Hauptgruppe Energie steht im Erzeugerpreisindex bei plus 8,3 Prozent, Mineralölerzeugnisse bei plus 40,5 und leichtes Heizöl bei plus 65,3 Prozent. Rechnet man Energie heraus, bleiben von den 4,6 Prozent noch 3,1 übrig.

Die zweite Hälfte des Unterschieds ist noch größer und wird seltener genannt. Gut die Hälfte des Verbraucherkorbs sind Dienstleistungen, genau 503,4 von 1000 Promille. Allein die Nettokaltmiete trägt 172,4 Promille, also mehr als ein Sechstel des gesamten Korbs. Im Erzeugerpreisindex gewerblicher Produkte kommt davon nichts vor. Keine Miete, keine Gastronomie, keine Versicherung, keine Arztrechnung. Enthalten sind aus dem Dienstleistungsbereich nur Reparatur und Instandhaltung von Maschinen mit 28,6 Promille. Über 17 Prozent des Verbraucherkorbs bestehen also aus einer Position, zu der die Erzeugerzahl schlicht schweigt.

Wasser ist im Erzeugerpreisindex Teil der Hauptgruppe Energie. Ohne Wasser liegt das Energiegewicht bei 25,4 statt 26,6 Prozent. Die beiden Gewichte haben außerdem verschiedene Nenner, beim Erzeugerpreisindex den Inlandsumsatz, beim Verbraucherpreisindex die privaten Konsumausgaben.
Vier waagerechte Balken auf einer Skala von 0 bis 55 Prozent. Energie wiegt im Erzeugerpreisindex 26,6 Prozent und im Verbraucherpreisindex 7,4 Prozent. Dienstleistungen wiegen im Erzeugerpreisindex 2,9 Prozent und im Verbraucherpreisindex 50,3 Prozent.
Die beiden Indizes gewichten ihre größten Posten fast spiegelverkehrt. Was den einen dominiert, ist im anderen eine Randgröße.

Dieselbe Kilowattstunde, zwei Vorzeichen

Die Gewichte erklären, warum die Gesamtraten auseinanderlaufen können. Sie erklären noch nicht, warum eine einzelne Ware in beiden Tabellen in verschiedene Richtungen zeigt. Beim Strom liegt der Erzeugerpreis 1,7 Prozent über dem Vorjahr, der Verbraucherpreis 5,5 Prozent darunter. Beim Erdgas stehen plus 7,5 Prozent in der Verteilung gegen minus 2,9 Prozent beim Haushalt einschließlich Betriebskosten. Das ist kein Rundungsunterschied, das sind entgegengesetzte Bewegungen.

Der Grund liegt darin, dass die beiden Zahlen verschiedene Käufer beobachten. Der Erzeugerpreis für Strom wird stark von Sondervertragskunden und von Börsennotierungen getragen, also von Abnehmern, deren Preis sich schnell mit dem Großhandel bewegt. Er enthält Stromsteuer, Umlagen, Netzentgelte und die Kosten des Emissionshandels, aber keine Mehrwertsteuer. Der Verbraucherpreis misst Haushaltstarife mit Mehrwertsteuer, und Haushaltstarife hängen an Verträgen mit Laufzeiten und Kündigungsfristen. Eine Preisbewegung im Großhandel erreicht sie erst, wenn ein Vertrag ausläuft oder der Versorger die Tarife anpasst.

Daraus folgt ein Handgriff, der über dieses Thema hinaus trägt. Bevor du zwei Preisreihen gegeneinander hältst, prüfe, ob sie denselben Käufer meinen. Der Großhandel, der Erzeuger, der Verbraucher und der Importeur kaufen nicht dieselbe Menge, nicht zu denselben Konditionen und nicht mit derselben Steuer. Für dieselbe Kilowattstunde entstehen dabei vier verschiedene Preise, die sich unabhängig voneinander bewegen dürfen. Wer das übersieht, liest einen Widerspruch, wo eine Definition steht.

Wie es dazu kam

Die heutige Zahl ist der vorläufige Endpunkt einer ungewöhnlich schnellen Bewegung. Von März 2025 bis März 2026 lagen die deutschen Erzeugerpreise dreizehn Monate in Folge unter dem Vorjahr, im Februar 2026 mit minus 3,3 Prozent am tiefsten. Seitdem geht es steil nach oben. Im April standen 1,7 Prozent, im Juli 3,0, jetzt 4,6. Von Februar bis August hat sich die Rate also um 7,9 Punkte bewegt.

Im selben Zeitraum hat sich die Verbraucherpreisrate um 1,0 Punkt bewegt, von 1,9 auf 2,9 Prozent. Und während die Erzeugerpreise ein ganzes Jahr lang fielen, lag die Verbraucherpreisrate durchgehend zwischen 1,8 und 2,4 Prozent. Sie ist zu keinem Zeitpunkt ins Minus gerutscht, auch nicht mit Verzögerung. Ein Frühindikator, der ein Jahr lang minus 3 Prozent anzeigt, während die angeblich angeführte Größe stabil bei 2 Prozent steht, hat in diesem Jahr nichts angeführt.

Der Antrieb der jetzigen Bewegung ist bekannt und er ist derselbe wie auf den anderen Preisstufen. Die Großhandelsverkaufspreise lagen im August 6,8 Prozent über dem Vorjahr, nach 5,3 im Juli und 4,9 im Juni, und auch dort tragen Energie und Kraftstoffe den Ausschlag. Die Kette lautet 6,8 Prozent im Großhandel, 4,6 beim Erzeuger und 2,9 beim Verbraucher. Sie sieht nach einem abnehmenden Durchreichen aus, und genau diese Lesart prüft der nächste Abschnitt.

Das eigentliche Signal steht in der Gruppe, die niemand nennt

Der Erzeugerpreisindex wird in vier Hauptgruppen gegliedert, und sie laufen in diesem Monat weit auseinander. Vorleistungsgüter, also Material und Halbzeug für andere Hersteller, liegen bei plus 6,1 Prozent und wiegen mit 33,3 Prozent am schwersten. Investitionsgüter stehen bei plus 2,4 Prozent, Gebrauchsgüter bei plus 2,1. Und dann gibt es eine vierte Gruppe, die in kaum einer Zusammenfassung auftaucht.

Die Verbrauchsgüter liegen bei minus 2,0 Prozent. Das ist genau die Gruppe, die dem Verbraucherkorb am nächsten steht, also Waren des täglichen Bedarfs, die nicht lange halten. Während die Schlagzeile 4,6 Prozent sagt, fallen die Preise derjenigen Produkte, die ein Haushalt am ehesten kauft. Wer die Erzeugerzahl als Vorschau auf das Regal liest, liest also ausgerechnet die Gruppe nicht, die dort ankommt.

Dieselbe Arithmetik zeigt der Euroraum. Die Erzeugerpreise lagen dort im Juli bei 5,8 Prozent, ohne Energie bei 3,1. Auf der Verbraucherseite steht für August die Position Industriegüter ohne Energie bei plus 1,2 Prozent. Das sind genau die Waren, die Produzenten herstellen, gemessen an der Ladentheke. Die Europäische Zentralbank beziffert die Zusammensetzung des Erzeugerpreisindex im Euroraum auf 41 Prozent Vorleistungsgüter, 28 Prozent Investitionsgüter, 19 Prozent Nahrung und Tabak und nur 12 Prozent Konsumgüter ohne Nahrung. Die Schlagzeilenrate wird also von Gütern getragen, die nie in einem Einkaufswagen landen.

Anderswo erzeugt dasselbe Muster ein anderer Treiber

Der Abstand zwischen beiden Raten ist in dieser Woche kein deutsches Phänomen, und die Gründe unterscheiden sich von Land zu Land. Kanada meldete für August Erzeugerpreise von plus 13,5 Prozent und Verbraucherpreise von plus 3,0 Prozent, ein Abstand von zehneinhalb Punkten. Man würde Energie dahinter vermuten. Der größte Einzelbeitrag kommt aber aus unverarbeitetem Gold, Silber und Platin mit plus 46,3 Prozent, dazu Kupfer mit plus 49,3 und Aluminium mit plus 27,6 Prozent.

Das ist ein besonders klarer Fall, weil er die Frage der Durchreiche gar nicht erst stellt. Gold steht in keinem Verbraucherkorb. Der kanadische Erzeugerpreisindex misst, was Hersteller im Land ab Werk erlösen, und wenn ein Land viel Metall fördert und verarbeitet, schlägt der Metallpreis dort voll durch. Zum Verbraucher kommt davon nichts, weil er kein Gold kauft. Der Abstand von zehneinhalb Punkten ist damit vollständig erklärt, ohne dass irgendetwas noch unterwegs wäre.

Südkorea zeigt dasselbe Muster mit einem dritten Treiber. Die Erzeugerpreise lagen im August bei plus 7,9 Prozent, die Verbraucherpreise bei plus 3,1. Den Ausschlag im Monat gaben dort Agrarerzeugnisse, Vieh und Fischerei mit plus 3,8 Prozent nach anhaltender Hitze. Drei Länder, drei verschiedene Treiber, und in allen dreien ein zweistelliger oder hoher einstelliger Erzeugerwert neben einer Verbraucherrate um drei Prozent. Was die drei teilen, ist nicht ein gemeinsamer Schock, sondern die Bauart ihrer Indizes.

Warum, ganz nüchtern

Die Frage, ob Erzeugerpreise Verbraucherpreise anführen, ist seit Jahrzehnten untersucht, und die Antwort fällt nüchterner aus, als die Kettenvorstellung vermuten lässt. Die Europäische Zentralbank schreibt in ihrem Wirtschaftsbericht, die Erzeugerpreise der Kopfzahl könnten nicht als direkter Indikator für den Preisdruck bei den Verbraucherpreisen genommen werden. Eine Untersuchung der Federal Reserve Bank of Kansas City aus dem Jahr 1995 hat den Nutzen echt außerhalb der Schätzperiode geprüft und fand, dass die Erzeugerpreise die Prognose in zwei von vier Teilzeiträumen verschlechterten. Die Federal Reserve Bank of New York kam im selben Jahr zu einem ähnlichen Ergebnis.

Die genaueste Messung stammt von der kanadischen Statistikbehörde und sie ist ernüchternd konkret. Bei Schweinefleisch erhöht ein Prozentpunkt Erzeugerpreis den Verbraucherpreis um 0,078 Prozentpunkte, kumuliert über zwölf Monate um 0,071. Zwischen dem Preis für Mehl und dem Preis für Brot ließ sich überhaupt kein Zusammenhang nachweisen. Die Behörde nennt die Reihen für die vergangenen zehn Jahre unbrauchbar für eine belastbare Vorhersage. Ein Papier des US-Statistikamts fand bei den Kernindizes sogar, dass der Impuls in die andere Richtung läuft, der Verbraucherpreis also den Erzeugerpreis anhebt.

Für Deutschland ist die Lage dünner, und das gehört dazugesagt. Weder Bundesbank noch Statistisches Bundesamt veröffentlichen einen Koeffizienten oder einen quantifizierten Vorlauf. Aufschlussreich ist aber, was die Bundesbank in ihrem makroökonometrischen Modell tatsächlich benutzt. In den dortigen Preisgleichungen stehen Lohnstückkosten und Importpreise, die gewerblichen Erzeugerpreise kommen als erklärende Größe nicht vor. Eine Behörde, die eine Reihe für einen guten Frühindikator hielte, würde sie kaum aus ihrem eigenen Modell heraushalten.

Der faire Gegenpunkt

Es wäre falsch, aus alldem zu schließen, zwischen den beiden Reihen bestehe kein Zusammenhang. Die Europäische Zentralbank hat ihn selbst beziffert, und zwar in derselben Publikationsreihe, aus der die Warnung oben stammt. Für die Zeit vor 2022 schätzt sie, dass ein Prozent höhere Erzeugerpreise die Verbraucherpreise für Industriegüter ohne Energie über zwei Jahre um rund 0,8 Prozent heben. Bei Nahrungsmitteln liegt die Weitergabe bei rund einem Prozent binnen eines Jahres, und seit 2022 beobachtet sie eine vollständige Weitergabe schon innerhalb von zwei Quartalen.

Auch die Verzögerungs-These hält einem Test besser stand, als man erwarten würde. Im Jahr 2022 erreichten die deutschen Erzeugerpreise ihren Höchststand im August und September, die Verbraucherpreise im Oktober. Dazwischen lagen zwei Monate, nicht zwölf. Wer damals sagte, der Gipfel komme noch, hatte in der Richtung und im Zeitpunkt recht. Falsch war allein die Größenordnung, denn der Erzeugergipfel lag bei 45,8 Prozent und der Verbrauchergipfel bei 10,4 Prozent, ein Verhältnis von rund viereinhalb zu eins.

Der Zusammenhang ist also nicht schwach, er ist schmal und hängt vom Regime ab. Schmal, weil er nur den Teil des Korbs betrifft, den beide Indizes gemeinsam haben, also Industriegüter und Nahrungsmittel. Regimeabhängig, weil die Weitergabe in Phasen hoher Inflation schneller und vollständiger läuft als in ruhigen Zeiten. Was daraus nicht folgt, ist eine Umrechnung von der einen Zahl in die andere. Dafür müsste man wissen, welcher Teil der 4,6 Prozent überhaupt im gemeinsamen Bereich liegt, und dieser Teil ist in diesem Monat ausgerechnet der, der fällt.

Was das für Anleger heißt

Für ein Depot ist die Erzeugerzahl vor allem deshalb interessant, weil sie regelmäßig als Argument für den nächsten Zinsschritt benutzt wird. Die Europäische Zentralbank steuert aber nach der Verbraucherpreisrate, nicht nach der Erzeugerrate, und im Euroraum liegt sie für August bei 3,2 Prozent. Wer aus 4,6 Prozent beim deutschen Erzeuger einen Rückschluss auf die Reaktionsfunktion der Notenbank zieht, überspringt genau die Umrechnung, die dieser Text als unzulässig beschreibt. Die Zahl, die zählt, steht in der anderen Tabelle.

Der zweite Kanal ist konkreter und läuft über die Gewinnrechnung. Ein Erzeugerpreis ist für die einen ein Erlös und für die anderen ein Einkaufspreis. Steigen die Vorleistungsgüter um 6,1 Prozent, während die Verbrauchsgüter um 2,0 Prozent fallen, dann bedeutet das für Hersteller am Ende der Kette eine Schere, denn sie zahlen mehr und lösen weniger. Das ist eine Margenfrage und keine Inflationsfrage, und sie betrifft einen schweren Block im europäischen Teil eines Welt-Indexfonds. In Kanada zeigt derselbe Index dagegen einen Rohstoffboom an, also für die dortigen Förderer eher das Gegenteil.

Zwei Dinge sind dabei ehrlich zu benennen. Die genannten Gewichte stammen aus Wägungsschemata mit verschiedenen Basisjahren, 2021 beim Erzeuger- und 2020 beim Verbraucherpreisindex, und sie haben verschiedene Nenner. Der Vergleich trägt die Aussage über die Größenordnung, nicht eine Rechnung auf die Nachkommastelle. Und die Zahlen für den Euroraum und für Spanien beziehen sich auf Juli, weil der August dort noch nicht veröffentlicht ist. Was du mit alldem machst, ob du die Erzeugerzahl künftig anders liest und ob sie für deine Anlagedauer überhaupt eine Rolle spielt, bleibt deine Entscheidung.

Quellen

  1. Erzeugerpreise gewerblicher Produkte August 2026, Pressemitteilung Nr. 328 Statistisches Bundesamt · statistik ·
  2. Verbraucherpreisindex August 2026, Pressemitteilung Nr. 320 Statistisches Bundesamt · statistik ·
  3. Wägungsschema des Erzeugerpreisindex gewerblicher Produkte, Basis 2021 Statistisches Bundesamt · statistik ·
  4. Verbraucherpreisindex, Sondergliederungen und Wägungsschema Basis 2020 Statistisches Bundesamt · statistik ·
  5. Industrial Product and Raw Materials Price Indexes, August 2026 Statistics Canada · statistik ·
  6. Erzeugerpreise im Euroraum, Juli 2026 Eurostat · statistik ·
  7. Jahresinflationsrate im Euroraum im August 2026 auf 3,2 Prozent gestiegen Eurostat · statistik ·
  8. Wirtschaftsbericht zur Aussagekraft der Erzeugerpreise für den Verbraucherpreisdruck Europäische Zentralbank · zentralbank ·
  9. Do Producer Prices Lead Consumer Prices? Federal Reserve Bank of Kansas City · studie ·
  10. Auswertung zur Weitergabe von Erzeuger- auf Verbraucherpreise Statistics Canada · statistik ·
  11. Großhandelsverkaufspreise August 2026, Pressemitteilung Nr. 326 Statistisches Bundesamt · statistik ·

Zur Entstehung dieses Artikels

Dieser Beitrag wurde auf Basis der oben verlinkten Quellen mit KI-Unterstützung erstellt und vor Veröffentlichung redaktionell geprüft. Stand der Daten ist der 18. September 2026. Die deutschen Erzeugerpreise für August wurden an diesem Tag um 08:00 Uhr veröffentlicht, die Verbraucherpreise desselben Monats am 10. September. Beide sind Originalwerte ohne Saisonbereinigung und können revidiert werden. Die genannten Gewichte stammen aus zwei Wägungsschemata mit verschiedenen Basisjahren, 2021 für den Erzeuger- und 2020 für den Verbraucherpreisindex, und sie haben verschiedene Nenner, nämlich den Inlandsumsatz gegenüber den privaten Konsumausgaben. Der Vergleich trägt deshalb eine Größenordnung und keine Rechnung auf die Nachkommastelle. Wasser zählt im Erzeugerpreisindex zur Hauptgruppe Energie, ohne Wasser läge deren Gewicht bei 25,4 statt 26,6 Prozent. Die Werte für den Euroraum und für Spanien beziehen sich auf den Berichtsmonat Juli 2026, weil der August dort erst im Oktober beziehungsweise am 24. September erscheint. Die kanadischen und südkoreanischen Werte sind vorläufig. Die zitierten Untersuchungen zur Weitergabe messen durchweg die Erzeugerpreisrate selbst und nicht den Abstand zwischen beiden Raten, die Folgerung auf den Abstand ist eine eigene und keine Fundstelle. Die Einordnung selbst gibt den Stand vom 18. September 2026 wieder.

Hinweis: Dieser Beitrag ist eine journalistische Analyse und Einordnung zu allgemeinen wirtschaftlichen Zusammenhängen. Er stellt keine Anlageberatung und keine Anlage- oder Anlagestrategieempfehlung im Sinne der Marktmissbrauchsverordnung (EU) 596/2014 dar, ist keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten und ersetzt keine individuelle Beratung. Genannte Wertpapiere, Indizes oder Anlageklassen dienen ausschließlich der Veranschaulichung. Jede Anlageentscheidung liegt in eigener Verantwortung.

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